SZ

Pionierprojekt in Burbach
Mit Datenmedizin gegen den Ärztemangel

Studienarzt Prof. Dr. Nabeel Farhan erklärt Heimbewohner Bernhard Klein und Pflegedienstleiterin Daniela Dörr von den Christlichen Seniorenhäusern Lützeln wie die Datenübertragung funktioniert.
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  • Studienarzt Prof. Dr. Nabeel Farhan erklärt Heimbewohner Bernhard Klein und Pflegedienstleiterin Daniela Dörr von den Christlichen Seniorenhäusern Lützeln wie die Datenübertragung funktioniert.
  • Foto: Matthias Schäfer/DMGD
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Ein Pionierprojekt läuft seit Sommer. Wie die Gemeinde Burbach Hausärzte entlasten möchte. 

tin

Ein Pionierprojekt läuft seit Sommer. Wie die Gemeinde Burbach Hausärzte entlasten möchte. 

tin Holzhausen/Lützeln. Die ärztliche Versorgung im ländlichen Raum ist ein zentrales Zukunftsthema. Gesundheitsexperten rechnen mit einem weiteren Rückgang von Ärztinnen und Ärzten – gleichzeitig wird die Gesellschaft älter und der Bedarf an Gesundheitsleistungen größer. Versorgungsengpässe drohen. Eine Lösung könnte ein sogenanntes Vitaldaten-Monitoring sein. Patienten messen ihren Blutdruck selbst und das Smartphone leitet die Werte an den Hausarzt weiter. So etwas wird, obwohl es die technischen Möglichkeiten gäbe, im gesamten Bundesgebiet noch nicht praktiziert. Aber getestet: Nämlich in der Gemeinde Burbach. Die hatte vor einiger Zeit einstimmig beschlossen, am Pionier-Projekt "DataHealth" teilnehmen zu wollen – das genau so funktioniert. Die am Projekt beteiligten Wissenschaftler und Ärzte sowie Bürgermeister Christoph Ewers präsentierten am Mittwochabend in Holzhausen erste Erkenntnisse. Eine Deutschlandpremiere – organisiert vom Förderkreis alte Schule des Heimatvereins Holzhausen. 

Vitaldaten: Pionierprojekt in Burbach läuft seit Sommer

Bereits seit dem 15. Juli 2021 läuft das Projekt. Seit Dezember werden Vitaldaten gesammelt und ausgewertet. "Zunächst von zu Pflegenden aus einem Pflegeheim und ab März dann auch von Hausarztpatienten", erklärt Dr. Olaf Gaus, der leitende Wissenschaftsmanager für die Modellregion Dreiländereck. Beteiligt sind zwei Hausarztpraxen im Hickengrund, sowie das christliche Seniorenhaus in Lützeln. "Wir versprechen uns von dem Projekt eine Entlastung der gesundheitlichen Akteure in der Fläche für die nächsten Jahre", sagt Gaus. Laut Bürgermeister Ewers, gehe es erst mal aber auch darum zu schauen, wie die Akzeptanz der Bürgerinnen und Bürger ist. Das rund 225 000 Euro teure Projekt wurde zum Teil mit Regionalmitteln (Leader-Projekt) finanziert. 

Pflegedienstleiterin Daniela Dörr von den Christlichen Seniorenhäusern Lützeln überwacht, ob die Datenübertragung bei Bewohnerin Irmgard Häbel funktioniert.
  • Pflegedienstleiterin Daniela Dörr von den Christlichen Seniorenhäusern Lützeln überwacht, ob die Datenübertragung bei Bewohnerin Irmgard Häbel funktioniert.
  • Foto: Matthias Schäfer/DMGD
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Wie funktioniert das Ganze genau? "Wir haben ein System entwickelt, das garantiert, dass die aufgenommenen Vitaldaten vom Aufnahmegerät über ein Smartphone in eine Cloud und so zu den Hausärzten transportiert werden", sagt Reiner Brück, Professor für medizinische Informatik an der Uni Siegen. Man habe es bewusst so angelegt, dass niemand zusätzlich eingreifen muss. Heißt: Das Pflegepersonal misst den Blutdruck der Patienten wie gewohnt – „den Rest machen die Daten selbst", so Brück. Zur Veranschaulichung präsentierten die Wissenschaftler den Übertragungsprozess an einem Probanden. Bürgermeistermeister Ewers erklärte sich bereit, seine Vitaldaten messen zu lassen. Die automatisierte Übertragung glückte. Ewers zeigte sich erfreut, dass die Sauerstoffsättigung im Blut bei ihm laut Daten im grünen Bereich liegt. 

Datenmedizin mit vielen Vorteilen für Ärzte und Patienten

Die Datenmedizin biete enorme Vorteile für Ärzte und Patienten. Wie Medizin-Informatiker Brück erklärt, könne jeder selbst Vitaldaten messen. Durch das Monitoring sparen sich Patienten Arztbesuche, mit unter Umständen vielen im Wartezimmer verbrachten Stunden, bei denen beispielsweise nur der Blutdruck gecheckt wird. Manche Patienten würden aus solchen Gründen etwa auch gänzlich auf den Arztbesuch verzichten. Im ländlichen Raum sei die Anreise ja auch noch ein wichtiger Faktor. Die Vorteile für die Ärzteschaft beschreibt der am Projekt beteiligte Mediziner Dr. Nabeel Farhan. Ihm zufolge öffnen sich für die Hausärzte ganz neue Möglichkeiten, weil sie durch das Vitaldaten-Monitoring auch Trends erkennen können. Einzelne Blutdruck-Messungen könnten etwa wegen Aufregung mal erhöht sein. Bekommt ein Arzt aber Werte über einen längeren Zeitraum, könne er die Gesundheit des Patienten besser einschätzen. "Und es bleibt mehr Zeit für wichtige Patientengespräche", sagt Farhan. 

Blutdruck, Puls, Körpergewicht, Sauerstoffsättigung und Herzfrequenz können beim Projekt "DataHealth" gemessen und automatisiert an die Hausärzte verschickt werden. Mithilfe von herkömmlichen Messgeräte oder zum Beispiel auch über eine Smartwatch. Die genannten Vitaldaten werden normalerweise bei Präventionsuntersuchungen beim Hausarzt gemessen. Dieser Aufwand könnte also wegfallen. Am Pilotprojekt in Burbach nehmen aktuell 20 Hausarztpatienten und 20 Heimbewohner teil. Die Erhebung, die möglicherweise für den ländlichen Raum in ganz Deutschland repräsentativ ist, läuft noch bis Mitte Juli. Welche Vitaldaten werden gemessen?

Ärztemangel kommt auf dem Land an

"Wir spüren den Ärztemangel und merken, dass wir etwas ändern müssen", sagt Jochen Loos, der Leiter des Seniorenheims in Lützeln. Die Einrichtung habe sich entschieden, bei dem Projekt mitzumachen, weil man in der neuen Technik eine Möglichkeit sieht, dem Ärztemangel im ländlichen Raum begegnen zu können. Doch birgt die neue Technik nicht auch Gefahren? Immerhin sind Gesundheitsdaten besonders sensible Daten. Dass es zu Daten-Piraterie kommen könnte, schließt Projektleiter Olaf Gaus nicht aus. „Das kann es immer geben". Informatikprofessor Brück versichert aber, dass die Programmierer die Vitaldaten bestmöglich geschützt haben. Etwa so, dass wirklich nur die Hausärzte auf die passwortgeschützte Cloud zugreifen können. „Es führt kein Weg an der Digitalisierung auch von Gesundheitsdaten vorbei", findet Bürgermeister Ewers. "Ich habe da ein gewisses Vertrauen." Es sei natürlich alles eine Abwägung, ergänzt Gaus. „Welche Risiken bin ich bereit für welchen Nutzen einzugehen." Der Nutzen, so sein Eindruck, überwiege jedoch bei der Datenmedizin. Gerade bei älteren Patienten.

Autor:

Nico Tielke

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