Greenscan strebt energieautarke Praxis an
Ökologische Prozessoptimierung

„Grüne Praxis“: Auf der Lipper Höher am Siegerland-Flughafen nahm im Frühjahr die Praxis der Greenscan GmbH den Betrieb auf. Hier soll ökologische Prozessoptimierung „auf Herz und Niere“ untersucht werden.
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  • „Grüne Praxis“: Auf der Lipper Höher am Siegerland-Flughafen nahm im Frühjahr die Praxis der Greenscan GmbH den Betrieb auf. Hier soll ökologische Prozessoptimierung „auf Herz und Niere“ untersucht werden.
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tile Lippe. Mensch und Natur leben in einer Symbiose miteinander. Das heißt, sie sollten es. Tatsächlich aber betreibt der Homo sapiens Raubbau am Planeten. Die Auswirkungen bekommt die „Krone der Schöpfung“ immer deutlicher zu spüren. Stichwort Klimawandel. Ein Umdenken und Innovationen sind daher gefragt. Auch „im Kleinen“, wie es so schön heißt. Im Gewerbegebiet Siegerland-Flughafen auf der Lipper Höhe wagt Prof. Dr. Hans-Martin Klein vor diesem Hintergrund derzeit ein „medizinisches Experiment“. In einer Art Modellpraxis strebt er eine ökologische Prozessoptimierung für einen nahezu energieautarken Betrieb an. Die besondere Herausforderung: Als Radiologe ist der 57-Jährige auf einen wahren „Stromfresser“ angewiesen – einen Magnetresonanztomographen.

Hochfeld- und Niederfeld-MRT

Da fügt es sich, dass Hans-Martin Klein ein Verfechter des MRT-Prinzips „as low as reasonable achievable“ (ALARA) ist: also „so niedrig wie vernünftig erreichbar“. Was heißt das? Über Jahrzehnte etablierten sich in der Radiologie MRT-(Ultra-)Hochfeldgeräte. Die leistungsstärksten erzielen eine magnetische Flussdichte von 9,4 Tesla (der Standard liegt bei 1,5 bis 3 Tesla). Dabei gilt: je höher die Feldstärke, desto stärker die gemessene Signalstärke. Dazu schreibt die Max-Planck-Gesellschaft auf ihrer Homepage: „Aus diesem Grund besteht in der aktuellen Forschung der Trend, MRT-Experimente bei immer höheren Feldstärken zu betreiben. Ein stärkeres Signal bedeutet, dass sich Messzeiten verkürzen beziehungsweise die Auflösung der Bilder sich erhöht.“ Dem widerspricht Klein prinzipiell nicht. Aber: Die Crux sei, dass zum einen die Belastung für den Menschen höher sei bzw. steige, zum anderen bedeute eine hohe Feldstärke einen enormen Stromverbrauch.
Der Siegener Mediziner, der 1996 zur CT- und MRT-Diagnostik habilitierte, beschäftigt sich daher schon länger mit Untersuchungen im Niedrigfeldstärkenbereich. 2016 veröffentlichte er das Buch „Clinical low field magnetic resonance imaging: A practical guide to accessible MRI“. Darin hatte er das, was er jetzt in die Tat umsetzt, bereits theoretisch durchgeplant. Neben der Installation einer Photovoltaikanlage, um einen Großteil des Eigenstorms selbst zu produzieren, war die Niederfeld-Magnetresonanztomographie mit 0,35 Tesla eine wichtige Säule in dem Gesamtkonzept, das Hans-Martin Klein mit der Greenscan GmbH verfolgt.

Eigenstrom durch Photovoltaik

An Scan-Tagen liege der Verbrauch bei 80 bis 100 kWh, wobei 80 Prozent über den selbst produzierten Strom gedeckt werden. Die Kosteneinsparung durch das Gerät mit niedriger Feldstärke kann der Mediziner heute natürlich noch nicht mit Genauigkeit beziffern. Für ein 1,5-Tesla-Gerät liege die Jahresrechnung bei ca. 70.000 Euro. Er sollte es wissen, hat er doch 2011 schon das medizinische Zentrum am Siegerland-Flughafen gegründet, wo ein solches Gerät zum Einsatz kommt. Dort deckt die 300 qm große Photovoltaikanlage auf dem Dach 20 Prozent der Energie für die Magnetresonanztomographie ab.
Die Vorteile niedriger Feldstärken für die Patienten lägen indes auf der Hand: eine geringere körperliche Belastung (laut Klein nur etwa 6 Prozent eines herkömmlichen und ca. 1 Prozent eines Hochfeld-Tesla-3-MRT), ein offenes Magnetdesign, wodurch ein leichterer Einstieg möglich sei, sowie die reduzierte Lautstärke. Dass mit dem Niederfeld-MRT nicht alle Diagnosen möglich sind, räumt Hans-Martin Klein ein. Er nennt sein Ansinnen, die Bildgebung ökologisch zu optimieren, gar „verrückt“. Denn: „Der Patient denkt nicht zuerst ökologisch, sondern will eindeutige Bilder bzw. Diagnosen“, weiß der ehemalige Geschäftsführer und ärztliche Leiter des MVZ am Jung-Stilling-Krankenhaus in Siegen (2004 bis 2010). Unter ihm wurde seinerzeit das nach eigenen Angaben erste Niederfeldgerät in Deutschland in einem Krankenhaus in Betrieb genommen.

Wissenschaftliche Publikation geplant

Aber genau hier setze die wissenschaftliche Betrachtung (sowie seine Motivation) ein: Wie gut kann die Bildqualität tatsächlich sein? Dazu gebe es nur wenige (internationale) Untersuchungen. Der Plan sei es, darüber auch zu publizieren. Einen wissenschaftlichen Austausch gebe es mit der RWTH Aachen, an der Hans-Martin Klein eine Professur inne hat. Zudem kooperiert er u. a. auch mit dem St.-Marien-Krankenhaus.
Die ersten Erfahrungen stimmen den Mediziner optimistisch. Die Bildergebnisse seien den Standard-MRTs ähnlich, sagt der Neuroradiologe: „Entscheidend für eine gleichwertige Bildqualität sind eine ca. doppelt so lange Messzeit sowie die Spulenqualität.“ Die Technologie sei, bezogen auf die Bildqualität, nicht besser als bei 1,5-Tesla-Geräten, aber das Ziel sei es, „so nah heranzukommen wie möglich“. Für speziellere Diagnostik, beispielsweise für die Spektroskopie oder funktionelle Magnetresonanztomographie, reiche die Bildqualität zwar nicht aus, aber absolut für die „Brot-und-Butter-Diagnostik“.

Wirtschaftlichkeit langfristiges Ziel

Die Wirtschaftlichkeit der Praxis stehe, zumindest für ihn persönlich, nicht im Vordergrund, betont Hans-Martin Klein. Er werde noch etwa sieben Jahre praktizieren. In dieser Zeit werde sich die Startinvestition wohl nicht amortisieren. Um ökologische Optimierungsprozesse für niedergelassene Ärzte überhaupt interessant zu machen, sei die Wirtschaftlichkeit aber natürlich ein langfristiges Ziel. Hier setzt der RTWH-Dozent seine Hoffnung auch in die technologische Weiterentwicklung. Die Lithium-Ionen-Batterie sieht er – in einigen Jahren – als „nächsten großen Schritt“. Damit werde die bisherige Ladekapazität verdreifacht, was wiederum eigenproduzierten Strom attraktiver mache.

Befundung wird dezentralisiert

Chancen zur Neuorganisation innerer Abläufe und externer Kommunikation bietet zudem die Digitalisierung. Über die in Kooperation mit dem Unternehmen Telepax unter Einhaltung datenschutzrechtlicher Vorgaben entwickelte App „HealthDataSpace“ wickelt Greenspace die Datenübermittlung zum Patienten ab. Was früher in gedruckter Form und zuletzt als Daten-CD verschickt wurde, ist nunmehr über eine individuell codierte Cloud jederzeit und überall abrufbar. „Die Befundung wird dezentralisiert.“ Das ist nicht nur für Arzt und Patient bequemer, es spart auch Material (und somit Ressourcen) und reduziert Emissionen: zusätzliche Praxisfahrten entfallen.

Autor:

Tim Lehmann (Redakteur) aus Siegen

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