800 Jahre Burbach
Streifzug durch Glaube und Kirche

Mit viel Applaus wurden die Vorträge des Projektchors zum 800. Geburtstag unter der Leitung von Jörg Furchtmann vom Publikum honoriert.
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  • Mit viel Applaus wurden die Vorträge des Projektchors zum 800. Geburtstag unter der Leitung von Jörg Furchtmann vom Publikum honoriert.
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roh Burbach. Am Samstag referierte der Marburger Theologe Dr. Ulf Lückel in der fünften Folge der Streifzüge durch Glaube und Kirche in Burbach zum für das Siegerland besonders spannenden Thema „Aufklärung und Erweckung“ (1800 – 1870) in der ev. Kirche zu Burbach. Die Frage von Moderator Friedhelm Schneider an den Theologen, ob die Erweckung für uns heute noch eine Rolle spiele, beantwortete Lückel mit einem entschiedenen: Ja.

„Wir haben ein reich bestelltes Feld hinter uns. Auch damals haben Menschen in einer schwierigen Zeit Erfahrungen mit Jesus Christus gemacht. Die Hoffnung von ihnen, die trägt, können wir auch heute adaptieren", so der Wittgensteiner. Sein Referat zeigte Machthaber, die Menschen über Jahrhunderte ihre gesellschaftliche Ordnung als von Gott gegeben, verkauften. Sie galt als unumstößlich. Jeder hatte seinen festen Platz. Kirche funktionierte in der gesellschaftlichen Ordnung und verlor vielfach den Bezug zum Evangelium. Dagegen begehrten die sogenannten radikalen Pietisten auf, von daher radikal, weil sie "back to the roots" wollten, zum Evangelium.

Diese Herzensfrömmigkeit schwappte aus dem Bergischen Land auch ins Siegerland. Allerdings zunächst ohne große Resonanz bei den ortsansässigen Handwerkern und Bauern im Freien Grund. Das änderte sich in Burbach vor allem mit Oberpfarrer Johann Heinrich Otterbein (1722 – 1800). Er hielt Bibelstunden nach dem Gottesdienst und am Sonntagnachmittag ab, bereits in der Art der heute vielfach praktizierten „Hauskreise“. Die erste pietistische Welle verlief sich, weil die orthodoxe Obrigkeit die neue Bewegung einzudämmen versuchte und sich kraftvoll eine neue europaweite Entwicklung in den Vordergrund drängte: die Aufklärung.
Plötzlich wurde die Forderung an die Menschen herangetragen: „Wach auf: Sapere aude – habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ Lediglich das, was du mit deinem Intellekt erfassen und erklären kannst, lass Maß und Grundlage deiner Entscheidungen sein. Das war für die Menschen eine umwälzende Entwicklung, die auf der einen Seite befreite, aber auf der anderen Seite auch Angst machte. Es kamen Zweifel auf, ob alle Probleme und Konflikte mit dem Verstand zu lösen waren. Konnten Pfarrer, die Vernunftspredigten hielten, den Menschen Wegweiser sein? War es möglich Gefühle und Fantasien komplett auszuschalten?

Über die Wetterau und die beiden Wittgensteiner Grafschaften schwappte im 19. Jahrhundert eine zweite Welle des Pietismus ins Siegerland. „Das aus der ersten Welle des Pietismus Verschüttete kam wieder hoch!“, so Lückel. 1833 wurde die evangelische Gemeinschaft in Burbach gegründet. Besonders viele Teilnehmer der Siegerländer Versammlungen waren Arbeiter, Handwerker und Bergleute. Das war umso erstaunlicher, weil ansonsten die Industriearbeiter als der Kirche entfremdet galten, andererseits aber auch nicht verwunderlich, weil Bergbau und Montanindustrie die überragende Rolle in der heimischen Industrie spielten. Männer waren deutlich stärker vertreten als Frauen.

1857 entstand in Weidenau das erste Vereinshaus des Siegerlandes. 1880 errichtete der „Verein für Reisepredigt“, der 1853 gegründet wurde und heute ev. Gemeinschaftsverband Siegerland und Nachbargebiete heißt, das Vereinshaus Hammerhütte in Siegen als zentralem Versammlungsort, der 1890 wegen des Hungers nach Gottes Wort auf ca. 1500 Plätze erweitert wurde.
Pfarrer Friedrich Wilhelm Ludwig Rumpäus (1809 – 1880), der 1841 in Burbach eingeführt wurde, verstand es, die neu erwachte Sehnsucht nach dem Evangelium zu erfüllen. Im Periodikum „Der Evangelist aus dem Siegerland“ heißt es dazu: „Dort in Burbach haben sie lebendiges Brot gegessen und sind froh und stark dabei geworden !“ Die Passage aus dem katholischen Kirchenlied „Großer Gott wir loben dich“, lass uns nicht verloren sein, war sein Lebensmotto.

Einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf das Fortschreiten der Erweckungsbewegung im Freien Grund übte auch der Trupbacher Schumacher Johann Heinrich Weißgerber (1798 bis 1868) aus. Um seine Predigttätigkeit einzudämmen, musste er eine Bescheinigung mit sich tragen, die ihn verpflichtete, sich nicht länger als zwei Stunden an einem Ort aufzuhalten. Er hielt in Gilsbach (Haus Sauer) und Burbach (Haus Lenz) Versammlungen ab. Weißgerber, neben dem aus Freudenberg stammenden Gerbermeister Tillmann Siebel, einer der Väter der Siegerländer Erweckungsbewegung, wurde von den kirchlichen und weltlichen Behörden in Westfalen und Nassau der „Sektiererei“ beschuldigt.
„Als besonders schlimm empfanden es die kirchlichen Behörden“, so Dr. Lückel, „dass hier „Weibspersonen“ in den Versammlungen mitredeten und sogar aus der Heiligen Schrift vorlesen würden, mehr noch: gar predigten ! Einen großen Anstoß gab, dass man sich „drücke“ und „herze“, besonders aber sich „küsse“ ! Dabei handelte es sich eigentlich nur um eine urchristliche Tradition. Die Kritik an den immer stärker besuchten Versammlungsstunden verstärkte sich, indem man von dem Unwesen der Versammlungsleute sprach.

Trotz zahlreicher Repressalien war die Bewegung nicht mehr aufzuhalten, weil die Amtskirche durch neue Agenden nach dem Übergang zu Preußen vor allem im Siegerland zusätzlich geschwächt wurde. Viele Pfarrer sympathisierten auch deshalb mit den Erweckten. Die Amtskirche schaute mehr auf Verwaltung und liturgische Erneuerung, als auf das Evangelium und Jesus Christus. Die Menschen suchten nach Halt und klarer Ordnung in ihrer teils großen Armut, statt sich aufklärerisch verunsichern zu lassen. Auch der Heidelberger Katechismus als essentielles reformiertes Gut wurde in der Amtskirche abgeschafft - in Burbach um 1780 - und erst bei der Kreissynode 1872, man höre und staune in Burbach, wiedereingeführt. 1968 betonte der damalige Präses der evangelischen Kirche von Westfalen, Ernst Wilm „Das Siegerland ist eine Welt für sich“ wegen der gelungenen Zusammenführung von reformierter Konfession und pietistischer Erweckungsbewegung. In vielen Siegerländer Kirchen- und Gemeinschaftskreisen springt man noch heute, auf den Erfahrungen der Vergangenheit bauend und am Evangelium orientiert, nicht vorschnell auf gesellschaftliche Entwicklungen auf, die das Ansinnen kleiner Gruppen verfolgt und dadurch Mehrheiten verprellt.

Für die musikalische Umrahmung der Veranstaltung sorgten die 80 Sängerinnen und Sänger des Projektchors zum 800 jährigen Jubiläum unter Chorleiter  Jörg Furchtmann und Friedhelm Schneider am Klavier u. a. mit Werken von Bach und Mendelsohn-Bartholdy. Im Rahmen der Streifzüge Plus wurde im Anschluss noch ein Film über Jung-Stilling gezeigt.

Mit viel Applaus wurden die Vorträge des Projektchors zum 800. Geburtstag unter der Leitung von Jörg Furchtmann vom Publikum honoriert.
Der gebürtige Wittgensteiner Dr. Ulf Lückel fesselte die Zuhörer mit seinem Vortrag zu „Aufklärung und Erweckung“.
Autor:

Rolf Henrichs (Freier Mitarbeiter) aus Siegen

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