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27-Jähriger rettet Senior vor heranfahrendem Zug
Tim Kemper ist ein Lebensretter

Von da kam der Zug. Tim Kemper steht zwei Monate nach seinem couragierten Einsatz an der Stelle, an die er einen 86-Jährigen schob, um ihn vor der aus Richtung Neunkirchen heranfahrenden Hellertalbahn vom Gleis zu retten.
  • Von da kam der Zug. Tim Kemper steht zwei Monate nach seinem couragierten Einsatz an der Stelle, an die er einen 86-Jährigen schob, um ihn vor der aus Richtung Neunkirchen heranfahrenden Hellertalbahn vom Gleis zu retten.
  • Foto: Tim Lehmann
  • hochgeladen von Sonja Schweisfurth (Redakteurin)

tile Burbach. Eine schöner Sommertag Ende Juli. Tim Kemper radelt vom Sport nach Hause. Am jeweils halbseitig beschrankten Bahnübergang Erzweg bleibt er stehen, das Signallicht steht auf Rot, der Schlagbaum in Fahrtrichtung ist unten. Auf der Gegenseite tritt ein älterer Mann von der „Hühnerfarm“ kommend rechts aus dem Köppelsfeld. Die Hände hat der Senior auf dem Rücken verschränkt, der Blick ist nach unten gerichtet. Auf dieser Seite hindert ihn keine Schranke daran, auf die Schienen zu treten. Im gleichen Moment hört Tim Kemper die Hellertalbahn aus Richtung Neunkirchen von rechts heranbrausen.
27-Jähriger schiebt Senior vom GleisDer 27-Jährige zögert nur kurz. „Passt das noch?“, schießt es ihm durch den Kopf. Dann trifft er eine Entscheidung, lässt das Fahrrad fallen.

tile Burbach. Eine schöner Sommertag Ende Juli. Tim Kemper radelt vom Sport nach Hause. Am jeweils halbseitig beschrankten Bahnübergang Erzweg bleibt er stehen, das Signallicht steht auf Rot, der Schlagbaum in Fahrtrichtung ist unten. Auf der Gegenseite tritt ein älterer Mann von der „Hühnerfarm“ kommend rechts aus dem Köppelsfeld. Die Hände hat der Senior auf dem Rücken verschränkt, der Blick ist nach unten gerichtet. Auf dieser Seite hindert ihn keine Schranke daran, auf die Schienen zu treten. Im gleichen Moment hört Tim Kemper die Hellertalbahn aus Richtung Neunkirchen von rechts heranbrausen.

27-Jähriger schiebt Senior vom Gleis

Der 27-Jährige zögert nur kurz. „Passt das noch?“, schießt es ihm durch den Kopf. Dann trifft er eine Entscheidung, lässt das Fahrrad fallen. Mit ein paar schnellen Schritten ist er bei dem Senior, legt den Arm um ihn und schieb ihn vom Gleis. Gerade rechtzeitig. Die beiden Männer stehen noch immer auf der falschen Seite der Schranke, als die Regionalbahn, in der der Zugführer inzwischen eine Notbremsung eingeleitet hat, hinter ihnen vorbeirauscht und erst 80 Meter nach dem Übergang zum Stehen kommt.
„Es war eine Momentaufnahme“, erinnert sich Tim Kemper. Heute, zwei Monate später und einige Grad kälter, steht er mit dem Regenschirm dort, wo er sich an jenem sonnigen Mittwoch entschieden hat – richtig entschieden hat – einzugreifen.

Senior blieb unverletzt

Der Burbacher lässt die Szene Revue passieren. „Dem Herrn ging es gut, er hat das alles gar nicht wirklich wahrgenommen“, beschreibt der junge Mann. Er habe versucht, mit dem 86-Jährigen zu reden, aber der sei weitergegangen. Auch ein Autofahrer, ein ehemaliger Jugendtrainer Kempers, der die Situation zufällig verfolgt hat, kam nicht zu dem Senior durch. Im Glauben, die Sache sei soweit geklärt, habe er noch Richtung Zug gewunken und „Daumen hoch“ gezeigt, um zu signalisieren, dass alles in Ordnung sei. „Die haben ja Rückspiegel am Zug.“ Dann schwang sich Tim Kemper aufs Rad und fuhr die restlichen paar 100 Meter nach Hause.

Zugführer erlitt Schock

Im Nachhinein bedauert der Werkzeugmechaniker, dass er dem Zugführer nicht noch einmal Bescheid gegeben hat. Denn der 21-jährige Mann erlitt einen Schock, weil er glaubte, den Senioren überfahren zu haben. „Davon habe ich erst in der Zeitung gelesen.“ In jenem Moment habe er aber nicht weiter darüber nachgedacht. Vielleicht auch, weil ihm erst jetzt ein anderer Gedanke durch den Kopf schwirrte: „Was wäre wenn …“

Alle Bahnübergänge gesperrt

Aber nur kurz beschäftigte sich Tim Kemper mit einem bösen Ende, zu dem es glücklicherweise nicht gekommen war. Die Sache war also schnell abgehakt. Umso größer war die Überraschung, als etwa 45 Minuten später die Polizei an der Haustür klingelte. „Ich kam gerade aus der Dusche.“ Als Kempers ehemaliger Trainer eine halbe Stunde nach dem Zwischenfall noch einmal an derselben Stelle vorbeikam, hatte sich mittlerweile ein Aufgebot an Polizei und Rettungswagen eingefunden, suchten nach einem potenziellen Unfallopfer. Der Zugführer wurde behandelt. Alle Bahnübergänge nach Burbach entlang des Gleises waren gesperrt. Der Übungsleiter gab den Beamten den entscheidenden Hinweis auf den Lebensretter. Und auch der Senior konnte schnell ermittelt werden.

Tim Kemper als Lebensretter ausgezeichnet

In Köln wurde Tim Kemper für sein couragiertes Handeln nun als eben genau das von der Bundespolizei ausgezeichnet: als Lebensretter. „Was nach der Sache passiert ist, war eigentlich viel aufregender“, sagt der Burbacher. Zunächst erzählte er einem Kollegen bei SSI Schäfer davon, was geschehen war. Die lange Sperrung der Bahnübergänge hatten viele mitbekommen. Nun aber machten die Hintergründe nach und nach die Runde – und welche Rolle Tim Kemper dabei gespielt hatte.
Die Tochter des Geretteten rief ihn an, um sich zu bedanken. „Wie sich herausstellte, ist ihr Vater dement“, berichtet der 27-Jährige. Die Ehefrau des Seniors brachte ihren Dank später in einem persönlichen Brief zum Ausdruck. Als seine Teamkameraden der 2. Mannschaft des FC Freier Grund von der Geschichte Wind bekamen, wurde er mit „Held!“ in der Kabine begrüßt – um gleich darauf scherzhaft festzustellen: „Für eine solche Heldentat ist eine Kiste fällig!“ Die ließ der Gefeierte allerdings nicht springen.

Keine Wiederholung, bitte

Vor Kurzem erhielt Tim Kemper dann die Einladung der Bundespolizei aus Köln, die ihn offiziell zum „Lebensretter“ ernannte und mit einer Medaille im Rahmen dekorierte. „Die steht jetzt auf der TV-Bank“, verrät der Mann der Stunde. Ihm selbst ist das Bohei um seine Person schon beinahe unangenehm. Für ihn war sein Einsatz selbstverständlich, so sei er erzogen worden. Und er würde jederzeit wieder so reagieren. „Aber ich muss so was nicht noch mal haben“, sagt er lächelnd und hofft, dass er und andere erst gar nicht in solche gefährlichen Situationen geraten.

Autor:

Tim Lehmann (Redakteur) aus Siegen

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