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100 Jahre Bauhaus: Festwochenende im Landhaus Ilse
Zeugnis moderner Architektur

Burbachs Bürgermeister Christoph Ewers mit Referentin Dr. Marlies Obier und Burbachs Kulturbeauftragten Katrin Mehlich.
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  • Burbachs Bürgermeister Christoph Ewers mit Referentin Dr. Marlies Obier und Burbachs Kulturbeauftragten Katrin Mehlich.
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rö Burbach. Nach nur zwei Jahren hat es sich über die Gemarkungsgrenzen Burbachs hinaus herumgesprochen, welch erstklassiges Zeugnis moderner Architektur seit mehr als 95 Jahren am Erzweg schlummert: Landhaus Ilse, das quasi Schwester-Gebäude des berühmten „Haus Am Horn“ in Weimar. Ein Atriumshaus, entworfen von Georg Muche, dem langjährigen Leiter der Webereiklasse und Ausschuss-Leiter der ersten Bauhaus-Ausstellung 1923.

Der ursprüngliche Auftraggeber für das heimische Exemplar war der Ingenieur Willi Grobleben, damals Direktor der WAG-Westerwald-Brüche AG. Bis zum Tod seiner Tochter Ilse (die Haus-Namensgeberin) im Jahr 2000 sollte es im Familienbesitz bleiben.

Burbach. Nach nur zwei Jahren hat es sich über die Gemarkungsgrenzen Burbachs hinaus herumgesprochen, welch erstklassiges Zeugnis moderner Architektur seit mehr als 95 Jahren am Erzweg schlummert: Landhaus Ilse, das quasi Schwester-Gebäude des berühmten „Haus Am Horn“ in Weimar. Ein Atriumshaus, entworfen von Georg Muche, dem langjährigen Leiter der Webereiklasse und Ausschuss-Leiter der ersten Bauhaus-Ausstellung 1923.

Der ursprüngliche Auftraggeber für das heimische Exemplar war der Ingenieur Willi Grobleben, damals Direktor der WAG-Westerwald-Brüche AG. Bis zum Tod seiner Tochter Ilse (die Haus-Namensgeberin) im Jahr 2000 sollte es im Familienbesitz bleiben. Schließlich, nach einigen Besitzerwechseln, erhielt die Gemeinde Burbach im Jahr 2017 das Landhaus Ilse als großzügige Spende vom damaligen Eigentümer-Ehepaar Adenauer.

Vorträge, Autorenlesungen, Musik und Führungen

Noch hält sich die Gemeinde mit Renovierungsarbeiten zurück, um es der Öffentlichkeit in seinem ursprünglichen Zustand zu zeigen. Perfekt für das jetzt stattgefundene Festwochenende anlässlich „100 Jahre Bauhaus – Bauhaus 100“ mit Autorenlesung, Musik, Vorträgen und Führungen. Viel Beachtung fand am Sonntag neben dem Vortrag von Dr. Hans Hanke (LWL) zum Landhaus Ilse die Lesung des Psychotherapeuten Tom Saller aus seinem Debütroman „Wenn Martha tanzt“. Quasi der Bauhaus-Roman, in dem der Autor auf zwei unterschiedlichen Zeitebenen das Leben der fiktiven Martha Wetzlaff aus Pommern erzählt, die 1900 geboren wurde, ein paar Jahre am Weimarer Bauhaus studierte und nach 1945 in New York als Tänzerin Karriere machte.

Ein weiterer Publikumsmagnet, vor allem für weibliche Besucher, bildete der Vortrag der heimischen Konzeptkünstlerin und Bauhaus-Enthusiastin Dr. Marlies Obier im Beisein von Burbachs Bürgermeister Christoph Ewers über die Frauen am Bauhaus, über deren Hoffnungen, Demütigungen, Verfolgungen und Ermordungen durch die Nazis. Mit Verve führte sie die gut 30 anwesenden Zuhörer zurück in die Zeit des zu Ende gehenden Wilhelminischen Kaiserreichs, zurück zu den damaligen Erwartungen der Frauen, die nicht länger sowohl vom Gebrauch des Wahlrechts als auch von Bildung und beruflichen Möglichkeiten ausgeschlossen werden wollten.

Aufbruchbegeisterte "Bauhäuslerinnen"

Obier erinnerte an das zentrale Gleichheits-Versprechen der Weimarer Verfassung. Dabei mahnte Obier sogleich an, dass es sich bei diesen Frauen entgegen so mancher Vorurteile alles andere als nur um karrieresüchtige, kinderfeindliche Emanzen gehandelt habe. Im Verlauf ihres Vortrags machte sie deutlich, wie viele der anfangs so aufbruchsbegeisterten „Bauhäuslerinnen“ an dem künstlichen Widerspruch – entweder künstlerische, berufliche Entfaltung oder Ehe und Mutterschaft – zerbrachen, der ihnen nicht zuletzt durch Bauhaus-Gründer Gropius selbst auferlegt wurde.

Bei aller Begeisterung Gropius’ für die neue Zeit via architektonischer Gestaltungsmöglichkeiten zur Befreiung aus monarchistischer Enge, Schwere und Dunkelheit hin zu Licht, Luft, Leichtigkeit und freien Räumen sei diese in seinem Ansatz in letzter Konsequenz nur männlichen Mitstreitern vorbehalten gewesen, so die Siegener Wissenschaftlerin. Dabei hatte laut Obier im April 1919 doch alles so hoffnungsvoll angefangen. Frauen, die vom Meisterrat für studierwürdig eingeschätzt worden waren, durften für 20 RM Aufnahmegebühr sowie 180 RM Jahresbeitrag sich in Weimar am Bauhaus einschreiben.

Neue Einheit künstlerischen Schaffen

Wahrlich revolutionär sei Gropius’ Ansatz gewesen, alles künstlerische Schaffen als Einheit zu betrachten. Über allem habe am Bauhaus die Idee von der Gleichwertigkeit sämtlichen künstlerischen Schaffens gestanden, führte die Geschichtswissenschaftlerin weiter an. Neben der Architektur sollten am Bauhaus fortan Bildhauerei, Malerei und Weberei ebenso gleichberechtigt wie das Handwerk stehen, also interdisziplinäres Arbeiten mit dem Ziel zu neuen Formen der Gestaltung, so Obiers Tenor.

Obwohl die Anzahl der eingeschriebenen Frauen (zumeist zwischen 20 und 23 Jahre alt) die der Männer zu Anfang überwogen habe, habe Gropius von Anfang an einen Strich durch den Freiheitstraum der Frauen gemacht, bedauerte Obier. Meisterinnen habe man in Weimar nicht zugelassen. Alte bekannte Strukturen der Diskriminierung hätten also auch am Bauhaus ihre Fortsetzung gefunden.

Kreuztalerin entwarft Kinderzimmer im Haus Am Horn

Nicht lange, und die „Bauhäuslerinnen“ seien von den maßgebenden Männern am Bauhaus in die dortige Weberei verbannt worden, fasste Literatur- und Geschichtskennerin zusammen. Dennoch sei es einigen von ihnen mittels Zähigkeit und Beharrungsvermögen gelungen, ihre eigenen künstlerischen Träume zu erfüllen. Namen wie Gunta Stölzl, Anni Albers, Otti Berger, Marianne Brandl und nicht zuletzt die in Kreuztal geborene Alma Siedhoff-Buscher seien bis heute unvergesslich geblieben, bilanziert Obier. Das Tee-Extraktkännchen aus Neusilber mit Ebenholzgriff, diverse Lampenkreationen prägen bis heute die Erinnerung an die damaligen Bauhaus-Pionierinnen.

Ganz weit vorn mit dabei, auch in Zusammenhang mit den damaligen Konstruktionsentwürfen zum „Haus Am Horn“ Alma Buscher: Sie war damals ebenso beteiligt am Entwurf des dazugehörigen Kinderzimmers als auch der Konstruktion der dazugehörigen Möbel. Unvergesslich bis heute sind ihre multifunktionalen Möbel geblieben, basierend auf der Idee eines freien Orts des Spielens.

Autor:

Karin Röcher-Erhardt (Freie Mitarbeiterin) aus Siegen

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