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7. Auflage der Burbacher Streifzüge
Zusammengewachsen

Mit wunderbarer Musik gaben „Jonas Winkel and Friends“ den Streifzügen einen passenden Rahmen.  Fotos: roh
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roh Burbach. Burbach ist in 74 Jahren nach Kriegsende als lebendige Gemeinde zusammengewachsen und nahm auch wirtschaftlich einen rasanten Aufschwung mit vielen neuen Arbeitsplätzen seit der kommunalen Neugliederung.

Bei der siebten Auflage der Streifzüge (die im Rahmen des Jubiläumsjahres stattfinden) durch die Burbacher Geschichte am vergangenen Sonntag in der ev. Kirche konnten viele der Anwesenden mitreden. Teilweise aus eigenem Erleben oder aber durch Erzählungen waren Ereignisse der vergangenen 70 Jahre plötzlich wieder präsent. Bürgermeister Christoph Ewers und Pfarrer Jochen Wahl als Referenten kramten ein Stück Nachkriegsgeschichte aus dem Langzeitgedächtnis wieder ganz nach vorne.

Kriegsende 1945Am 29.

roh Burbach. Burbach ist in 74 Jahren nach Kriegsende als lebendige Gemeinde zusammengewachsen und nahm auch wirtschaftlich einen rasanten Aufschwung mit vielen neuen Arbeitsplätzen seit der kommunalen Neugliederung.

Bei der siebten Auflage der Streifzüge (die im Rahmen des Jubiläumsjahres stattfinden) durch die Burbacher Geschichte am vergangenen Sonntag in der ev. Kirche konnten viele der Anwesenden mitreden. Teilweise aus eigenem Erleben oder aber durch Erzählungen waren Ereignisse der vergangenen 70 Jahre plötzlich wieder präsent. Bürgermeister Christoph Ewers und Pfarrer Jochen Wahl als Referenten kramten ein Stück Nachkriegsgeschichte aus dem Langzeitgedächtnis wieder ganz nach vorne.

Kriegsende 1945

Am 29. März 1945 zogen die Amerikaner in Burbach friedlich ein, während es im benachbarten Neunkirchen noch letzte Kampfhandlungen gab. Endgültig vorbei war das Grauen des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs mit der deutschen Kapitulation am 8. Mai 1945. Erleichterung, aber auch die bange Frage: Wie kommen die Menschen bei all den Kriegstoten zurecht? In vielen Familien gab es keinen Ernährer mehr, weil der für Führer, Volk und Vaterland sein Leben auf dem „Feld der Ehre“ gelassen hatte.

Der Staat trat für diese Unbilden des Lebens nicht ein. Persönlicher Einsatz war gefragt, um den Hunger zu stillen. Gut, wenn man sich mit Lebensmitteln selbst versorgen konnte. Wenn nicht, dann versuchte man über Tauschhandel, auch „Hamstern“ genannt, Essbares in ländlichen Gebieten zu ergattern.

Amerikaner waren Besatzungsmacht in Burbach 

Die Amerikaner blieben nicht lange Besatzungsmacht in Burbach. Die Siegermächte bestimmten in Jalta (Krim) bzw. Potsdam, dass das Rheinland und Westfalen und damit auch das Amt Burbach der britischen Besatzungszone zugeteilt wurden. Wie schon Jahrhunderte zuvor blieb Burbach Grenzregion. Hessen wurde amerikanisch, Rheinland-Pfalz französisch. Für zwei Strukturen des administrativen Aufbaus der kommunalen Verwaltung wurden damals die Grundlagen gelegt. Das war zum einen die von den Siegermächten erwünschte Dezentralisierung der politischen Strukturen in einer gestärkten örtlichen Selbstverwaltung. De facto konnten in einem „kaputten Staat“ 1945 und 1946 nur die Gemeinden den Wiederaufbau gewährleisten. Zum anderen eine ganz neue einheitliche Gemeindeordnung (nur in der britischen Zone) mit der Doppelspitze von hauptamtlichem Gemeindedirektor und ehrenamtlichem Bürgermeister, der von den Bürgern direkt gewählt wurde und dem Gemeinderat vorstand.

Ewald Sahm war prägender Politiker 

Erst seit Mitte der 90er-Jahre gibt es einen hauptamtlichen Bürgermeister. „Für Burbach war Ewald Sahm mit seiner Tatkraft, Weitsicht und ausgleichenden Art wohl die prägende politische Figur in der Nachkriegszeit bis zur kommunalen Neugliederung Ende der 60er-Jahre“, so Bürgermeister Ewers. Sahm war Mitbegründer der CDU im Siegerland, vertrat Burbach von 1952 bis 1969 im Kreistag und war als Vertreter der Region Mitglied der Landschaftsversammlung in Münster. Als weiterer prägender Politiker der Region ist der Würgendorfer Hermann Schmidt zu nennen, der als Amtsbürgermeister, Kreistagsmitglied, Landrat, Landtagsabgeordneter, Bundestagsabgeordneter und parlamentarischer Staatssekretär im Bundesverteidigungsministerium auch auf der großen politischen Bühne seine Spuren hinterlassen hatte.

Die Lebenssituation verbesserte sich erst langsam. „Lebensmittel waren noch bis 1950 rationiert, die Betriebe verstärkten erst langsam ihre Produktion, die Landwirtschaft war und blieb noch über Jahre wichtige Einkommens- bzw. Ernährungsquelle“, ergänzte Bürgermeister Ewers. Ruhrgebietsevakuierte mussten in geräumten Häusern untergebracht werden, Heimatvertriebene aus den deutschen Ostgebieten integriert werden. Die „Fremden mit deutscher Sprache“ wurden vor allem wegen der eigenen Not nicht überall mit offenen Armen empfangen. „Zwangseinquartierungen“ waren erforderlich.

„Es gab aber auch eine große Hilfsbereitschaft vieler Burbacher und letztlich gelang mit der Schaffung von Wohnraum, Arbeitsplätzen und der Verbesserung der Ernährungssituation auch die Integration gut und zügig“, wusste Ewers positiv zu vermelden. Wohnungsbau plus dazugehörige Infrastruktur waren ein großes Thema in den 50er- und 60er-Jahren. Die Bevölkerung im Ort Burbach nahm von 1814 (1946), auf 2251 (1957) auf knapp 3500 Einwohner bis 1967 zu. Auch in Gemeinschaftseinrichtungen wurde bereits in den 50er-Jahren kräftig investiert. Die ersten Dorfgemeinschaftshäuser entstanden.

Wirtschaft nahm langsam Fahrt auf

Auch die wirtschaftliche Entwicklung nahm nach mühsamen Anfängen in den 50er-Jahren wieder Fahrt auf. Allerdings gestaltete sie sich im Amt Burbach zunächst bis zur kommunalen Neugliederung 1969 unterschiedlich: der industrielle Schwerpunkt lag in Neunkirchen-Salchendorf. Die Betriebe dort gaben auch vielen Burbachern Arbeit und Brot. Im Ober- und Hickengrund lag in industrieller Hinsicht der Schwerpunkt auf der Holzbranche. Einen keramischen Betrieb, eine Sprengstofffabrik und ein Röhrenwerk gab es aber auch. Bis in die 60er-Jahre spielte die Landwirtschaft für die Versorgung der Familien und das Dorfleben eine wichtige Rolle. Allerdings war die Bewirtschaftung wegen der Besitzzersplitterung mühselig und wurde fast ausschließlich im Nebenerwerb durchgeführt. Vieles musste gemeinsam gemacht werden und förderte dadurch den Zusammenhalt. Die viele harte Arbeit ließ den Hunger nach Ablenkung und Abwechslung in Veranstaltungen und Festen wachsen. Das Vereinsleben lebte mit den begrenzt zur Verfügung stehenden Mitteln wieder auf.

Kommunale Neugliederung im Jahr 1969

Die Diskussion über die kommunale Neugliederung reicht bis in die 1950er-Jahre zurück. Die Kleinstgemeindestruktur sollte aufgebrochen und in größeren Einheiten zusammengefasst werden, um der rasanten wirtschaftlichen Entwicklung, dem Anstieg der Einwohnerzahlen und einer modernen Verwaltung Rechnung zu tragen. Zunächst sollten alle Gemeinden des Amtes Burbach zu einer Großgemeinde Burbach zusammengeschlossen werden. Unterschwellig regte sich dagegen Widerstand. Letztendlich hatten die hitzigen Neunkirchener Proteste Erfolg. Die Landesregierung verabschiedete 1968 das zweite Siegerland-Gesetz: Die Gemeinden des Unteren Freien Grundes wurden zur eigenständigen Gemeinde Neunkirchen, Obergrund und Hickengrund zur Großgemeinde Burbach zusammengeschlossen. Am 2. April 1969 fand die konstituierende Sitzung des Gemeinderates der Gemeinde Burbach statt. Erich Krumm wurde Bürgermeister. Es folgten ihm 1975 Ewald Sahm, 1978 Hartmut Hering, 1992 Volkmar Klein, 1996 Hermann-Josef Droege, der erste hauptamtliche Bürgermeister. Seit 2003 ist Christoph Ewers im Amt.

Obwohl Burbach wirtschaftlich schlechter startete als Neunkirchen, machten später die besseren Rahmenbedingungen das Plus für Neunkirchen wett. Dazu einige bedeutende Schlaglichter der nachfolgenden Jahre: Die Siegerland-Kaserne sorgte ab 1969 für neues Leben und neue Familien; der Bau der Autobahn 1971 mit der Autobahnabfahrt Haiger/Burbach war wichtige Voraussetzung für die Ansiedlung von Betrieben; die Ausweisung des Industrieparks zwischen Burbach und Würgendorf förderte den wirtschaftlichen Aufstieg; die Finanzlage war zunächst sehr schwierig. 1980 konnte erstmals ein ausgeglichener Haushalt präsentiert werden. 1994 zitierte die SZ den damaligen Gemeindedirektor Uli Greis mit den Worten: Burbach habe sich „vom Armenhaus zur blühenden Großgemeinde“ entwickelt.

Einsatz der Kirche

Im Anschluss betrachtete Pfarrer Jochen Wahl die kirchliche Seite der Nachkriegsentwicklung, beschränkte sich dabei aber im Wesentlichen auf den Kernort Burbach. Die erste Presbyteriumssitzung fand am 6. Juni 1945 statt. Die Besatzer drängten u. a. darauf, dass die kirchlichen Kindergärten wiedereröffnet wurden, und forcierten die Durchführung von Religionsunterricht in den Schulen. Die Kirche half vielen Armen, insbesondere Kriegerwitwen, Flüchtlingen und Evakuierten, ihr Leben zu meistern. Gemeindeschwestern wurden eingestellt. Eine zweite Pfarrstelle 1947 beantragt und 1950 genehmigt. Viele Menschen wurden wieder in die Kirche aufgenommen. Ein zeitfressender Punkt im Presbyterium bis nach der Jahrtausendwende war die Kindergartenarbeit. Sie sollte zum einen eine Hilfe für die Eltern darstellen, andererseits aber auch die christliche Erziehung und den kirchlichen Gemeindeaufbau fördern. 2009 wurde diese Aufgabe in die Trägerschaft des Kirchenkreises (EKiKS) abgegeben. Die Bewirtschaftung des Gebäudeparks und der Liegenschaften der Kirchengemeinde beanspruchten viel Zeit der Presbyteriumssitzungen. Derzeit sind fast alle in einem guten Zustand.

Die Zukunft werde zeigen, ob und in welcher Weise hier Veränderungen erfolgen müssten. Beim Personal trete neben einigen Hauptamtlichen bei enger werdenden finanziellen Möglichkeiten zunehmend das Ehrenamt in den Vordergrund. Die Ökumene und die Zusammenarbeit mit den Gemeinschaften/CVJMs funktioniere schon lange gut in Burbach. Beispielsweise wurde in den 1940er-Jahren die ev. Kirche aus ökonomischen Gründen wegen der Brennholzknappheit sonntagnachmittags von den Katholiken genutzt.

Inhaltlich gehe es immer wieder um die Frage: Wie erreiche ich Menschen und wie weit bin ich bereit, dem gesellschaftlichen Trend entgegenzukommen, ohne meine christlichen Grundsätze über Bord zu werfen? Hier einen guten Weg zu finden, daran würden nicht nur die Burbacher Kirchen auch in den nächsten Jahren weiter gemessen werden, gemäß dem Grundsatz „In Jesus Christus leben und handeln wir“.

Für die musikalische Umrahmung der Veranstaltung sorgten „Jonas Winkel and Friends“, deren Bonhoeffers „Von guten Mächten“ im Satz von Jochen Rieger und „Leuchtturm“ gut den Tenor des Abends trafen.

Mit wunderbarer Musik gaben „Jonas Winkel and Friends“ den Streifzügen einen passenden Rahmen.  Fotos: roh
Bürgermeister Christoph Ewers (l.) und Pfarrer Jochen Wahl beleuchteten die Burbacher Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg.
Autor:

Rolf Henrichs (Freier Mitarbeiter) aus Siegen

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