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Wisent-Projekt: Mit Ursula Heinen-Esser (CDU) ist ein Stopp nicht zu machen
Ministerin zeigt ganz klare Kante

In der mit 300 Besuchern sehr gut gefüllten Schmallenberger Stadthalle machten rund 70 Einwohner aus Latrop ihrem Unmut über das Übergangs-Areal für die Wisente in der Nähe ihrer Ortschaft Luft.
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  • In der mit 300 Besuchern sehr gut gefüllten Schmallenberger Stadthalle machten rund 70 Einwohner aus Latrop ihrem Unmut über das Übergangs-Areal für die Wisente in der Nähe ihrer Ortschaft Luft.
  • Foto: Martin Völkel
  • hochgeladen von Sarah Panthel (Redakteurin)

vö Schmallenberg. Der Beifall für Nordrhein-Westfalens Umweltministerin Ursula Heinen-Esser (CDU) fiel höflich, aber nicht euphorisch aus. Aus gutem Grund: Denn den Wunsch, den ein Großteil der rund 300 Besucher offenkundig in die Schmallenberger Stadthalle mitgebracht hatte, wollte die Christdemokratin nicht erfüllen: „Wir nehmen die Meinungen, Stimmungen und Bedenken definitiv mit, aber wir werden das Wisent-Projekt hier heute nicht begraben.“ Wie es mit dem „anerkannten Artenschutzprojekt“ weitergehe, liege in den Händen der Koordinierungsgruppe, die nach der Veranstaltung wieder zusammen komme, so die Ministerin. Beauftragt sei ein Gutachten, auf dessen Basis eine Entscheidung getroffen werde – ob das Projekt eine Zukunft habe oder eben nicht.

Schmallenberg. Der Beifall für Nordrhein-Westfalens Umweltministerin Ursula Heinen-Esser (CDU) fiel höflich, aber nicht euphorisch aus. Aus gutem Grund: Denn den Wunsch, den ein Großteil der rund 300 Besucher offenkundig in die Schmallenberger Stadthalle mitgebracht hatte, wollte die Christdemokratin nicht erfüllen:

„Wir nehmen die Meinungen, Stimmungen und Bedenken definitiv mit, aber wir werden das Wisent-Projekt hier heute nicht begraben.“

Wie es mit dem „anerkannten Artenschutzprojekt“ weitergehe, liege in den Händen der Koordinierungsgruppe, die nach der Veranstaltung wieder zusammen komme, so die Ministerin. Beauftragt sei ein Gutachten, auf dessen Basis eine Entscheidung getroffen werde – ob das Projekt eine Zukunft habe oder eben nicht.
Ursula Heinen-Esser machte noch einen weiteren Punkt deutlich: „Wir werden als Ministerium nicht auf Vollziehung der Zaun-Lösung bestehen. Wir können uns als Land Nordrhein-Westfalen auch komplett herausziehen und lassen die Wisente da, wo sie sind. Dies ist nur der Versuch, das weitere Vorgehen in geordneten Bahnen stattfinden zu lassen.“ Dann liege die Entscheidungshoheit eben wieder bei den Gerichten. Die Landespolitikerin entschuldigte sich bei den zahlreichen Latropern persönlich dafür, dass die Geografie der Ortschaft so sei, dass der Schmallenberger Stadtteil sehr nah am angedachten Übergangs-Areal liege: „Dennoch ist es uns gelungen, dass keine direkte Betroffenheit hergestellt ist.“ Und sie brachte vor überraschend zahlreichen Zuhörern aus Wingeshausen und Bad Berleburg die Zusage mit, „dass es auch in Bad Berleburg den Wunsch einer solchen Veranstaltung gibt, dem ich selbstverständlich entsprechen werde“.

Großes Andrang 

Die NRW-Umweltministerin kam mit einer rund 30-minütigen Verspätung ins Schmallenberger Sauerland – hatte dafür allerdings viel Zeit mitgebracht. Die Veranstaltung wurde kurzfristig vom restlos überfüllten kleinen in den großen Saal der Halle verlegt. „Mit einem derartigen Andrang hatten wir nicht gerechnet. Das zeigt uns aber, dass es gut war, eine solche Veranstaltung zu machen“, sagte der Schmallenberger Bürgermeister Bernhard Halbe, der offiziell als Moderator fungierte, seine Wortbeiträge aber so streute, dass seine eigene Meinung durchaus deutlich wurde: „Der Trägerverein hat kein Projektgebiet mehr, dann muss man auch über den Abbruch des Projektes sprechen dürfen.“
Die Überbrückungszeit bis zum Eintreffen der Ministerin nutzte die Stadt Schmallenberg zu „einem eigenen Werbeblock“, wie es Dr. Michael Emmrich, Pressesprecher des Wisent-Projektes, in seiner Stellungnahme formulierte. Es wurden Fotos an die Wand projiziert, die vermeintliche Gefahrensituationen mit Wisenten zeigen sollten, außerdem waren ausgewählte Medienberichte Bestandteil des Vorprogramms.

Latroper waren vorbereitet

Die Dorfgemeinschaft Latrop setzte exakt das um, was die Menschen in dem Schmallenberger Stadtteil bereits am Freitag beim öffentlichen Mediengespräch im Latroper Dorfhaus angekündigt hatten: Alt und Jung empfingen die Ministerin mit Transparenten, Plakaten, Flugblättern und jenen Argumenten, die bereits in der Vorwoche vorgetragen worden waren. Ulrich Lutter, 1. Vorsitzender der Dorfgemeinschaft Latrop, sagte im SZ-Gespräch, dass sich gut und gerne 70 der rund 150 Einwohner aus dem Ferienort auf den Weg nach Schmallenberg gemacht hätten.
Warum Bernhard Halbe in seiner Einleitung auf das Kunstwerk „Kein leichtes Spiel“ von Ansgar Nierhoff auf dem Waldskulpturenweg Wittgenstein-Sauerland verwies, bleibt wohl das Geheimnis des Schmallenberger Bürgermeisters – denn dieses Projekt ist eine erfolgreiche Zusammenarbeit von Akteuren dies- und jenseits des Rothaarkamms. Der Grund für die Veranstaltung leuchtete dagegen ein: „Wir warten seit langen Jahren auf eine öffentliche Veranstaltung wie diese.“
Erster Redner am Pult war Dr. Karl Schneider, der Landrat des Hochsauerlandkreises, der – so formulierte es Bernhard Halbe – „ein Grußwort“ sprechen durfte. Der Schmallenberger, der in der Stadthalle ausschließlich die Zuhörer aus dem HSK-Kreis begrüßte, formulierte in deutlichen Worten, „dass diesem Projekt schon lange der Kompass abhanden gekommen ist“. Man müsse schon viel konstruieren, um von einem Erfolg des Projektes zu sprechen. Der HSK-Landrat unterstrich unter großem Beifall, dass Schmallenberger und Latroper keine Freunde des Projektes seien, „und sie waren es auch nicht“. Emotionen wie Unmut, Skepsis und Verärgerung seien mehr als berechtigt. Karl Schneider analysierte „ein gut gemeintes Projekt in Wittgenstein, das aber nicht gut gemacht war“. Das Management sei in Schieflage geraten, es überzeuge nicht. Die Ansiedlung der Wisente sei gescheitert – mit bis heute unterschätzten Risiken.

"Wisente nicht in Gatter stellen"

Michael Emmrich warb darum, die Diskussion „auf sachlichen Bahnen zu halten“. Der Sprecher des Projektes machte kein Geheimnis daraus, dass der Trägerverein dem Kompromiss der Ministerin zwar zugestimmt habe, besagte Lösung aber bei den Projektverantwortlichen nicht auf Begeisterung gestoßen sei. Denn: „Wir sind angetreten, um ein in Westeuropa einzigartiges Artenschutzprojekt zu realisieren und nicht, um Wisente in ein Gatter zu stellen.“ Allerdings werte man den Kompromiss als zivilgesellschaftliches und politisches Instrument. Dem Verein bereite es definitiv keinen Spaß, sich durch die Instanzen zu klagen, so Michael Emmrich: „Wir haben diesen Weg aus eigenem Antrieb nicht eingeschlagen. Wenn es allerdings nötig ist, werden wir ihn weitergehen.“ Der Sprecher machte deutlich, dass sich die Wittgenstein-Berleburg’sche Rentkammer – anders als in Latrop dargestellt – definitiv nicht aus dem Projekt zurückgezogen habe. Und in Richtung Schmallenberg gab es eine klare Ansage: „Das Hauptproblem des Waldes ist der Klimawandel. Es sind nicht 24 Wisente, die den Wald im Hochsauerland niederringen werden.“

"Es gab kein Projektgebiet mehr"

Dr. Philipp Freiherr Heereman, Vorsitzender des Waldbauernverbandes NRW, machte kein Geheimnis daraus, dass er zu Beginn „ein Fan des Projektes“ gewesen sei. Er sei allerdings massiv enttäuscht worden, weil viele Zusagen der Projektverantwortlichen nicht eingehalten worden seien: „Auf einmal gab es kein Projektgebiet mehr, die Wisente waren plötzlich überall und zerstörten Bäume.“
Wenn Umweltschutz so wie hier umgesetzt werde, dann sei das der Todesstoß aller zukünftigen Projekte. Der Vorsitzende der Waldbauern erklärte allerdings auch, warum er dem Kompromissvorschlag der Ministerin zugestimmt habe: „Ich bin Fachmann für Eigentum.“ Es gehe um das Eigentum der Mitglieder, die er vertrete: „In den Zeiten, in denen die Wisente von einem Zaun auf Staatswald umgeben sind, beeinträchtigen sie die Flächen unserer Mitglieder nicht.“ 

BUND sieht Wisent in einer Schlüsselrolle für das Ökosystem

Anlässlich des Besuchs von Umweltministerin Ursula Heinen-Esser in der Schmallenberger Stadthalle fordert der nordrhein-westfälische Landesverband des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), das Wiederansiedlungsprojekt für die bedrohte Tierart fortzuführen und vonseiten des Landes umfassend zu unterstützen. „NRW war bisher mit diesem erfolgreichen Projekt in Westeuropa Vorreiter bei der Rettung des gefährdeten Wisents. Auch für unsere biologische Vielfalt ist die Rückkehr dieses einst überall im Lande vorkommenden Wildrinds ein entscheidender Impuls“,
sagte Holger Sticht, Landesvorsitzender des BUND. Daher könne es im weiteren Projektverlauf nur darum gehen, wie und in welchem Umfang Privateigentümer, die nachweisbar wirtschaftliche Schäden durch natürliche Wisenteinflüsse erfahren hätten, auch zukünftig entschädigt werden könnten. Eine Einzäunung der wilden Tierart lehne der BUND ab. Der Wisent (oder Europäischer Bison) sei eine ursprünglich überall in NRW heimische Huftierart, die im Laufe des Mittelalters und der Frühen Neuzeit in West- und Mitteleuropa durch den Menschen weitgehend ausgerottet worden sei. Wisente spielten wie viele andere ursprünglich heimische Huftierarten – zu denen unter anderem das Wildpferd, das Ur und der Rothirsch zählten – eine Schlüsselrolle in unseren Ökosystemen, von der ein wesentlicher Teil unserer biologischen Vielfalt abhängig sei. Durch ihren Verbiss, ihren Huftritt, aber auch durch ihren Kot und Kadaver schafften sie Lebensraumstrukturen, von denen unzählige andere Organismen abhängig seien. „Wir brauchen den Wisent wieder in unseren Landschaften. Daher fordern wir auch an weiteren Stellen des Landes die Wiederansiedlung dieser gefährdeten Tierart. Das überaus erfolgreiche Projekt im Rothaargebirge war und bleibt hierfür ein wichtiger Impuls“, wird Holger Sticht in der am Mittwoch verbreiteten Pressemitteilung zitiert.

In der mit 300 Besuchern sehr gut gefüllten Schmallenberger Stadthalle machten rund 70 Einwohner aus Latrop ihrem Unmut über das Übergangs-Areal für die Wisente in der Nähe ihrer Ortschaft Luft.
Nordrhein-Westfalens Umweltministerin Ursula Heinen-Esser (CDU) zeigt ein ganz klare Kante.
Autor:

Martin Völkel (Redakteur) aus Bad Berleburg

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