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Zweitliga-Schiedsrichter Thorben Siewer
"Es ist gut zu wissen, dass man einen Fallschirm hat"

Klassenhöchster „Schiri“ der Region: Der Olper Thorben Siewer leitet seit 2015 Spiele der 2. Fußball-Bundesliga.
  • Klassenhöchster „Schiri“ der Region: Der Olper Thorben Siewer leitet seit 2015 Spiele der 2. Fußball-Bundesliga.
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  • hochgeladen von Uwe Bauschert (Redakteur)

ubau Olpe. Ende Oktober leitete er die Zweitliga-Partie zwischen dem VfL Osnabrück und dem SV Sandhausen. Die Woche darauf pfiff er das Drittliga-Spiel des FC Ingolstadt gegen den SV Wehen Wiesbaden. Und am vergangenen Samstag assistierte er Schiedsrichter Sören Storks an der Linie beim Bundesliga-Spiel zwischen Eintracht Frankfurt und RB Leipzig. Während sich die meisten seiner Schiedsrichter-Kameraden – ebenso wie fast alle aktiven Fußballer – im „Lockdown light“ befinden, ist Thorben Siewer auch in Corona-Zeiten im sportlichen Dauereinsatz. Als klassenhöchster Schiedsrichter(-Assistent) der Region leitet der für den FC Schreibershof pfeifende Siewer seit 2015 Spiele der 2. Fußball-Bundesliga.

ubau Olpe. Ende Oktober leitete er die Zweitliga-Partie zwischen dem VfL Osnabrück und dem SV Sandhausen. Die Woche darauf pfiff er das Drittliga-Spiel des FC Ingolstadt gegen den SV Wehen Wiesbaden. Und am vergangenen Samstag assistierte er Schiedsrichter Sören Storks an der Linie beim Bundesliga-Spiel zwischen Eintracht Frankfurt und RB Leipzig. Während sich die meisten seiner Schiedsrichter-Kameraden – ebenso wie fast alle aktiven Fußballer – im „Lockdown light“ befinden, ist Thorben Siewer auch in Corona-Zeiten im sportlichen Dauereinsatz. Als klassenhöchster Schiedsrichter(-Assistent) der Region leitet der für den FC Schreibershof pfeifende Siewer seit 2015 Spiele der 2. Fußball-Bundesliga. Im Oberhaus des deutschen Fußballs fungiert der Olper zudem als Linienrichter und vierter Offizieller. Die SZ sprach mit dem 33-Jährigen über Geisterspiele, den „VAR light“ und den Kölner Keller.

Herr Siewer, der Fußball liegt aktuell unterhalb der Profiligen brach. Als Bundesliga-Schiedsrichter gehören Sie zu den wenigen, die ihrem Hobby noch nachgehen dürfen. Wie erleben Sie die aktuelle Zeit ganz persönlich?
Durch die Rahmenbedingungen ist es natürlich eine ganz besondere Zeit. Ich bin jetzt seit neun Monaten im Homeoffice. Dadurch habe ich mehr Zeit für die Familie und speziell für unsere kleine Tochter. Man erlebt die Zeit mit ihr noch viel intensiver. Zudem schätze ich die Flexibilität durch die Tätigkeit im Homeoffice. Ich kann das Training und die Trainingszeiten besser steuern, gerade jetzt, wenn es schon so früh dunkel wird. Wichtig ist bei allem, eine Struktur in den Tag zu bringen.

"Eine ausgeprägte Selbstdisziplin und eine gute Organisation unabdingbar"

Hauptberuflich arbeiten Sie normalerweise in Köln als Controller bei Siemens. Daneben sind Sie als Schieds- und Linienrichter sowie als vierter Offizieller in den höchsten deutschen Fußball-Ligen aktiv. Wie ist das für Sie zeitlich in Einklang zu bringen?
Das ist absolut anspruchsvoll, keine Frage. Wir bekommen vom DFB für sieben bis zehn Tage im Voraus einen Trainingsplan, dessen Einhaltung vom Verband auch kontrolliert wird. Hinzu kommen die Fahrten zu den Spielen sowie Physio-Termine und natürlich der Job. Das alles zeitlich hinzubekommen, geht nur mit der Unterstützung meiner Frau Helena. Sie hält mir den Rücken frei. Dafür bin ich ihr sehr dankbar. Zudem sind eine ausgeprägte Selbstdisziplin und eine gute Organisation unabdingbar, damit das Ganze nicht in Stress ausartet. Mittlerweile ist bei mir vieles Gewohnheit. Ich habe meinen Rhythmus gefunden.

"Profischiedsrichter? Sehe keine Notwendigkeit"

In diesem Zusammenhang ist auch die Einführung eines Profischiedsrichters immer mal wieder in der Diskussion. Ist das Ihrer Meinung nach sinnvoll?
Grundsätzlich finde ich das System, so wie es jetzt funktioniert, eine gute Sache. Daher sehe ich auch keine zwingende Notwendigkeit, daran etwas zu ändern. Und wenn ich beispielsweise nach England oder Italien schaue, wo die Schiedsrichter einen Profi-Status haben, kann ich in den Leistungen keine großen Unterschiede im Vergleich zu uns erkennen. Ich finde es eher befruchtend, wenn man neben seiner Schiedsrichter-Tätigkeit noch ein berufliches Umfeld hat, das nichts mit Fußball zu tun hat und einem andere Perspektiven eröffnet.

Sie rechnen also nicht mit der baldigen Einführung des Profitums bei den Unparteiischen?
Nein. Kurz- und Mittelfristig kann ich mir das nicht vorstellen. Gerade hinsichtlich der Rahmenbedingungen gibt es noch in vielen Punkten Klärungsbedarf – angefangen von der Bezahlung bis hin zur Perspektive nach der aktiven Schiedsrichter-Karriere. Es können schließlich nicht alle nachher beim DFB anfangen …

"Bei Geisterspielen reduziert sich alles wird auf die 90 Minuten auf dem Platz" 

Aufgrund der hohen Inzidenz-Zahlen finden die Spiele derzeit ohne Zuschauer statt. Wie empfinden Sie als Schiedsrichter die Geisterspiele?
Ungewohnt und komisch – zumindest in der ersten Zeit nach dem Re-Start im Mai hat es sich so angefühlt. Das ganze Drumherum fällt weg. Alles wird auf die 90 Minuten auf dem Platz reduziert. Mit jedem weiteren Spiel unter diesen Voraussetzungen gewöhnt man sich jedoch mehr daran. Aber klar ist: Natürlich vermissen auch wir Schiedsrichter die Zuschauer und sehnen deren Rückkehr herbei. Ich war wirklich froh, als im September/Oktober zumindest wieder einige, wenige Fans in die Stadien durften. Ich erinnere mich noch an ein Freitagabendspiel von Union Berlin, bei dem ich als vierter Offizieller eingesetzt war, oder an eine Partie in Freiburg, wo ich Sören Storks an der Linie assistiert habe. Da waren jeweils einige tausend Zuschauer im Stadion. Da herrschte endlich wieder Fußball-Atmosphäre. Die vermisst man aktuell doch sehr.

Was ist der Unterschied zwischen einem Geisterspiel und einem Spiel vor Zuschauern?
Bei einem Geisterspiel gibt es keine direkte Rückkopplung, keine Emotionen von außerhalb, was die Schiedsrichter-Entscheidungen angeht. Im Stadion ist es gespenstisch ruhig. Alles fokussiert sich auf das reine Spiel. Das ist schade, denn zum Fußball gehört deutlich mehr. Wenn keine Zuschauer da sind, fehlt etwas ganz Essentielles.

"Videobeweis? Sind auf einem guten Weg"

Kommen wir zu einem Thema, das die Fans spaltet: Wie stehen Sie zum Videobeweis?
Ich glaube, die Entwicklung ist hier positiv. Sowohl die Transparenz als auch der Entscheidungsprozess sind besser geworden. Das Ziel ist, Fehler auf ein Minimum zu reduzieren. Und ich denke, da sind wir auf einem guten Weg. Aber natürlich weiß ich auch, dass die Einführung des Video-Assistenten ein fundamentaler Eingriff in den Fußball war, der nicht allen Fans gefallen hat. Zudem ist dadurch der Unterschied zwischen Profis und Amateuren noch sichtbarer geworden.

Hat sich die Rolle des Schiedsrichters durch die Einführung des Videobeweises verändert?
Der Schiedsrichter trifft nach wie vor die Entscheidungen auf dem Platz, daran hat sich nichts geändert. Durch den Video-Assistenten hat der Schiedsrichter ein Stück weit mehr Sicherheit. Die Titelseiten mit den Schiedsrichtern, die Tomaten auf den Augen haben, gehören daher hoffentlich der Vergangenheit an. Es ist gut zu wissen, dass man bei klaren und offensichtlichen Fehlentscheidungen einen Fallschirm hat. In den allermeisten Fällen funktioniert das sehr gut. Aber im Fußball wird man immer wieder mit neuen Situationen konfrontiert und vor neue Herausforderungen gestellt.

Böse Zungen behaupten, der Schiedsrichter sei zu einer Marionette auf dem Spielfeld verkommen, da die wirklich wichtigen Entscheidungen vom Video Assistant Referee (VAR) im Kölner Keller getroffen werden. Was entgegnen Sie den Kritikern?
Dass das nicht stimmt. Der Video-Assistent ist, wie der Name schon sagt, ein zusätzlicher Assistent des Schiedsrichters. Er ist – genauso wie die Assistenten an der Linie und der vierte Offizielle – Teil des Schiedsrichtergespanns. Es ist ein Team, das sich bestmöglich unterstützt. Der Video-Assistent hilft dabei aus dem Video-Assist-Center (VAC, Anm.d.Red.) heraus. Die Entscheidungen auf dem Platz trifft aber noch immer der Schiedsrichter selbst. Und das ist auch gut und richtig so.

"VAR light für Amateure sehr schwierig umzusetzen"

Jüngst war zu lesen, dass die FIFA einen „VAR light“ für Amateure plane. Was halten Sie von dieser Idee?
Angesichts der aktuellen Personalsituation an der Basis stelle ich mir das sehr schwierig vor. Es ist doch utopisch zu glauben, dass man noch einen zusätzlichen Schiedsrichter für diese Funktion findet. Zudem halte ich es aufgrund der infrastrukturellen Rahmenbedingungen für schwer umsetzbar, in den unteren Amateurligen einen VAR einzusetzen. Selbst in der 2. Liga gibt es Szenen, die aufgrund der Perspektive und der Kameraposition nicht eindeutig zu beurteilen sind. Da ist das Set-up in der 1. Bundesliga ein ganzanderes.

Zum Abschluss: Als Zweitliga-Schiedsrichter haben Sie es in Ihrer Karriere schon weit gebracht. Geht noch mehr?
Natürlich ist die 1. Liga mein Ziel und mit 33 Jahren für mich auch noch zu erreichen. Aber fairerweise muss man sagen: Nach oben wird die Luft immer dünner. Ich werde weiterhin alles geben. Wenn das ausreicht, wäre es eine tolle Sache. Wenn nicht, wäre das auch kein Beinbruch. Ich bin glücklich mit dem, was ich bisher erreicht habe.

Autor:

Uwe Bauschert (Redakteur) aus Siegen

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