Flüchtlingscamp Mavrovouni auf der Insel Lesbos
Andrea Wegener berichtet über den Alltag

Trotz der immens schwierigen Arbeit auf der Insel hat Andrea Wegener ihre positive Lebenseinstellung und ihre Zuversicht nicht verloren.
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  • Trotz der immens schwierigen Arbeit auf der Insel hat Andrea Wegener ihre positive Lebenseinstellung und ihre Zuversicht nicht verloren.
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  • hochgeladen von Katja Fünfsinn (Redakteurin)

sz Daaden. Hautnah hat Andrea Wegener vor rund sechs Monaten aus dem Flüchtlingslager Moria berichtet. Die gebürtige Daadenerin ist seit mehr als zwei Jahren auf der Insel Lesbos und leistet humanitäre Hilfe für die griechische Hilfsorganisation „EuroRelief“. Seit Herbst 2019 hatte sie die operative Leitung von „EuroRelief“ im Camp Moria.Inzwischen ist viel passiert. Das Camp Moria brannte im September ab, die rund 12 000 Bewohner lebten einige Tage ohne Obdach neben dem Camp oder auf der Straße. Nun gibt es ein neues Lager auf Lesbos, das Mavrovouni heißt. Das Lager befindet sich auf einem ehemaligen Militärgelände. Andrea Wegener ist wieder auf Lesbos im Einsatz. Nadine Bongard vom Fachbereich Gesellschaftliche Verantwortung des Evangelischen Dekanats Westerwald hat sie erneut befragt.

Erneutes Interview

  • Andrea, wie hat sich die Situation in Lesbos seit unserem letzten Interview im Mai verändert?  Das neue Lager Mavrovouni steht auf einem viel größeren Gelände als das alte Lager Moria und befindet sich an einem Strand. Hier leben jetzt knapp 7300 Menschen in etwa 1000 Zelten. Es gibt breite Straßen, auf denen auch Autos fahren können, was ein Vorteil für die Versorgung mit Hilfsgütern ist. Und es ist ein zusammenhängendes Gelände mit einem kleinen Berg, keine halb-legalen Olivenhaine mehr wie bei Moria, wo Leute gelebt haben. Das ist eine Verbesserung des allgemeinen Sicherheitsgefühls. Ganz schnell wurden hier Zelte aufgebaut, aber es gibt viel zu wenige Duschen, das sind bisher sogenannte „Bucket-Showers“, also Eimer-Duschen und bisher 354 Dixi-Klos, das sind 28 Leute pro Toilette. Und was sehr unangenehm ist: Der Wind bläst hier vom Meer her heftig durchs Lager, weil das Gelände so flach ist. Man friert da sehr. 
  • Das wird sicher im Winter zu einem besonderen Problem? Ja, natürlich. Vor allem, weil die Elektrik noch nicht fertig verlegt ist und die Leute nicht heizen können. Bei Feuerstellen in den Zelten kann wieder alles abbrennen. Wir hoffen, dass das Camp so stabil eingerichtet werden kann, dass die Leute den Winter überstehen. 
  • Es sind mit knapp 7300 deutlich weniger Menschen im neuen Camp als zuvor in Moria. Was ist mit den übrigen passiert? Sind noch die gleichen Nationalitäten da wie zuvor?  Viele unbegleitete Jugendliche und inzwischen anerkannte Asylbewerber sind aufs Festland gebracht worden. Letztere leben jetzt teilweise als Obdachlose in Athen, rund 70 von denen sind dann wieder zurückgekommen und leben illegal im Camp bei Freunden und Familie, weil das für sie immer noch besser ist als unversorgt auf dem Festland. Manche haben sich mit Hilfe von Schleppern in andere europäische Länder durchgeschlagen. Offiziell in andere Länder verlegt wurden noch nicht viele, glaube ich; der Prozess dauert sehr lange. Genaue Angaben, wohin die Leute transferiert wurden, haben wir aber nicht. Wir haben rund 50 Nationalitäten hier. Fast drei Viertel sind aus Afghanistan, die anderen aus Syrien, dem Kongo, Somalia, Irak, Iran, Kamerun, Pakistan und vielen anderen Ländern. 
  • Wie sehen die Aufgaben deiner Hilfsorganisation im Moment aus? Wir haben jetzt einige Aufgaben nicht mehr – zum Beispiel die Betreuung der unbegleiteten Minderjährigen. Andere sind dazugekommen: Unicef ist jetzt auch hier und hat den Bildungsbereich unter die Fittiche genommen. Mit „EuroRelief“ sind wir da in den Erziehungsbereich mit eingestiegen, weil wir ein paar Lehrer haben, und außerdem sind wir stark engagiert im Aufbau des Camps. Wir bauen Quartiere und zum Teil auch große Bauprojekte, weil wir Know-how und Helfer haben, und wir sind sehr stark im Bereich Hilfsgüter und Verteilungen. Ich selbst habe die Leitung unserer Arbeit im Camp, das heißt, ich schaue, dass Mitarbeiter am richtigen Platz und ausreichend geschult sind, dass wir Abläufe definieren; ich treffe mich auch viel mit anderen Hilfsorganisationen für Absprachen und so weiter. Ich bin, das bringt meine Rolle leider auch mit sich, nicht mehr so nah an den Geflüchteten wie in meinem ersten Jahr. 
  • Lesbos ist von einer Ferieninsel zu einem Begriff für eine Elendsregion geworden. Wie gehen die Einheimischen damit um? Es herrscht immer noch offiziell der Ausnahmezustand. Das Grundgefühl bei der heimischen Bevölkerung scheint mir aber besser, weil die Geflüchteten nicht mehr so nah am Dorf Moria leben. Der Tourismus ist natürlich total eingebrochen. Manche vermieten Fahrzeuge oder Hotelzimmer an die Hilfsorganisationen, aber es gibt auch eine ganze Menge Unternehmen, die lukrative Aufträge – z. B. im Bau – nicht annehmen, weil sie nichts mit dem Camp zu tun haben möchten. Aber den Restaurants und Hotels geht’s natürlich schlecht. Die haben ja noch zusätzlich unter Corona zu leiden. 
  • Haben die Geflüchteten eigentlich Angst vor Corona? Es gibt zwei Gruppen im Camp, die das Warnen vor Corona auf dem Schirm haben und Verstöße der Auflagen anmahnen. Aber die meisten hier haben ganz andere existentielle Sorgen. Es gibt immer ein paar Leute in der Isolierstation und auch positive Fälle, aber schwere Verläufe habe ich bisher nicht mitbekommen. 
  • Trotz immensen Einsatzes von dir persönlich und vielen anderen Helfern ist keine Besserung für die leidenden Menschen im Lager in Sicht. Wie gehst du damit um? Ich muss mir immer wieder sagen, ich will auf den einzelnen Menschen gucken. Wie ich die Situation eines Einzelnen verbessern kann, statt die ganze Welt retten zu wollen. Ein Bibelwort aus dem Jakobusbrief (Kapitel 1, Vers 19+20) hilft mir gerade viel: „Ein jeder Mensch sei schnell zum Hören, langsam zum Reden, langsam zum Zorn. Denn des Menschen Zorn tut nicht, was vor Gott recht ist.“ Wenn ich mich hier endlos über etwas aufrege, muss ich mir das immer wieder sagen: Ich kann mit meinem Ärger ganz viel kaputt machen, aber wenig konstruktiv aufbauen. 
  • Was können wir im Westerwald denn tun, um konkret zu helfen? Wichtig ist, glaube ich, das Bewusstsein wachhalten, dass hier immer noch Leute festsitzen. Man kann sich auch immer als Volunteer ab vier Wochen bewerben, auch wenn wir wegen Corona-Maßnahmen für eine Weile angehalten sind, keine neuen Menschen auf die Insel zu bringen. Und Beten hilft natürlich. Wenn im Westerwald Leute beten: „Bitte mache, dass die Leute im Winter nicht frieren.“ Dann ist das kein Zufall, wenn das Stromnetz hier rechtzeitig fertig wird. Wir sind die Hände und Füße von Christus. 
  • Was hoffst du für die Bewohner von Camp Mavrovouni? Dass sie sich als ganze Menschen entfalten können. Wir sehen oft nur die armen Flüchtlinge, die da festhängen, obwohl da so viel Potenzial vorhanden ist. Ich finde, das ist eine große Tragik, dass zum Beispiel die jungen Männer hier so rumhängen müssen und eigentlich so viel leisten könnten. Wir sehen gar nicht die Ressourcen, die sie auch mitbringen. Ganz viele, die wollen nichts anders als gestalten. Die kommen sofort angerannt, wenn sie eine Baustelle sehen, schnappen sich ein Werkzeug und sind so dankbar, dass sie mithelfen können. Sie sind nicht nur arme Opfer der Umstände, sondern haben auch viel zu geben. Ich würde mir wünschen, dass sie das auch zeigen dürfen. 
Autor:

Katja Fünfsinn (Redakteurin) aus Siegen

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