Nach 50 Jahren: Zwei pensionierte Lehrer kehren zu den Wurzeln zurück
Der Besuch der alten Herren

Rolf Bamberger (2. v. l.) und Peter Schäffer sind nach genau 50 Jahren an ihre erste Wirkungsstätte zurückgekehrt. Schulleiterin Yvonne Zimmermann (l.) und Schulsekretärin Monika Schneider haben sie herzlich an der Grundschule Weitefeld empfangen.
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  • Rolf Bamberger (2. v. l.) und Peter Schäffer sind nach genau 50 Jahren an ihre erste Wirkungsstätte zurückgekehrt. Schulleiterin Yvonne Zimmermann (l.) und Schulsekretärin Monika Schneider haben sie herzlich an der Grundschule Weitefeld empfangen.
  • Foto: Daniel Montanus
  • hochgeladen von Alexander W. Weiß (Redakteur)

damo Weitefeld. Manche Dinge ändern sich nicht. Schon vor 50 Jahren eilte dem Westerwald unter Hochschulabsolventen ein zweifelhafter Ruf voraus. Die Region im Norden des Landes galt als das Sibirien von Rheinland-Pfalz – davon können die Schulräte im AK-Land noch heute ein Lied singen und immer neue Strophen anhängen. Und im Jahr 1971 war das nicht anders: Damals herrschte an der Weitefelder Volksschule einmal mehr Lehrermangel. Umso glücklicher war der damalige Rektor, dass er zum 1. März gleich zwei junge Kollegen begrüßen durfte.

Herausforderung Westerwald

Februar 1971: Rolf Bamberger aus Neuwied und Peter Schäffer aus Kaiserslautern haben seit ein paar Tagen ihren Hochschulabschluss in der Tasche, und beiden wird eine Lehrerstelle in Weitefeld angeboten. Sie haben sich der Herausforderung Westerwald gestellt – und bereut haben sie es nicht: Sie sind nicht nur dem AK-Land treu geblieben, sondern auch dem Lehrerberuf. Und mehr noch: Sie haben ihren ersten Schultag als frisch gebackene Pädagogen in so guter Erinnerung behalten, dass sie jetzt, 50 Jahre später, noch einmal an ihre erste Wirkungsstätte als Lehrer zurückgekehrt sind.
„Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass niemand in unserer Straße wusste, wo Weitefeld liegt“, blickt Bamberger zurück. Fast alle Neuwieder Nachbarn hätten überlegt und spekuliert, bis irgendwann einer mehr in petto hatte als eine vage Vermutung: „Bei uns in der Straße wohnte ein Bäcker, und der kam mit dem Straßenatlas angelaufen und hat mir Weitefeld gezeigt.“

Vom ersten Tag an Klassenleitung

Auch der junge Peter Schäffer konnte herzlich wenig mit dem Namen Weitefeld anfangen. „Den Westerwald hab ich nur mit dem Westerwald-Lied verbunden.“ Und so konnte er froh sein, dass ihn seine Eltern mit ihrem Auto zu seiner ersten Dienststelle gefahren haben. Dort wurden die beiden jungen Pädagogen – Bamberger war 22 Jahre jung, Schäffer nur ein Jahr älter – sofort ins kalte Wasser geworfen. Vom ersten Tag an mussten sie eine Klassenleitung übernehmen, „und zwar ohne jede Erfahrung“, blickt Schäffer zurück. Er bekam das erste Schuljahr, und zwar mit
50 Kindern. „Mindestens, wahrscheinlich waren es sogar noch ein paar mehr. Ich weiß noch, dass wir damals beide eine Kollegin beneidet haben, die nur 44 Kinder in ihrer Klasse hatte“, erzählt Schäffer im Gespräch mit der SZ heute schmunzelnd.

Im Studium nur Frontalunterricht gelernt

Wochenplanarbeit? Gruppenarbeit? Freiarbeit? All das gab’s damals noch nicht. „Wir haben in unserem Studium nur Frontalunterricht gelernt“, sagt Bamberger, „alle anderen Unterrichtskonzepte haben wir uns später mit Fortbildungen angeeignet“. Oder abgeschaut – zum Beispiel im „Stadtpraktikum“. Es war damals noch üblich, dass die klassischen Dorfschullehrer auch mal einen Blick in die modernen Schulen in den größeren Städten werfen durften.
Dort bekamen sie nicht nur andere Unterrichtsformen zu sehen: „Die Schulen in den Städten waren viel besser ausgestattet“, blickt Schäffer zurück und illustriert das am Weitefelder Sportunterricht: „Wir hatten eine Matte, einen Ball und ein Tau. Und keine Turnhalle. Wenn’s also stark geregnet hat, haben wir im Klassenraum die Tische zur Seite geschoben und die Matte in die Mitte gelegt.“

In die Klassenräume regnete es hinein

Die Mängelliste lässt sich problemlos verlängern: In den Klassenräumen, die in Pavillons auf dem Schulhof untergebracht waren, war das Dach undicht. „Da hat es ständig reingeregnet. Wir mussten Sammelgefäße zwischen den Tischen aufstellen“, berichtet Schäffer. Und bis die Schule endlich einen Telefonanschluss bekommen hat, mussten etliche harte Kämpfe mit dem Ortsbürgermeister ausgefochten werden.

Sportliche Aufgabe: der Weitefelder Dialekt

Aber nicht nur die Ausstattung zwang manchmal zur Improvisation: Eine wirklich sportliche Aufgabe war es für die beiden Zugezogenen, den Weitefelder Dialekt zu verstehen. „Einer von meinen Viertklässlern hat sogar die Aufsätze in Platt geschrieben“, erinnert sich Bamberger schmunzelnd. „Ja, damals galt noch: Wer Hochdeutsch redet, will angeben“, ergänzt Schäffer. Er hat übrigens aus seiner Heimat in der Pfalz eine ganz andere Kultur ins protestantisch geprägte Weitefeld gebracht: den Karneval – auch wenn er dafür in den 1970er-Jahren noch von manchem Weitefelder schräg angeschaut worden ist.

Dem AK-Land stets treu geblieben

Aber trotz aller Herausforderungen haben die beiden Männer das AK-Land schätzen gelernt: Sie sind dem Kreis während ihrer gesamten beruflichen Laufbahn treu geblieben – und darüber hinaus. Bamberger, der nach einem halben Jahr in Weitefeld an die Hauptschule in Gebhardshain gewechselt und dort bis zu seinem Ruhestand geblieben ist, lebt heute in Steinebach. Schäffer, der über 30 Jahre lang die Biersdorfer Kinder unterrichtet hat, wohnt in Daaden. Und im Rückblick ziehen beide unisono ein schönes Fazit: „Mir hat mein Beruf bis zum letzten Tag Spaß gemacht.“

Rolf Bamberger (2. v. l.) und Peter Schäffer sind nach genau 50 Jahren an ihre erste Wirkungsstätte zurückgekehrt. Schulleiterin Yvonne Zimmermann (l.) und Schulsekretärin Monika Schneider haben sie herzlich an der Grundschule Weitefeld empfangen.
Nicht nur die alten Klassenbücher sind erhalten geblieben: Monika Schneider hat tatsächlich noch ein paar Griffel aus der Schublade gezaubert.
Autor:

Daniel Montanus (Redakteur) aus Betzdorf

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