Die Geschichte des Waldes: vom Urwald zur Kulturlandschaft

Teil 1: Die Auswirkungen der Eiszeit / Die Kelten im Siegerland / Die Römer und der Niederwald / Die Plünderung beginnt

Der Eisenstein lockte und rufte die ersten Bewohner ins Land, das damals ein Dickicht, ein Wald war. Den Eisenstein sahe man, man fand ihn leicht. (…) Und ich wiederhole nochmals, dass es zuverlässig das erste Motiv gewesen, dass die Gegend wohnbar, dass die ersten Hütten darin aufgeschlagen worden sind.

Johann Phillip Becher: Mineralogische Beschreibung der Oranien-Nassauischen Lande von 1789.

damo Schutzbach. »Ein Dickicht, ein Wald«, schreibt Becher: Es muss vor gut zweitausend Jahren im Siegerland so ausgesehen habe, dass das Dornröschen sich prompt heimisch gefühlt hätte. Ein paar Sumpfgebiete, einige Bachlandschaften – ansonsten bestand das Siegerland aus: Wald. Grün, grün, grün waren alle seine Farben.

Und hätte es nicht den Reichtum unter der Erde gegeben – wahrscheinlich wäre die Gegend heute viel dünner besiedelt. Eines jedenfalls steht fest: Die Geschichte des Waldes lässt sich nicht erzählen, ohne die Geschichte der Menschen im Siegerland zu berücksichtigen. Denn das, was wir heute als natürlichen Wald hinnehmen, ist ein Kulturprodukt – vom Menschen beeinflusst und geschaffen.

Und die Geschichte ließe sich auch nicht wiedergeben ohne den dazugehörigen Erzähler. Der heißt Frank Schneider und hat als Förster viele Einblicke in die Entstehung seines Arbeitsplatzes. Im Garten des Schutzbacher Forsthauses beginnt die erzählte Zeitreise. Um den Rahmen nicht zu sprengen, lassen wir alles, was vor der letzten Eiszeit liegt, im Schnelldurchlauf passieren. Wir werfen also nur einen kurzen Blick auf die ersten waldähnlichen Biotope, die uns in wirklich grauer Vorzeit begegnen: Im Zeitalter des Karbons, also vor rund 300 Millionen Jahren, prägten Schachtelhalme, Baumfarne und Bärlappgewächse die sumpfigen Landschaften. Was heute noch davon übrig ist, ist die Steinkohle. Und das Wissen, dass die echten Vorläufer unseres heutigen Waldes am Ende der letzten Eiszeit entstanden. Und so machen wir auf der Zeitreise durch die Waldgeschichte vor rund 12000 Jahren erstmals Station.

Die Weichseleiszeit: Ob nun eine wechselnde Neigung der Erdachse, eine Verdunkelung der Atmosphäre wegen eines gigantischen Meteoriteneinschlags oder die Plattentektonik den Ausschlag gegeben haben, ist offen – fest steht: Die Temperaturen sinken um mehr als 10 Grad. Mächtige Gletscher bedecken weite Teile Nordeuropas; die Eispanzer ziehen sich bis zu einer gedachten Linie Amsterdam-Dortmund-Harz. Das, was in unseren Breitengraden eisfrei bleibt, wird zur einförmigen (aber nahrungsreichen) Tundra – weit entfernt von dem, was wir heute unter Wald verstehen.

Aber jetzt macht uns Reiseführer Frank Schneider auf die »Burgundische Pforte« aufmerksam: Über das Rhone-Delta siedeln sich die ersten Bäume wieder an; vor allem anspruchslose Pionierbäume wie Birken, Erlen oder Pappeln bereiten eine Humusschicht. Die ist das Pflanzbett für weitere Bäume: Haselnuss und Eiche breiten sich immer weiter nach Osten aus. Als Transportmittel dienen Vögel und Nagetiere, die dankenswerterweise bei ihrer Nahrungshamsterei immer wieder mal einige ihrer Lager voller Eicheln oder Nüsse vergessen. So entsteht allmählich Wald. Eines aber kann die Natur nicht mehr korrigieren: Der Gletscherpanzer der Eiszeit hat die Baumarten drastisch reduziert – gab es zuvor in Deutschland rund 300 Arten, sind es heute nicht mehr als 40 bis 50.

Der nächste große Einflussfaktor nach der Eiszeit hat zwei Beine. Vorerst aber wächst Mitteleuropa zu, ungestört kann sich ein Laubmischwald entwickeln. Im Siegerland gewinnt die Buche die Oberhand; an trockenen Felskuppen wachsen vereinzelt ein paar Kiefern, in den Bachauen Esche, Ahorn und Erle. »Wo kein Moor war, war in Deutschland Wald«, erklärt Schneider. Diese schmerzliche Erfahrung macht unter anderem der römische Feldherr Varus, dessen Truppen in der Schlacht im düsteren Teutoburger Wald entsetzlich was auf die Mütze bekommen. In der Waldgestaltung dagegen haben die Römer ein glücklicheres Händchen: Sie bringen in ihren Geltungsbereich die Niederwald-Wirtschaft mit. Sie wandeln den Hochwald in eine Ansammlung von Baumarten um, die aus dem Stock ausschlagen können: Eiche, Hainbuche, Birke, Ahorn und Esche sind pflegeleicht und stellen eine kontinuierliche Holzversorgung sicher. Und Holz ist ein wichtiger Rohstoff: zum Bauen, zum Heizen, zur Werkzeugherstellung.

Im Siegerland machen sich schon zu Beginn der La-Tene-Zeit die Kelten breit. Sie haben die reichen Metallerz-Vorkommen entdeckt – vielerorts tritt das Eisenerz in mächtigen Gangmitteln ans Tageslicht. Reichtum an Rohstoffen winkt – und so muss der Wald weichen: Rund um die Siedlungen werden die Bäume zurückgedrängt. Das Mittel der Wahl ist brachial: Brandrodungen.

Noch gibt es kaum dauerhafte Siedlungen, und so werden Flächen gerodet, ein paar Jahre als Felder um all ihre Nährstoffe gebracht (die Drei-Felder-Wirtschaft ist noch lange nicht entdeckt) und können dann wieder bewachsen – auch das hat den Wald geprägt. »Es war eine Kulturleistung, den Wald zu zerstören – wenn der Mensch sich vermehren wollte, musste er Flächen dazu schaffen«, erklärt Schneider – und macht dann einen Zeitsprung von tausend Jahren.

Verfall: Wieder stehen da, wo einst Äquadukte und Säulenhallen von der römischen Baukunst zeugten, simple Hütten. Wir sind an der Schwelle zum Mittelalter angekommen. Was sich schon auf den ersten Blick aus dem Dunkel einer düsteren Zeit erkennen lässt, ist der wachsende Fortschritt im Bergbau. Der Tagebau spielt eine zunehmend kleinere Rolle; die klaffenden Wunden, die die Bergleute der Erdoberfläche zugefügt haben, wachsen wieder zu – aber jetzt gehen sie tiefer. Stollen werden in den Berg getrieben, erste Schächte mit Handhaspel-Betrieb abgeteuft.

Was das mit dem Wald zu tun hat? Ganz einfach: Eisenerz ist bloß das Ausgangsprodukt – und zum Verhütten immer größerer Erzmassen braucht man immer mehr Holz. Vorläufer der Haubergswirtschaft entstehen; die Wälder werden massiv übernutzt. Und so wird der Wald in den nächsten Jahrhunderten sein Gesicht drastisch wandeln – und wir werden im kommenden Monat wieder in Frank Schneiders Zeitmaschine einsteigen und unseren Reisebericht fortsetzen.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

3 folgen diesem Profil
ThemenweltenAnzeige

Tablet-Aktion der Siegener Zeitung
SZ-Abo abschließen und Tablet sichern

Mit einem Abo der Siegener Zeitung kommen Sie jetzt gleichzeitig auch an ein Tablet Ihrer Wahl. Immer und überall informiert mit dem E-Paper... lesen, wo ich will; ... über die Suchfunktion schnell finden, was mich interessiert; ... gleicher Inhalt in praktischer Form; ... mit Zoomfunktion. Jetzt exklusiv: die Tablet-Bundle-Aktion  Beinahe geschenkt: Erhalten Sie kostengünstig ein Tablet Ihrer Wahl bei Abschluss eines Abos der Siegener Zeitung. Möchten Sie Ihr neues Tablet gleich zum Lesen...

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen