Ein Forstpraktikum und ein vorschnelles Urteil

37 Waldorfschüler packten drei Tage lang im Wald bei Niederdreisbach mit an / »Das ist schöner, als in der Schule zu sitzen«

damo Niederdreisbach. Frank Schneiders Urteil war vernichtend – und vorschnell. »Nie im Leben«, war die Reaktion des Försters, als ihn der Elternbeirat der Waldorfschule Siegkreis wegen eines Forstpraktikums anrief. »Als ich gehört habe, dass es um 37 Schüler ging, habe ich die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen.« Aber: Die Schule ließ nicht locker: »Das ist doch noch nicht Ihr letztes Wort, oder?« War es nicht. Schneider versprach, noch einmal darüber nachzudenken – und schließlich siegte seine Neugier: »Ich war dann doch gespannt, wie es aussieht, wenn 37 Teenager hier im Wald ihr Forstpraktikum absolvieren.« Jetzt, da das Praktikum beendet ist, hat Schneider seine Meinung geändert, und zwar grundlegend: »Mit so einer Gruppe würde ich das jederzeit nochmals machen.«

Drei Tage lang haben die 37 Schüler der 7. Klasse im Niederdreisbacher Wald gearbeitet. »Es ging den Schülern weniger darum, den Wald als Lebensraum zu erfahren, sondern die anfallenden Arbeiten kennen zu lernen und auszuprobieren« – im Klartext: Die Schüler packten richtig hart mit an.

»Manchmal war das schon ganz schön anstrengend«, berichtet Isabelle, »aber Spaß gemacht hat es trotzdem.« Und Reynir erklärt: »Waldarbeiter wäre nicht der richtige Job für mich: Es ist zwar schön, in der Natur zu sein, aber die Arbeiten sind oft sehr anstrengend.« Außerdem: Was bei Sonnenschein noch ganz angenehm ist, geht bei Regen leicht an die Moral. »Wir waren manchmal klitschnass«, erzählen die Schüler. Trotzdem: »Das war allemal besser, als in der Schule zu sitzen.«

Dass die Kinder trotzdem einiges gelernt haben, weiß Andreas Fellner. Er ist der Klassenlehrer und sagt, dass das Forstpraktikum fest zum Schulalltag der Waldorfschule Siegkreis gehört – und zwar aus gutem Grund. »So eine Woche im Wald fördert das Sozialverhalten: Die Kinder motivieren sich gegenseitig, helfen sich und stoßen auf Schwierigkeiten – und die lösen sie dann gemeinsam.« Außerdem fördert die sinnvolle Arbeit in der Natur das Verhältnis der Schüler zu ihrer Umwelt, sagt der Pädagoge. Und nicht zuletzt: Gerade in der Pubertät kann es kaum schaden, wenn sich die Teenager im Wald austoben können.

Und das haben sie getan, wie Frank Schneider – wohlgemerkt sichtlich erstaunt – bilanziert: »Das war wirklich stark: In der Klasse waren bloß einige wenige Schüler nicht motiviert. Aber statt dass diese ihre Klassenkameraden angesteckt hätten, war es genau umgekehrt: Sie haben sich gegenseitig so motiviert, dass sie kaum noch zu bremsen waren.« Dabei mussten die Schüler tatsächlich einige Aufgaben bewältigen, die Kraft und Ausdauer verlangten.

»Ich habe mir natürlich vorher die Arbeiten gut überlegt«, erzählt Schneider: So sollten es Aufgaben sein, die tatsächlich notwendig sind – aber die nicht mit Gefahren verbunden sind. Soll heißen: Kettensägen waren tabu; Arbeiten, bei denen sonst eine Kettensäge zum Einsatz kommt, standen trotzdem auf dem Programm.

So haben die Schüler zum Beispiel Pflegepfade angelegt: Diese »baumfreien Schleichwege« im Wald sind nötig, damit ein Förster auch in einem dichten Waldstück erkennen kann, welche Pflegemaßnahmen anstehen. Schneider hat die Pflegepfade mit dem Kompass ausgemessen, die Schüler haben anschließend alles gefällt, was im Weg stand. »Ich habe vorher ausgerechnet, dass 15 Schüler zwei Tage beschäftigt sind«, erzählt Schneider, »und da habe ich mich verschätzt: Nach einem Tag war alles erledigt.« Aber Schneider hat ja auch gedacht, dass 37 Schüler im Wald ähnlich erfreulich wären wie eine Tarantel im Schlafzimmer…

Logisch, dass der Förster nachlegen musste – und so ließ er Bäume ringeln. Ringeln bedeutet, dass bei einem gesunden Baum in anderthalb Meter Höhe die Rinde entfernt wird. Rundum, gut zehn Zentimeter. Das hat zur Folge, dass der Baum den bei der Photosynthese produzierten Zucker nicht mehr zu seinen Wurzeln leiten kann – und so fehlt ihm nach ein paar Jahren im Frühjahr der Nährstoff. Konsequenz: Der Baum stirbt.

»Es ist notwendig, Bäume zu entfernen, wenn man einen gut wachsenden Bäumen in einem dichten Bestand mehr Freiraum zum Wachsen geben will«, erläutert der Förster. Nun könnte man die störenden Bäume, die so genannten Bedränger, doch einfach fällen? »Klar – aber beim Ringeln bleibt der Baum noch ein paar Jahre stehen, bevor er endgültig abstirbt. Und anschließend steht dann Totholz im Wald, welches ein ganz wichtiges Biotop ist.« Erst kommen die Insekten, dann der Specht, später Käuze und Fledermäuse: »Ein unheimlich vielfältiger Lebensraum.« Die Waldorfschüler haben – mit einem Hammer ausgestattet – gut 1000 Bäume geringelt.

Damit nicht genug: Außerdem haben die Schüler eine Weihnachtsbaum-Kultur von störendem Gras befreit und Farn aus Jungbeständen entfernt – denn wo der Farn meterhoch wuchert, nimmt er den Bäumen das Licht. Und noch eines haben die motivierten Schüler geschafft: Sie haben Frank Schneider gezeigt, dass 37 Teenager im Wald durchaus eine Bereicherung sein können.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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