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Der kleine Felix geht für einige Tage in eine Pflegeeinrichtung
Familie muss für Corona-Test selbst zahlen

Felix Weißenfels und seine Mutter Marei: Für einen Corona-Test, den sie für eine Pflegeeinrichtung benötigen, müssen sie selbst zahlen. Sie bemängeln: „Andere Leute kommen vom Strand – und das wird übernommen.“
  • Felix Weißenfels und seine Mutter Marei: Für einen Corona-Test, den sie für eine Pflegeeinrichtung benötigen, müssen sie selbst zahlen. Sie bemängeln: „Andere Leute kommen vom Strand – und das wird übernommen.“
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dach Daaden. Für Marei Weißenfels und ihre Familie ist es eine himmelschreiende Ungerechtigkeit: „Andere Leute kommen vom Strand – und das wird übernommen.“ Doch sie muss den Corona-Test für ihren behinderten Sohn, der von einer Pflegeeinrichtung verlangt wird, selbst zahlen.
Felix, acht Jahre alt, ist ein ganz normal aussehender Junge. Kognitiv ist er allerdings auf dem Niveau eines Dreijährigen, wie seine Mutter im Gespräch mit der SZ berichtet. Die Diagnose lautet Intelligenzminderung mit autistischen Zügen.

Entsprechend anstrengend ist das Leben der Familie Weißenfels. „Ich muss ihn immer im Auge haben. Er weiß nicht, was gefährlich ist. Der läuft uns vor’s Auto“, sagt Mutter Marei. Dass beispielsweise unweit ihres Hauses die Daade verläuft, weiß der Junge bis heute nicht.

dach Daaden. Für Marei Weißenfels und ihre Familie ist es eine himmelschreiende Ungerechtigkeit: „Andere Leute kommen vom Strand – und das wird übernommen.“ Doch sie muss den Corona-Test für ihren behinderten Sohn, der von einer Pflegeeinrichtung verlangt wird, selbst zahlen.
Felix, acht Jahre alt, ist ein ganz normal aussehender Junge. Kognitiv ist er allerdings auf dem Niveau eines Dreijährigen, wie seine Mutter im Gespräch mit der SZ berichtet. Die Diagnose lautet Intelligenzminderung mit autistischen Zügen.

Entsprechend anstrengend ist das Leben der Familie Weißenfels. „Ich muss ihn immer im Auge haben. Er weiß nicht, was gefährlich ist. Der läuft uns vor’s Auto“, sagt Mutter Marei. Dass beispielsweise unweit ihres Hauses die Daade verläuft, weiß der Junge bis heute nicht. Das halten seine Eltern für zu gefährlich.

Denn Felix ist beileibe kein in sich gekehrtes Kind, entsprechend anstrengend ist jeder Tag. „Er ist immer unter Strom“, sagt die Mutter. Großvater Harald Hees drückt es so aus: „Vollgas, von morgens bis abends. Das kann sich keiner vorstellen.“ Zur Nacht bekommt Felix Medikamente, damit er überhaupt zur Ruhe kommt. Seit Felix auf der Welt sei – Schwester Paula ist drei Jahre älter –, hätten seine Tochter und sein Schwiegersohn kein normales Familienleben mehr, so der Opa.

Die Corona-Krise hat das alles nochmal zugespitzt. Seit dem Lockdown hat Felix „seine“ Förderschule in Höhn (Westerwaldkreis) nicht mehr besucht. Seitdem ist der Junge komplett auf seine Mutter („Vierundzwanzig-sieben“) und seinen Vater Holger angewiesen. Und auch das bemängelt die Familie: Dass bei allen Lockerungen und Versuchen, die Normalität wieder aufzunehmen, die Förderschulen stets außen vor waren und nach wie vor sind. Harald Hees: „Für die Bundesliga werden Bäume ausgerissen. Und diese Kinder werden vergessen.“

Um nun selbst einmal durchatmen zu können, bringt Familie Weißenfels Felix am kommenden Montag ins Haus Burgweg der Stiftung Bethel in Burbach. „Das ist die einzige Entlastung, die wir haben“, so Marei Weißenfels. Dort bleibt er bis Samstagmorgen, wird rund um die Uhr betreut. Vor einigen Wochen hat der Achtjährige dort schon mal eine Auszeit genommen. „Das ist für ihn wie Urlaub“, sagt Vater Holger Weißenfels über seinen Sohn. Mutter Marei ist auf jeden Fall „schwer froh, dass es die gibt“. Denn sie müsse kein schlechtes Gewissen haben, wenn sie Felix dort „abgebe“. Ist der Junge etwa bei der Großmutter, wisse sie genau, dass es auch dann für die Oma belastend sei, so Marei Weißenfels. Für die Finanzierung des Aufenthalts bedient sich die Familie entsprechender Töpfe des Sozialsektors.

Nur eben beim Corona-Test sind sie auf sich gestellt. Das habe ihr nicht nur der Kinderarzt gesagt, sondern auch die Pflegekasse, die an ihre Krankenkasse mhplus angedockt ist, bestätigt (siehe Kasten). Dabei hat Marei Weißenfels vollstes Verständnis für die Forderung der Einrichtung nach einem negativen Testergebnis, bevor sie ihren Sohn, Pflegegrad 4 (von 5), dorthin bringen darf.
Ein erster Test, für Felix’ letzten Aufenthalt im Haus Burgweg, wird sie wahrscheinlich rund 150 Euro kosten. Das weiß Marei Weißenfels von Bekannten, die bereits eine Rechnung erhalten haben. Der zweite werde wohl günstiger ausfallen, wie es in der Praxis des Kinderarztes geheißen habe: Man habe das Labor gewechselt.

Volker Reichmann, Leiter des Hauses Burgweg, erklärt auf SZ-Anfrage, warum hier ein negativer Corona-Test verlangt wird: „Wir sind eine vollstationäre Einrichtung. Hier leben 24 Kinder und Jugendliche fest.“ Zudem gebe es wechselndesPublikum. Daher müsse man „Sicherheit für alle Beteiligten haben“. Sonst lege man – im Fall der Fälle – „das gesamte Haus lahm“.

Dem kann sich Familie Weißenfels voll und ganz anschließen. Nur dass Touristen, die an der Playa de Palma in der Sonne gelegen haben, sich kostenlos testen lassen können, steht für sie schlicht und ergreifend in einem Missverhältnis. Oder wie hat es der Herdorfer Hausarzt Frank Muders zuletzt gegenüber der SZ ausgedrückt: Ihm sei es unbegreiflich, dass diejenigen, die nicht in Urlaub fahren können, die anschließenden Tests der anderen mitfinanzieren müssen.

Die SZ hat sich an mehreren Stellen zum Fall von Felix umgehört. Die Reaktion der Krankenkasse mhplus im Wortlaut: „Tatsächlich sieht die gültige Rechtsverordnung zum Anspruch auf einen Corona-Test nicht vor, dass die Kosten in diesem spezifischen Fall durch die Krankenkasse übernommen werden dürfen. Unabhängig vom Einzelfall haben wir eine Anfrage an unseren Landesverband gestellt, die um die Prüfung der neuen Rechtsverordnung im Hinblick auf entsprechende Fälle bittet. Aus der dynamischen Entwicklung der Pandemie und ihren Auswirkungen auf diverse gesellschaftliche und wirtschaftliche Bereiche resultiert ein enormer kurzfristiger Bedarf an gesetzlichen Regelungen. Regelungslücken können hier aus unserer Sicht nicht ausbleiben. So werfen die neuen Rechtsverordnungen in der täglichen Arbeit der Krankenkassen noch viele Fragen auf, die es möglichst zeitnah zu klären gilt, um Entscheidungssicherheit für die an die gesetzlichen Vorgaben gebundenen Krankenkassen einerseits und Nachvollziehbarkeit für die Bürger andererseits zu schaffen.“

Das Bundesgesundheitsministerium schreibt, dass „Patienten und Bewohner vor der Aufnahme oder Wiederaufnahme in Krankenhäuser, stationäre Pflegeeinrichtungen oder unter anderem Behinderteneinrichtungen auf das Coronavirus getestet werden können. Das sieht die Nationale Teststrategie vor. Die Tests müssen vom Gesundheitsamt angeordnet oder von einem niedergelassenen Arzt verordnet werden und sind dann für die Patienten bzw. Bewohner kostenfrei.“

Das rheinland-pfälzische Gesundheitsministerium lässt verlauten, sofern „es sich um ein Kurzzeitpflegeangebot im Rahmen der Eingliederungshilfe oder eine vergleichbare Einrichtung handelt, muss die neuaufzunehmende Person am Aufnahmetag und am siebten Tag nach Aufnahme auf das Coronavirus getestet werden. In einem solchen Fall ist es Aufgabe der Einrichtung, das zuständige Gesundheitsamt zu kontaktieren. Das Gesundheitsamt kann die Tests dann entweder selbst durchführen, an Dritte delegieren (z.B. Hausärzte) oder Fachkräfte in der Einrichtung so anleiten, dass die Abstriche dort durchgeführt werden können. Die Abrechnung erfolgt gemäß den Vorgaben der Testverordnung des Bundes vom 8. Juni 2020 über die Kassenärztliche Vereinigung. Der Test ist für die aufzunehmenden Personen und ihre Angehörigen kostenfrei.“

Autor:

Achim Dörner (Redakteur) aus Betzdorf

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