Fliehen, schlafen oder Fettpolster?

Förster Frank Schneider berichtet, wie die Tiere im Wald den Winter überstehen

damo Schutzbach. Es ist kalt rund ums Forsthaus Schutzbach. Drinnen, im Flur, steht ein Kaminofen, der gemütlich vor sich hin feuert. Daneben steht Frank Schneider, wärmt sich und freut sich daran. Und erzählt, wie die Tiere im Wald Eis und Schnee trotzen. Die haben bekanntlich weder einen wohlig-warmen Flur noch einen Ofen – aber Mutter Natur ist ja keine Rabenmutter: Sie hat vorgesorgt.

Verschiedene Taktiken

Förster Schneider stellt eine eigene, sehr praxisnahe Klassifikation der Taktiken auf, mit denen die Tiere die kalte Jahreszeit hinter sich bringen:

lFlucht nach vorne: Von wegen Eiseskälte – Schwalbe, Storch und Co. setzen das in die Tat um, was sich wohl auch viele Zweibeiner für den Winter vorstellen könnten: Auf in die Sonne!

lLeben auf Sparflamme: Was ich nicht weiß, macht mich nicht kalt – viele heimische Arten mummeln sich ein, fahren den Organismus auf ein Mindestmaß herunter und verharren im Winterschlaf, bis es draußen nicht mehr so unwirtlich ist.

lPerfekte Lagerwirtschaft: Spare in der Zeit, dann hast Du in der Not – Rehe, Wildscheine und einige andere Tiere futtern sich Winterspeck an, hamstern Vorräte und begnügen sich mit den spärlichen Gaben der Natur.

lMetamorphose zur rechten Zeit: Viele Insekten verharren im Larvenstadium und beginnen ihr kurzes Dasein als »fertiges« Insekt erst dann, wenn das Herumflattern im Sonnenschein Spaß macht.

Die Flucht nach vorn ist die Taktik der Zugvögel: Störche (auch der heimische Schwarzstorch), Graugänse, Kraniche und viele andere Arten begeben sich im Herbst auf eine spektakuläre Reise. Ihr Ziel: das Afrika südlich der Sahelzone. Anhand von Erdmagnetismus und Landmarken orientieren sie sich; dabei sind sie bestrebt, möglichst keine allzu großen Strecken über das offene Meer zurücklegen zu müssen: Dort fehlt die Thermik, was Landfliegern wie dem Storch mächtig an die Energiereserven gehen würde. Ihre Routen führen daher meist über die Meerenge von Gibraltar und den Bosporus. Dann gibt es noch die so genannten Teilzieher – dazu gehört der Rote Milan. Er spart sich die weite Reise, wird dafür aber auch nicht mit afrikanischen Temperaturen verwöhnt. Sein Ziel: das Rheintal oder Holland.

Augen zu und durch

Alternative: der Winterschlaf. Wenn es zu kalt wird, Augen zu und durch. Dabei gibt es drei Varianten: Winterschlaf, Winterruhe und Winterstarre. Der Winterschlaf ist im Gegensatz zur Ruhe mit einem Absinken der Körpertemperatur verbunden; außerdem sind Winterruher wesentlich häufiger zwischendurch wach. In die Winterstarre fallen Amphibien und Reptilien. So verbringen Erdkröte und Grasfrosch den Winter entweder am Grund eines Tümpels oder in Laubhöhlen. Auch Ringelnattern – in Frank Schneiders Forstrevier häufig anzutreffen – suchen sich einen Laubhaufen, wo sie dann in eine Starre verfallen.

Einen »klassischen« Winterschlaf halten zum Beispiel Igel und Fledermäuse. Hormonelle Umstellungen, die abnehmende Tagesdauer und der Jahresrhythmus der inneren Uhr treiben die Tiere im Spätherbst dazu, die Lebensfunktionen auf das Mindestmaß herabzusenken. Unregelmäßige Atmung, sinkende Herzschlagfrequenz, drastisch reduzierter Stoffwechsel: So reichen die Fettpolster aus, um über den Winter zu kommen. Beim Fettabbau wird nämlich nicht nur Energie frei, sondern auch Wasser – so kommt man durch den Winter.

Frank Schneider wirft einen genaueren Blick auf den Winterschlaf der Fledermäuse: Hier hat die Natur auch die Fortpflanzung perfekt an die klimatischen Bedingungen angepasst. Schon im Herbst paaren sich diese Tiere – dabei lagert das Weibchen aber das Sperma in einer Tasche ein, den gesamten Winter über. Im Vorfrühling befruchtet das Weibchen sich selbst. Generell gilt eines: »Tiere im Winterschlaf dürfen nicht gestört werden«, erklärt Frank Schneider. Das nämlich kostet Energie, und die ist knapp und soll ja den gesamten Winter über ausreichen.

Ein dickes Fell ist lebenswichtig

Ein dickes Fell brauchen die Waldbewohner, die weder flüchten noch schlafen. Rehe beispielsweise legen ihr Winterfell an, das sich aus dickeren und hohlen Haaren zusammensetzt – so sind die Tiere stets in einen schützenden Luftmantel gehüllt. Und dauergrüne Pflanzen wie Brombeeren geben immer Nahrung ab. »Das Reh ist gut vorbereitet«, befindet Schneider – ganz im Gegensatz zum Wildschwein. »Das leidet bittere Not«: Kein Wunder, findet das Wildschwein sein Futter doch vor allem durch Wühlen in der Erde. Und das klappt bei Frost nunmal nicht. Besonders Frischlinge sind im Winter oft todgeweiht – letztlich aber nicht schlimm, sondern ein Regulativ der Natur. »Das Durcheinander fängt erst da an, wo der Mensch eingreift«, sagt Schneider – und so überrascht nicht, dass er kein Freund von Wildschwein-Fütterungen ist.

Kurzes Leben im Sonnenschein

Ganz elegant lösen Insekten das Problem mit Eis und Frost. Die meisten bekommen als Ei oder Larve nicht viel vom Winter mit – sie beginnen ihr kurzes Leben als »fertiger« Käfer oder Schmetterling erst im Frühjahr. Und weil sie nicht allzu alt werden, müssen sie sich auch keine Sorgen machen, wenn die Tage wieder kürzer werden – bis der Frost kommt, haben sie ihren Beitrag zur Erhaltung der Art längst geliefert und den Sinn ihres kurzen Daseins schon erfüllt.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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