»Frost, Maus, aus« – aber nicht für die Fichte

Die Geschichte des Waldes, Teil 3: Nachhaltigkeits-Gedanke gewinnt an Bedeutung, Fichte wird zum »Polizeibaum«, Eisenbahn legt Köhlerhandwerk lahm

»…wird die größte Kunst, Wissenschaft, Fleiss und Einrichtung hiesiger Lande darinnen beruhen, wie eine Conservation und Anbau des Holzes anzustellen ist, dass es eine continuierliche und nachhaltige Nutzung gebe…«

Hanns von Carlowitz aus dem Jahr 1713.

damo Schutzbach. Deutschland, ein Konglomerat aus verfeindeten Fürstentümern: Der Dreißigjährige Krieg tobt durch das Land und hinterlässt Verwüstung und Ödnis. Die Bevölkerung schrumpft um ein Drittel, und für die Kultivierung des Waldes hat niemand Zeit – es gibt drängendere Probleme. Dabei hätte der Wald nichts nötiger als Pflege: Der Forst liegt am Boden. 1648 wird der Westfälische Frieden geschlossen – der Wiederaufbau beginnt. Und jetzt wird deutlich: Es fehlt allerorten am Rohstoff Holz.

Noch einmal nehmen wir in Frank Schneiders forstlicher Zeitmaschine Platz. Unsere Reise beginnt im 16. Jahrhundert, und wenn wir aussteigen, sind wir zurück in der Gegenwart. In dieser Zeitspanne entwickelt sich das Siegerland anders als der Rest des heutigen Deutschland: Der Hauberg sichert dem Siegerland eine frühe Form der Nachhaltigkeit, die andernorts erst entdeckt und vor allem mühsam ermöglicht werden muss – wo kein Wald ist, kann er auch nicht nachhaltig bewirtschaftet werden.

»In den Jahren 1680 bis 1720 geht es in weiten Teilen des Landes langsam aufwärts«, berichtet Frank Schneider und stellt uns einen Zeitgenossen vor, der heute noch in jedem Lehrbuch eines Försters auftaucht: den sächsischen Berghauptmann Hanns von Carlowitz. Er hat im Jahr 1713 erstmals den Begriff der Nachhaltigkeit ins Spiel gebracht und damit so etwas wie die Magna Charta der Försters formuliert. Auf einen simplen Nenner gebracht bedeutet Nachhaltigkeit: Man darf nicht mehr Holz schlagen, als nachwachsen kann. Klingt plausibel – aber es wurde vorher schlicht nicht umgesetzt.

Der Waldbau ist nämlich bis ins 18. Jahrhundert kaum geregelt. Der so genannte Plenterwald ist die übliche Bewirtschaftstungsform: ein einfacher Dauerwald, aus dem Bäume erst dann entnommen werden, wenn sie schlagreif sind. Problem: Was passiert, wenn die dicken, erntereifen Stämme entnommen sind, aber trotzdem noch Bauholz benötigt wird? »Dann werden halt weniger dicke Bäume gefällt, obwohl sie noch gar nicht an der Reihe sind«, erklärt Schneider den Raubbau am Wald. So wird aus dem Plenterwald ein Plünderwald – mit dem Resultat, dass im Deutschland des 18. Jahrhunderts dichter Wald eine echte Seltenheit ist. Vielerorts erinnern die deutschen Wälder an englische Parklandschaften.

Dann aber tritt besagter Carlowitz auf den Plan. Nachhaltigkeit – eine gute Idee, aber: Es gibt schlicht keinen Wald, der nachhaltig bewirtschaftet werden kann; er muss erst gepflanzt werden. Und so kommt es zum Wachwechsel in der Wald-Vegetation: Da, wo einstmals Buchen und Eichen standen, werden jetzt Fichten-Monokulturen angelegt – obwohl die Fichte eigentlich ein typischer Baum der borealen Nadelwälder ist und hierzulande nichts verloren hat.

Aber: Kaum ein Baum ist so anspruchslos wie die Fichte. Die alte Förster-Formel »Frost, Maus – aus« trifft auf den Versuch zu, auf Freiflächen Buchen und Eichen anzupflanzen: Beide Baumarten sind bei Neuansiedlungen extrem empfindlich. Mäuse fressen die Samen; Hitze, Frost und Wind sind zu große Belastungen, wenn ein Laubwald erst wieder aus dem Nichts entstehen soll. Der Fichte aber machen diese Faktoren nichts aus. Und da sie enorm schnell wächst, ist sie auch schnell schlagreif – für ein Land, das dringend Holz braucht, ein ganz entscheidendes Argument. Also werden auf den Freiflächen riesige Fichten-Monokulturen angelegt.

Den Bauern und den Menschen in den Dörfern schmeckt das freilich gar nicht. Das Sprichwort »Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht« trifft sicher auch auf die »neuen« Bäume zu – noch wichtiger aber: Die Landwirte und Viehbesitzer des 18. Jahrhunderts nutzen den gerodeten Wald, um dort ihre Tiere weiden zu lassen. Und plötzlich geht das nicht mehr – überall wachsen junge Fichten. Einfache Lösung: die jungen Bäume rauszurupfen.

Das aber schmeckt der Obrigkeit nicht, und um dem Forstfrevel ein Ende zu machen, stellen die hohen Herren ihre Fichten-Schonungen unter Schutz. Altgediente Soldaten werden zu Förstern ernannt, und mit dem Schrotgewehr bewachen sie die jungen Fichtenbestände. Die Fichte bekommt im Volk den verächtlichen Namen »Polizeibaum« oder »Preußenbaum«, und so mancher Förster wird während seiner Dienstzeit von aufgebrachten Bauern, Dörflern oder Wilderern erschossen. Wilde Zeiten im Wald.

Im Siegerland hingegen bleibt der Hauberg. Im Forstamt Kirchen wird im Jahr 1780 auf kleinen Staatswald-Flächen zwar die Fichte angepflanzt, aber weitgehend prägt der Niederwald das forstliche Geschehen. Der hat sich bewährt, erfüllt die Grundsätze der Nachhaltigkeit und versorgt noch immer Gruben und Hütten mit dem nötigen Holz. Dann aber kommt die Eisenbahn.

Mitte des 19. Jahrhunderts ist das Siegerland mit Schienen erschlossen – kein Wunder, die Stahlhütten an der Ruhr benötigen das Siegerländer Erz. Im Gegenzug bringen sie den Hütten Steinkohle und dem Köhler die Arbeitslosigkeit. Zähnekirschen auch im Hauberg: Der gewerbliche Holzbedarf geht von heute auf morgen radikal zurück; Lohe wird auch nicht mehr benötigt, weil längst der Gerbstoff Quebracho aus Südamerika importiert wird.

Und so beginnt die Fichte auch im Siegerland ihren zweifelhaften Siegeszug. Allerdings zeigt sich immer deutlicher: So unproblematisch die Fichte in den ersten Jahrzehnten, so schwierig ist sie anschließend. Fichten-Monokulturen ab einem Alter von 60 Jahren erweisen sich als sehr instabil: Windwurf, Schneebruch, Übersäuerung des Bodens – die Kehrseite der Nadelbaum-Medaille.

Laubbäume anzupflanzen, ist aber eine Frage des Geldes. Zwar steht ein Wald als Grundkorsett, in dem man jetzt Buchen und Eichen anpflanzen könnte – aber sie sind dreimal so teuer wie Fichten. Und kriegerische Jahre stehen ins Haus; statt in Bäume wird in Kriegsmaschinerie investiert. Nach den verlorenen Kriegen steht Deutschland vor den Reparationszahlungen – und immer öfter werden diese in Form des »Reparationshiebs« als Naturalie aus dem Wald geholt. Wieder muss aufgeforstet werden, wieder sind die Kassen leer ––wieder werden Fichten gepflanzt.

Mit den großen Fichten-Wäldern geht schon seit dem 18. Jahrhundert die Kahlschlagswirtschaft einher: Der Wald wird vermessen und parzellenweise abgeholzt; anschließend wird wieder genau so viel angepflanzt. Das ist bis zum Jahr 1990 die übliche Bewirtschaftung des Waldes. Dann kommt Wiebke.

Wiebke: Ein Sturmtief ungeahnten Ausmaßes fegt über weite Teile Deutschlands und zeigt unbarmherzig die Instabilität der Fichtenwälder. 20 Prozent des deutschen Holzertrags werden vom Wind geerntet. Der Holzmarkt bricht zusammen, die Waldbesitzer stehen mit dem Rücken zur Wand. Wer sich indes bestätigt fühlt, sind die Mitglieder der »Arbeitsgemeinschaft naturgemäßer Waldwirtschaft«. Schon seit 1920 wandeln sie Fichten-Monokulturen in Mischbestände um – und werden belächelt. Jetzt, nach Wiebke, nicht mehr: Ihre Flächen haben den Sturm deutlich besser vekraftet als die Fichtenwälder.

Wiebke wütet zudem in einer Zeit, in der die Diskussion um das Waldsterben ohnehin die Frage nach einem naturnahen Waldbau aufwirft. Die Kombina- tion aus öffentlicher Sorge und Naturkatastrophe öffnet einem Umdenken in der Forstwirtschaft Tür und Tor. Seit Wiebke ist es praktizierte Lehrmeinung, die Fichtenmonokulturen in artenreiche und standorttypische Mischwaldbestände mit Naturverjüngung umzuwandeln. Im Staatswald ist es politischer Wille, die meisten Privatwaldbesitzer folgen dem Beispiel.

Unter dem Fichtenschirm kultivieren Förster Laubbäume, und mancherorts ersetzt die Naturverjüngung bereits das künstliche Anpflanzen von Bäumen. Der Wald ist also im Umbruch begriffen – wie alles. »Waldgeschichte ist eben Zivilisationsgeschichte«, sagt Schneider und entlässt uns dann in die Gegenwart. Auf dem Nachhauseweg werfen wir noch einen Blick in den Wald: Tatsächlich, im Fichtenwald wachsen ein Stockwerk tiefer bereits die Laubbäume.

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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