Hausbesuch bei nachtaktiven Kobolden

Altenseelbacher Naturschützer betreut Nistkästen für Rauhfußkäuze/Mardersichere Konstruktion lässt Eulen sicher schlafen

dima Emmerzhausen. Sorgfältig werden die vier Einzelteile der Leiter zusammengesteckt. Die Gesamtlänge der Kletterhilfe ist gefragt. Fünf mal 100 Zentimeter. Macht fünf Meter. Gerhard Sauer lehnt die Alu-Leiter an eine der Fichten am Rand des Emmerzhäuser Nadelwalds. Zweck der Aktion: Ein Hausbesuch bei Aegolius funereus, dem Rauhfaußkauz. Oder besser gesagt bei Familie Rauhfußkauz, denn in erster Linie geht es um den Nachwuchs der nur 25 Zentimeter kleinen und 120 Gramm leichten Eulenart. Und der muss aufgrund akutem Wohnraummangels in den Wäldern von Altenkirchen, Siegerland und Wittgenstein seit Jahrzehnten meist mit rostbraunem Plattenbau Vorlieb nehmen.

Früher war natürlich alles besser. Da wohnte man als Rauhfußkauz zünftig und massiv in naturnahen Baumhöhlen. Als Nachmieter des Schwarzspechts. Oder in morschen Astlöchern. Zum Beispiel in einer der zahlreichen und uralten Grenzeichen. Gleich nebenan grünte üppig der Hauberg. Mäuse, Spitzmäuse und Kleinvögel satt. Reichlich gedeckt war der Tisch für Papa und Mama Kauz und für die vielköpfige Großfamilie. Doch natürliche Höhlen sind seit den 50er Jahren immer seltener geworden.

»Knack, knack, knack«

»Knack, knack, knack«. Kein Zweifel: Auf Besuch ist man bei Familie Eule offensichtlich nicht vorbereitet. Fünf Juniorkäuze knacken aufgeregt mit den Schnäbeln. Papa und Mama Eule sind nicht zu Hause. Irgendwo in einer der 30 Meter hohen Nachbarbäume verbringen sie den hellen Tag. Rauhfußkäuze sind nachtaktiv. Gerhard Sauer öffnet die Front des Holzkastens, um den Stand der Familienplanung zu kontrollieren. Fünf Kulleraugenpaare blinzeln ins Sonnenlicht. Ein Anblick, der selbst erfahrene Kauzschützer immer wieder schmunzeln lässt. Seit 1969 ist der Altenseelbacher ein Fan der kleinen Eulen. Damals hörte er zum ersten Mal das charakteristische »Bububu« in den Wäldern seines Heimatortes. Seither widmet sich der Hobbyornithologe dem Rauhfußkauz-Schutz. Und der hat in der Region eine ganz besondere Geschichte. Erstmals im Jahr 1910 bei Wilgersdorf »rufend« nachgewiesen, konnte 1934 ein erster Bruterfolg für das Siegerland gemeldet werden. Seit damals ging es für die Minieule ständig aufwärts.

Mardersicherer Nistkasten

Die jüngere Erfolgsgeschichte des nachtaktiven Federkobolds ist untrennbar mit Artur Franz verbunden, dem Gründungsmitglied des Bundes für Naturschutz und Vogelkunde Siegerland-Wittgenstein (heute: Kreisverband innerhalb des Naturschutzbundes Deutschland), betont Gerhard Sauer. Mit der Erfindung eines mardersicheren Kauzkastens avancierte der erst kürzlich verstorbene Wilgersdorfer Anfang der sechziger Jahre zum Schutzpatron des Rauhfußkauzes. Franz montierte bei seiner Nisthilfe Blechplatten rund um die Holzkästen. Und zwar strategisch so günstig, dass Kauzbesuche für Baum- und Steinmarder unmöglich wurden. Als Fans der kleinen Eule kontrollieren die beiden Marderarten nämlich ebenfalls die in rund sechs Meter Höhe angebrachten Kästen. Allerdings nur um den Inhalt anschließend zu verspeisen. Oft erwischten die Marder dabei sogar einen der Altvögel. Die Entwicklung des Wilgersdorfers wurde in einer Voliere samt hungrigem Marder getestet. Und der Erfolg gab Franz recht. Immer noch verhilft seine Erfindung deutschlandweit Rauhfußkäuzen zu ruhigen Nächten und erfolgreichen Bruten.

Ringe für die Wissenschaft

Zeitweise betreute der in Naturschutzkreisen als »Vogel-Franz« bekannte Wilgersdorfer mehr als 70 dieser Nisthilfen und ermöglichte damit einer sehr bedrohten Vogelart den Aufbau einer stabilen Population in den Kreisen Siegen-Wittgenstein und Altenkirchen. Sogar bis ins Dillgebiet reichte die länderübergreifende Hilfsaktion. Gerhard Sauer schloss sich der Arbeitsgruppe bereits in den sechziger Jahren an. Und in den vergangenen Jahren beteiligte er sich an der Beringung der Vögel. Dabei erhielten die Jungvögel zur Kennzeichnung Fußringe. Daten zur Brutbiologie liefert Sauer an die Landesanstalt für Ökologie, Bodenordnung und Forsten (NRW) mit Sitz in Recklinghausen.

In zahlreichen wissenschaftlichen Studien half Gerhard Sauer damit Licht ins Leben der Rauhfußkäuze zu bringen. Zum Beispiel in Puncto Aktionsradius. So wurde ein Kauz, den Naturschützer als Jungvogel in Belgien beringten, später von Gerhard Sauer in einem Wiedersteiner Kasten brütend angetroffen. Und ein Kauz, dem der Naturschützer in Neunkirchen-Salchendorf 1994 einen Ring überstreifte, wurde 1996 in Thüringen bei Stadtilm registriert. Entfernung Luftlinie: stolze 214 Kilometer, berichtet Gerhard Sauer. 15 Kästen kontrolliert Sauer immer noch gemeinsam mit seinem Naturschutzkollegen Friedhelm Adam. Im Herbst müssen die Kästen gereinigt werden. Ansonsten sind die Kauzwohnungen nach kurzer Zeit unbrauchbar. Nicht in jedem Jahr ist die arbeitsintensive Naturschutzaktion der Altenseelbacher von Erfolg gekrönt.

Schlechte Mäusejahre machen den Käuzen schon mal einen Strich durch die Rechnung. 2002 war keine der Nisthilfen bewohnt. Mit zwei erfolgreichen Bruten ist in diesem Jahr ein leichter Anstieg zu verzeichnen. Die Familiengröße hängt von der Anzahl der Beutetiere ab. Zum Fressen gern hat der Rauhfußkauz vor allem Mäuse. Rötelmäuse scheinen dabei die Nummer Eins des Speiseplans zu sein. Aber auch Spitzmäuse und Haselmäuse werden gefangen. Sogar Kleinvögel bis zur Größe einer Singdrossel geraten manchmal zwischen die spitzen Krallen des Kauzes.

Bis zu acht Jungvögel fand Gerhard Sauer in mäusereichen Jahren. An eine Episode des Kauzschutzprojektes, Anfang der siebziger Jahre, kann sich Gerhard Sauer noch besonders gut erinnern: Erwartungsvoll blickte er damals in einen gerade geöffneten Nistkasten. Und schaute in die Augen einer Baummardermutter samt Nachwuchs.

Seither achtet der Altenseelbacher beim Anbringen der Kästen auf einen Mindestabstand von drei Metern zum Nachbarbaum. Der Marder hatte einen nur zwei Meter entfernten Baum als »Sprungbrett« zum begehrten Wohnsitz genutzt.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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