Sonderheft zu Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern in der Region
Mitten unter der Bevölkerung

Das neue Sonderheft der „Daadetaler Geschichtsbriefe“ wurde am Montag vorgestellt. Darin geht es unter anderem um Zwangsarbeit im heimischen Bergbau. Das Foto entstand am Stollenportal der Grube „Füsseberg“ – gegenüber standen einst Baracken für Zwangsarbeiter.
  • Das neue Sonderheft der „Daadetaler Geschichtsbriefe“ wurde am Montag vorgestellt. Darin geht es unter anderem um Zwangsarbeit im heimischen Bergbau. Das Foto entstand am Stollenportal der Grube „Füsseberg“ – gegenüber standen einst Baracken für Zwangsarbeiter.

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nb Daaden. Konstantin Manjurow wurde im ukrainischen Brianka geboren, gestorben ist er im Jahr 1942 bei einem Betriebsunfall auf der Grube „Füsseberg“ in Biersdorf – mit 15 Jahren. Auch Nikolai Kirisanow, zur Welt gekommen in Buchtijarowa, Russland, starb in Biersdorf: Er erlag einer Lungenentzündung.

Ein Sonderheft der ,,Daadetaler Geschichtsbriefe''

Nur zwei Schicksale von sogenannten Ostarbeitern aus der Zeit des Nationalsozialismus, die in Akten des Daadener Standesamtes zu finden sind. Diese Aufzeichnungen wiederum finden sich in einem neuen Sonderheft der „Daadetaler Geschichtsbriefe“, das nun erschienen ist, und das ein bedrückendes Kapitel der Heimathistorie beleuchtet: „Zwangsarbeiter im Daadener Land.“ Verfasst hat das Heft Volker Rosenkranz vom Arbeitskreis Heimatgeschichte Daadener Land. Bei Recherche und Redaktion wurde er unterstützt von Ulrich Meyer, Ilona Rosenkranz, Marc Rosenkranz und Klaus Weinbrenner.

In den 80er-Jahren, darauf verweist Volker Rosenkranz, berichtete Sachbuchautor Günter Heuzeroth im Heimatjahrbuch des Kreises Altenkirchen als einer der Ersten von der Thematik. Aber so umfang- und detailreich wie im jetzt vorgestellten „Geschichtsbriefe“-Sonderband wurde die Geschichte der Zwangsarbeiter in der Region bis dato nicht beleuchtet. Der Band zeugt von der unglaublichen Recherchearbeit von Rosenkranz und seinen Mitstreitern – und: Er ist ein fundiertes Werk gegen das Verdrängen und Vergessen. „Es ist unermessliches Leid an den Tag getreten“, so Arbeitskreis-Vorsitzender Ulrich Meyer bei der Präsentation – und dieses habe man dokumentieren wollen.
Im Fokus des neuen Sonderheftes steht das prominenteste Beispiel eines Ortes, in dem Zwangsarbeiter zum Einsatz kamen: die Grube „Füsseberg“ in Biersdorf.

Barackenlager an der Grube ,,Füsseberg''

2020 hatte der Daadener Stadtbürgermeister Walter Strunk einen Hinweis bekommen, dass sich unterirdische Unterkünfte für Kriegsgefangene oder Zwangsarbeiter unterhalb der früheren Erzaufbereitung befunden hätten. Strunk wandte sich daraufhin mit der Bitte um Nachforschung an den Arbeitskreis. Dieser kam zu dem Schluss, dass es sich bei den Räumen mit größter Wahrscheinlichkeit nicht um solche für Zwangsarbeiter gehandelt hat. Aber: Der Stein war ins Rollen gebracht.
Die Recherchen waren eine Herausforderung. Zeitzeugen waren in den 40er-Jahren noch Kinder, kannten manches nur aus den Erzählungen ihrer Eltern. Stundenlang wälzten Volker Rosenkranz und die weiteren Beteiligten Dokumente, so im Landeshauptarchiv in Koblenz.

Und, so die Macher: Es gibt immer noch Widerstand gegen die Recherchen, vieles wird nur hinter vorgehaltener Hand erzählt und manche Angaben waren widersprüchlich. Aber die Recherchen haben Ergebnisse gebracht: Gegenüber der Grube „Füsseberg“ (heutiges Betriebsgelände der Firma Henrich, die das Erscheinen des Heftes unterstützte) stand ein großes Barackenlager für Zwangsarbeiter.
Wie viele Menschen genau hier zur Zwangsarbeit eingesetzt waren, lässt sich nicht mehr ganz exakt beziffern, aber in den Jahren 1942 bis 1945 waren es mehrere Hundert, die, wie Rosenkranz schreibt, „mitten unter den Bergleuten und der Bevölkerung gelebt haben“. Unter schrecklichen hygienischen Bedingungen und ungenügender Ernährung.

Eine Gedenktafel für die verstorbenen von ,,Füsseberg''

Die Zeitzeugenberichte künden aber auch von – für den Handelnden hochgefährlicher – Hilfe. So erzählt Helga Meyer (Daaden), dass ihr Vater einem Russen ein paar Arbeitsschuhe gab – bis dato hatte der Mann seine Füße nur mit Zeitungspapier umwickelt, wenn er unter Tage schuftete.

Dass das Heft sein Thema umfassend behandelt, zeigen die weiteren Kapitel. So geht es z. B. auch um Lager auf den Herdorfer Gruben „Friedrich Wilhelm“ und „Wolf“, um eine Baracke in Emmerzhausen, um den Einsatz von Zwangsarbeitern in der Landwirtschaft, um ein Kriegsgefangenenlager in Friedewald, um die „Rastatter Prozesse“ und um das „Displaced-Persons“-Lager auf dem Stegskopf.

Im Daadener Stadtrat wird das Thema auch demnächst auf der Agenda stehen: Der Arbeitskreis hat vorgeschlagen, dass eine Gedenktafel errichtet werden soll, die an die Bergleute erinnert, die auf „Füsseberg“ ums Leben kamen – und an die Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter, die dort arbeiten mussten.

Der Sonderband ist erhältlich: im Rewe-Markt Biersdorf, im Bürohaus Jung in Daaden, in Zeynos Dorfladen (Derschen), bei MankelMuth in Betzdorf, bei den Postfilialen in Herdorf und Weitefeld, bei Marc Rosenkranz (Emmerzhausen), Klaus Weinbrenner (Weitefeld) sowie bei den weiteren Arbeitskreis-Mitgliedern.

Autor:

Nadine Buderath (Redakteurin) aus Betzdorf

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