Schmerzhafte Einschnitte ins kränkelnde System

DGB-Podiumsdiskussion zum Thema »Zukunft des Gesundheitssystems«: Ohne Strukturreform geht es nicht

damo Daaden. Reform? Ja, aber dann bitte richtig: Das war Konsens der Teilnehmer bei einer Podiumsdiskussion zum Thema »Zukunft des Gesundheitssystems«. Eingeladen, und zwar ins Daadener Bürgerhaus, hatte das DGB-Ortskartell. Etwas enttäuschend, dass nur rund 30 Interessierte der Einladung gefolgt sind; die Veranstalter hatten nämlich kompetente Referenten eingeladen, die das Thema aus ihren individuellen Sichtweisen schlüssig darstellten. In einem Punkt waren sie sich alle einig: Eine Strukturreform muss her, um das Gesundheitssystem vor dem Kollaps zu bewahren.

»Wir haben in Europa eine Spitzenstellung, was die Leistungen der Medizin angeht – und wir geben auch sehr viel Geld dafür aus«, verdeutlichte Dr. Gerald Gaß, Leiter des Fachbereichs Gesundheit im Mainzer Sozialministerium. Allein die Beiträge zu den gesetzlichen Krankenversicherungen machen jährlich rund 140 Mrd. Euro aus, erklärte er weiter; aber: »Das Geld scheint hinten und vorne nicht zu reichen, und das liegt am System.«

Odyssee mit der Chipkarte

»Eine echte Strukturreform ist nötig«, forderte Dr. Gaß und erläuterte, warum er das so einschätzt: Die strikte Trennung zwischen ambulanter und stationärer Versorgung verursache unnötige Kosten, weil zu oft Untersuchungen mehrfach vorgenommen würden. Auch die Kooperation zwischen Hausärzten und Fachärzten sei nicht ideal: Oft suchen sich laut Dr. Gaß die Patienten selbst den Facharzt – mit der Chipkarte in der Hand starten sie eine teure und ziellose Odyssee von Arzt zu Arzt. Um dem einen Riegel vorzuschieben, sprach sich Dr. Gaß für die Einführung eines Prämiensystems aus: Wer seinen Hausarzt als »Lotsen durch das System« nutzt, solle dafür belohnt werden. Ferner regt er eine integrierte Versorgung an; Krankenhäuser sollen mit einem regionalen Ärztenetz zusammenarbeiten. Ziel: unnötige Krankenhausaufenthalte vermeiden und eine optimale Therapie forcieren. Diese Gedanken tragen auch der Forderung nach mehr Eigenverantwortung Rechnung: Dr. Gaß präferiert ein Modell, nach dem die Patienten selbst wählen können, ob sie Leistungen wie bisher in Anspruch nehmen, das vom Hausarzt geleitete Modell wählen oder in ein Klinik-Praxen-Netzwerk einsteigen.

Fallpauschale für Hausärzte

Diese Reform der Versorgung müsse einhergehen mit einer Neustrukturierung der Finanzierung. Wie im stationären Bereich, regt das Mainzer Sozialministerium auch für den ambulanten Bereich an, das System der Einzelleistungsvergütung zugunsten eines Pauschalsystems aufzugeben. Ferner müsse überdacht werden, den »Pool der Solidarität« zu vergrößern, indem die auch Selbstständige in die gesetzlichen Kassen aufgenommen werden und generell der Wechsel in private Kassen erschwert werde.

Staat reduziert Leistungen

Dass dieser Gedanke bei Günter Salzig, dem Bezirksdirektor der AOK, auf Zustimmung stieß, verwundert nicht. In vielen Punkten stimmte er mit seinem Vorredner überein. Er appellierte aber zugleich an die politischen Gremien, die Situation der Kassen nicht zunehmend zu erschweren. Der Staat bürde den Kassen immer weitere Belastungen auf – ein Aspekt, den auch Lothar Slezak (»Verdi«) aufgriff: »Der Staat verabschiedet sich immer mehr von seinen Aufgaben, die dann die Solidargemeinschaft tragen muss.«

Die Notwendigkeit zu Einschnitten sahen alle Diskussionsteilnehmer einhellig. Dr. Wolfram Johannes, niedergelassener Arzt aus Kirchen, brachte es auf den Punkt: »Wenn wir das System bezahlbar halten wollen, werden alle Beteiligten ihren Beitrag dazu leisten müssen.«

Weiter: »Ohne schmerzhafte Einschnitte geht es nicht«, sagte er und nannte die Einführung von Fallpauschalen für Hausärzte, die Rückansiedlung von Fachärzten in die Krankenhäuser, Einschnitte bei der Therapiefreiheit und der freien Arztwahl als Ansatzpunkte für eine Strukturreform. Dass nicht alle Leistungen an jedem Krankenhausstandort erbracht werden können, steuerte Klaus Schmidt, Geschäftsführer der Krankenhäuser des Kreises bei. Zugleich betonte er aber, dass das letztlich auch ein Qualitätsmerkmal sei: Selbst wenn der Patient weitere Wege habe, sei durch die Behandlung in der Klinik, wo ein bestimmter Eingriff zum Tagesgeschäft gehöre, eine bessere Behandlung gewährleistet. Auch er sprach sich für eine bessere Vernetzung aller Akteure im Gesundheitssystem aus: »Das System muss geändert werden.«

Die Sichtweise des Apothekers brachte der Herdorfer Thomas Otterbach ein. Nicht nur die Konkurrenz durch Internetanbieter, sondern vor allem die jüngsten gesetzlichen Einschnitte bereiten der Branche Sorgen. Es sei damit zu rechnen, dass bundesweit rund 20000 Arbeitsplätze in Apotheken abgebaut werden müssen; 3000 bis 4000 Apotheken seien mittelfristig von der Schließung bedroht.

Arbeitsplätze in der Vorsorge

»Die Aufgabe des Gesundheitssystems ist eine ideale Versorgung, nicht die Beschäftigung«, machte Dr. Gaß in diesem Zusammenhang auf Nachfrage des Moderators MdL Franz Schwarz deutlich. Er beschrieb aber zugleich einen Ausweg aus diesem Dilemma: Wenn die Gesundheitsförderung und Vorsorge weiter ausgebaut werde, helfe das, Folgeerkrankungen zu vermeiden und Kosten zu sparen – und könne zugleich neue Arbeitsplätze schaffen, die an anderen Stellen im Gesundheitssystem verloren zu gehen drohen.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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