75 Jahre Kriegsende
„Wir wussten nicht, wie es weiterging, aber wir waren sehr erleichtert“

Ilse Rosenkranz, damals Lenz, als junge Frau. Bei Kriegsende war sie 24.
  • Ilse Rosenkranz, damals Lenz, als junge Frau. Bei Kriegsende war sie 24.
  • Foto: privat
  • hochgeladen von Achim Dörner (Redakteur)

dach Biersdorf. Mit 17 hat man noch Träume, würde Peggy March später einmal singen. Als Ilse Rosenkranz, damals noch Lenz, 17 war, stand der Welt noch ihre bis dato größte Katastrophe bevor: der zweite der zerstörerischen Weltkriege. Vor 75 Jahren kapitulierte Hitler-Deutschland vor den alliierten Streitkräften. Eine Zäsur, deren Nachwirkungen bis heute spürbar sind.

Ilse Rosenkranz, heute 99 Jahre alt, war damals 24, ein junge Frau. Sie lebte im Elternhaus in Biersdorf, in der Mühle. „Ich war Mädchen für alles“, sagt sie über ihre Tätigkeit während des Krieges und darüber hinaus. „Meine Mutter und ich sind daher nachts aufgestanden und haben Weiß- und Schwarzbrot gebacken, was anderes gab es im Krieg nicht. Und das Brot verkaufte ich dann auch selber“, erzählt sie. Auch die jüngeren Brüder halfen mit. Manfred sollte später selbst die Mühle übernehmen, Friedl (Friedrich) wurde nach dem Krieg Kammersänger an der Bayerischen Staatsoper.

Dass der Krieg ausgebrochen war, bekam man auch in Biersdorf mit: die Volksempfänger brachten Nachrichten in beinahe jedes Haus – auch jene, die die Nazis eigentlich nicht für „ihr Volk“ vorgesehen hatten. „Zusammen mit der Familie haben wir immer Radio gehört. ,Den Engländer’, nannten wir den Sender. Das war ein verbotener Radiosender. Mein Vater sagte immer: ,Der erzählt uns die Wahrheit!’“

Der Vater sei auch eingezogen worden, berichtet Ilse Rosenkranz, „zusammen mit unserem neuen Auto. Man merkte aber, dass er für die Versorgung in Biersdorf wichtiger war und schickte ihn schnell wieder nach Hause. Das Auto haben wir allerdings nicht wiedergesehen.“

Die Mühle war auch in Kriegszeiten nicht nur Lebensmittelpunkt für die Familie Lenz, sie war auch wichtig für viele andere Menschen im Daadetal. „Die Bauern und Menschen in der Region gingen zu uns hin und brachten uns den Roggen und Weizen, den sie gehamstert hatten.“

Besonders wichtig war dabei offenbar die Eisenbahn. „Nachmittags um halb vier kam der Zug von Betzdorf rauf, da war die Straße und der Bahnhof schwarz, voll von Menschen. Sie brachten ihren Roggen vorbei und bekamen den von uns gemahlen. Mein Vater gab ihnen das Mehl oder da hat er extra so Brotmarken machen lassen, die bekamen die Leute ausgezahlt für den Roggen“, erinnert sich die beinahe Hundertjährige.

Entbehrungsreich war die Zeit gegen Ende des Krieges und vor allem danach. Aber: „Auf dem Land ging es uns allerdings wesentlich besser als in den Städten. Wir tauschten viel. Man hatte eine gute Gemeinschaft“, weiß Ilse Rosenkranz zu berichten.

Während des Krieges bekam Familie Lenz einen polnischen Gefangenen zugewiesen, der fortan mit in der Mühle lebte: „Dem ging es bei uns sehr gut, war nicht als Gefangener bei uns tätig, sondern als Familienmitglied. Er hat sehr tüchtig mitgearbeitet, war ein ganz lieber Kerl.“

Und klar, irgendwann im Frühjahr 1945 kam der Krieg, der in Polen begonnen worden war, über Frankreich, Nordafrika und Stalingrad geführt hatte, auch ins Daadetal. „Die Sirene blies jede Nacht. Wir gingen dann in den Keller im Haus, haben da gesessen und gewartet, bis der Fliegeralarm zu Ende ging. Bei uns sind aber keine Bomben gefallen“, sagt Ilse Rosenkranz und fügt an, dass sie nicht mehr wisse, ob das in der gesamten Region so gewesen sei.

War es nicht. In ihrer späteren Heimat beispielsweise, in Betzdorf, starben am 12. März jenen Jahres 61 Menschen bei einem Luftangriff. 67 Prozent der Häuser wurden zerstört.

Dann kamen die Amerikaner, für die Ilse Rosenkranz aber nur lobende Worte hat. Mehrfach betont sie: „Sie waren sehr lieb zu uns.“ Das seien gute Kerle gewesen. „Sie brachten uns das mit, was wir hier nicht bekamen. […] Die hatten viele Süßigkeiten und hauptsächlich Kaugummis und verteilten das an die Kinder.“

Im Mai hörten sie in der Biersdorfer Mühle wieder einmal „den Engländer“. Und zwar wie immer sehr leise, damit es niemand sonst mitbekam. „Dort erfuhren wir vom Ende des Krieges“, erzählt Ilse Rosenkranz. Und sie erinnert sich weiter: „Es war sehr schönes Wetter, ich ging mit meiner Freundin Else Schmalfuß, geb. Richter, ihr Vater Willy war der spätere Bürgermeister vom Amt Daaden, spazieren. Wir waren so erleichtert und so froh, das glaubst du mir nicht. Der Krieg war zwar verloren, aber es war so schön, dass endlich Schluss war.“

Heilfroh seien sie gewesen, hätten eine „richtige Erleichterung“ verspürt, obwohl der Krieg verloren war. „Wir wussten nicht wie es weiterging, aber wir waren sehr erleichtert. Schöner, warmer Maitag.“

Und so kam es, dass es für Ilse Rosenkranz noch viele schöne Jahrzehnte werden sollten. Die Träume, die sie mit 17 hatte, mussten zwar einige Jahre warten, dürften aber dennoch in Erfüllung gegangen sein. Sie heiratete ihren Ernst, bekam zwei Töchter – Ulrike und Sigrid – und kann stolz auf eine große Familie blicken. Im November feiert sie ihren 100. Geburtstag. 

  • Ilse Rosenkranz lebt im Seniorenheim St. Josef in Betzdorf. Wie in all diesen Einrichtungen herrschte auch hier in den vergangenen Wochen Betretungsverbot. Einer ihrer Enkel, Betzdorfs Stadtbürgermeister Benjamin Geldsetzer, erklärte sich bereit, seiner Großmutter die Fragen der SZ zu den Erinnerungen an das Kriegsende in einem Telefonat zu stellen, deren Antworten niederzuschreiben und das Manuskript der Redaktion zur Verfügung zu stellen.
Autor:

Achim Dörner (Redakteur) aus Betzdorf

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