SZ

Thomas Jessen im SZ-Gespräch über das neue Altarbild in St. Clemens
Modern mit „Dinosaurier“-Mitteln

Traditionell und ungewöhnlich zugleich: Thomas Jessens Altarbild (hier eine Aufnahme aus seinem Atelier) für die Drolshagener Kirche zum Thema „Menschwerdung“.
3Bilder
  • Traditionell und ungewöhnlich zugleich: Thomas Jessens Altarbild (hier eine Aufnahme aus seinem Atelier) für die Drolshagener Kirche zum Thema „Menschwerdung“.
  • Foto: privat
  • hochgeladen von Redaktion Kultur

gmz - Der Künstler Thomas Jessen gibt im neuen Altarbild in St. Clemens Drolshagen  ikonografischen Traditionen geschickt ein neues Gewand.
gmz Drolshagen. Ungewöhnlich mag Thomas Jessens Altarbild in der Drolshagener St.-Clemens-Kirche auf den ersten Blick wirken. Es ist als klassischer Flügelaltar konzipiert, dessen noch fehlende Flügelseiten demnächst angebracht werden. Das Zentralbild und die beiden Innenseiten sind an Pfingsten in der frisch renovierten St.-Clemens-Kirche Drolshagen geweiht worden (die SZ berichtete). Eigentlich ein normaler Vorgang, doch da die Darstellung ungewöhnlich ist, ist das Bild auch über die Region hinaus und auch international auf großes mediales Interesse gestoßen, hier und da mit kritischen, meist aber nur fragenden Untertönen.

gmz - Der Künstler Thomas Jessen gibt im neuen Altarbild in St. Clemens Drolshagen  ikonografischen Traditionen geschickt ein neues Gewand.
gmz Drolshagen. Ungewöhnlich mag Thomas Jessens Altarbild in der Drolshagener St.-Clemens-Kirche auf den ersten Blick wirken. Es ist als klassischer Flügelaltar konzipiert, dessen noch fehlende Flügelseiten demnächst angebracht werden. Das Zentralbild und die beiden Innenseiten sind an Pfingsten in der frisch renovierten St.-Clemens-Kirche Drolshagen geweiht worden (die SZ berichtete). Eigentlich ein normaler Vorgang, doch da die Darstellung ungewöhnlich ist, ist das Bild auch über die Region hinaus und auch international auf großes mediales Interesse gestoßen, hier und da mit kritischen, meist aber nur fragenden Untertönen. In Drolshagen selbst, so der Künstler aus Eslohe im Gespräch mit der SZ, hat man vor allem mit interessierten Fragen oder auch Zustimmung reagiert, weniger mit empörter Aufregung. Das zeigte sich auch bei den beiden bestens besuchten Info-Veranstaltungen mit dem Künstler, die am Mittwochabend in Drolshagen stattfanden. In den Veranstaltungen  so Thomas Jessen, habe er den aufmerksamen  Zuhörern seinen Weg zur Bildfindung erklärt. Auch die Pfarrei ist mit der Arbeit zufrieden, wie zu hören war.

Maria in Jeans

Was sorgt an der Darstellung überhaupt für Aufregung? Die Jeans? Denn die Figuren auf dem fünf mal viereinhalb Meter großen Altarbild, Veronika, Maria und Thomas, tragen Jeans. Die beiden Frauen haben Bluse bzw. Rollkragenpulli an, Thomas steht mit nacktem Oberkörper da (Aussicht auf einen Job als männliches Lingerie-Model hat er nicht). Maria steht auf einer Leiter, Veronika ist mit einem Bildhauerarbeit beschäftigt, und Thomas scheint mit der einen Hand ein Bild hinter sich herzuziehen, mit der anderen nimmt er ein Seil oder einen Gürtel entgegen. –
Maria? Thomas? Gürtel? – Aha!

"Gürtelspende" als bekanntes Bildmotiv

Das Bild bewegt sich also in einem ganz traditionellen Rahmen, dem der „Gürtelspende“, allerdings in moderner Ausarbeitung. Das vermutlich millionenfach dargestellte Motiv ist das des Heiligen Gürtels, den Maria, der katholischen Überlieferung nach, dem heiligen Thomas überreicht, als sie in den Himmel aufgenommen wird. Thomas, der „Ungläubige“, hat ja schon an der leiblichen Auferstehung Christi gezweifelt, bis der Auferstandene ihn auffordert: „Lege Deine Hand in meine Seite“. Als Thomas das Wundmal Christi fühlt, das der römische Hauptmann Christus am Kreuz zugefügt hat, ist er überzeugt, den auferstandenen Christus vor sich zu haben. Aber auch an der leiblichen Aufnahme Marias in den Himmel zweifelt Thomas: Deshalb überreicht ihm die Mutter Christi ihren Gürtel als Beweis.

Tradition im neuen Look

Thomas Jessen gibt dem altbekannten Motiv einen neuen Look: Das Ultramarinblau, die Farbe Mariens, findet sich in der Jeanskleidung wieder, das dazugehörige Rot im Hintergrund. Die Himmelfahrt der Mutter Christi wird mit der Leiter angedeutet, auf der sie zwischen Erde und Himmel platziert wird. Thomas Jessens gegenständliche  Malerei bezieht die ikonografische Traditionen geschickt ein: Das Bild, das Thomas in der Hand hält, ist Caravaggios berühmte Darstellung des ungläubigen Thomas. Man muss nur den Kopf schief halten, eine neue Perspektive einnehmen, dann sieht man die Bezüge.

Kunstzitate deuten viele Tradition an

Die Klaviatur der Kunstzitate beherrscht Thomas Jessen auch in vielen anderen Details: Veronika steht vor einer Art Tuch, das sie erstellt. Traditionellerweise ist „ihr“ Tuch ja das Schweißtuch Christi, auf dem der Christuskopf zu erkennen ist. In Jessens Darstellung ist sie damit beschäftigt, das Abbild Christi bildhauerisch anzufertigen. Was ist Bild vom Bild, was Bild der Realität? Und: Kann man es unterscheiden?

Leben Jesu steht über der "Gürtelspende"

In der oberen Bildhälfte geht Jessen auf das Leben Jesu ein: Geburt, Kreuzigung (ohne Kreuz) und Auferstehung mit den Frauen am leeren Grab. Alle Motive zusammengefasst thematisieren, so Jessen, „Menschwerdung“. Der Auftrag für diese Arbeit lautete eben, ein Altarbild zum Thema „Menschwerdung“ anzufertigen. Gott wird Mensch, wie die Lebensgeschichte Christi verdeutlicht. Gott wird Mensch, und bekommt somit ein Gesicht, das Veronika „erstellt“, Thomas verifiziert es mit seiner Frage, mit seiner Erfahrung, ebenso wie Maria …
Damit wird auch ein weiteres Thema berührt, nämlich das der Beziehung: Gott wird Mensch, weil er in Beziehung zum Menschen treten will. Menschen erkennen ihr Wesen in der Beziehung zu Gott und zueinander. Auch das ist Thema des Bildes.
Modern ausgestaltet, allerdings mit „Dinosaurier-Mitteln“ der gegenständlichen Malerei, wie Jessen selbst sagt. Dazu noch auf einem Altarbild: Viel traditioneller kann man kaum werden! Die moderne  Ausgestaltung haben  natürlich alle Künstler in jeder Epoche praktiziert, wenn sie ihre zeitgenössischen Vorstellungen in die religiösen Darstellungen haben einfließen lassen. Die nehmen wir jedoch heute oft nicht mehr als zeitgebunden wahr!

Kunst will herausfordern

Die Modernität jedenfalls wirkt: Thomas Jessen verweist im SZ-Gespräch auf die Aufgabe der Kunst, den Betrachter herauszufordern. Nicht um zu provozieren, sondern um ihm oder ihr im Kontext einer religiösen Darstellung auch die Relevanz der bekannten Szene klarzumachen. Das Stutzen über die Darstellung stößt hoffentlich die Reflexion über den Sinn des Dargestellten an …

Autor:

Dr. Gunhild Müller-Zimmermann (Redakteurin) aus Siegen

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

Folgen Sie diesem Profil als Erste/r
ThemenweltenAnzeige
Die Siegener Zeitung begrüßt den Lenz mit einem Sonder-Abo: Sparen Sie drei Monate lang mit unserem Frühlings-Abo.

SZ+ informiert schnell und gut
Mit dem Frühlings-Abo drei Monate sparen

Der Frühling hat - kalendarisch- begonnen und die Siegener Zeitung begrüßt den Lenz mit einem Sonder-Abo: Sparen Sie drei Monate lang mit unserem Frühlings-Abo. Verlässliche Informationen trotz unruhiger Corona-LageIn diesem einmal mehr besonderen Jahr sehnen sich viele Menschen noch mehr nach den ersten Frühlingsboten. Ist doch mit den steigenden Temperaturen, den kräftiger werdenden Sonnenstrahlen und dem Aufblühen der Natur im zweiten Jahr der Corona-Pandemie noch mehr Hoffnung verbunden als...

Kommentare

Kommentare sind deaktiviert.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen