Bauen und Wohnen in der Zukunft
Eine „Gesellschaft der Singulare“

Zur Sondersitzung des Rates begrüßte Drolshagens Bürgermeister Uli Berghof (l.) den Soziologen und Politikwissenschaftler Dr. Andreas Knie.
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mari Drolshagen/Germinghausen . Zu einer Sondersitzung der Stadtverordnetenversammlung hatte am Mittwoch die Stadt Drolshagen ins Dorfgemeinschaftshaus Germinghausen eingeladen. Anlass waren zwei Expertenvorträge, die die von der Stadt geplanten Zukunftsprojekte betreffen. Zum Thema „Gemeinsam Leben und Arbeiten im Quartier: Eine Siedlung neuen Typs“ sprach Professor Dr. Andreas Knie aus Berlin. Die Entwicklung von Bauland gehört aufgrund vieler Bürgeranfragen zu den Projekten, die Bürgermeister Uli Berghof gemeinsam mit den Stadtverordneten forcieren möchte. Deshalb und wegen anderer dringender Themen hat er auch bei der Verwaltung die neue Stabsstelle „Zukunftsprojekte“ eingerichtet, die vom ehemaligen Bauamtsleiter Christoph Lütticke besetzt wurde.

Stadthäuser mit bis zu 77 kleinen Wohnungen

Dr. Knie, Leiter der Forschungsgruppe „Digitale Mobilität und gesellschaftliche Differenzierung“ am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, stellte ein für Berlin-Pankow entwickeltes Projekt vor. Dort sollen sieben Stadthäuser mit einer Wohnfläche von je 1050 m² entstehen, mit denen bei maximaler Auslastung der Struktur bis zu 77 kleinere Wohnungen realisiert werden können. Die möglichen 21 Tiny-Häuser mit einer Wohnfläche von etwa 60 m² würden dabei einen sehr flexiblen Rahmen für bauliche Entwicklungen und die Nutzung des Freiraumes schaffen. Der Plan sieht zwei Gebäude für Gemeinschaftsnutzungen von je 500 m² und Grünflächen für gärtnerische Nutzungen von bis zu 5000 m² vor. Dr. Andreas Knie, der in seiner früheren Tätigkeit als Geschäftsführer des Innovationszentrums für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel (InnoZ) den autonomen Autobus „Sam“ im Vorjahr in Drolshagen zum Einsatz brachte, hob den Sinn und Zweck des neuen Quartiers hervor, das Provisorische als Norm zu implementieren und die bestehende Nutzung in eine neue Gemeinschaft zu überführen. Vorteile seien der hohe Grad der Selbstversorgung, die räumlich kompakte Organisation von Wohnen, Arbeiten und Vergnügen, das Gemeinschaftswerk mit Grundlast (Kita, Co Working, Restaurant), die Reduzierung der Zahl der Wege, das Angebot von Verkehrsangeboten ausschließlich auf regenerativer Basis, die Realisierung von Null-Energie als Maßstab der Gebäudetechnik und die Sicherung der Stromversorgung als eigene Anlage mit ausschließlich regenerativen Quellen (Zielpreis 16 Cent). Der aus Büschergrund stammende Politikwissenschaftler und Soziologe sprach von einer Gesellschaft der Singulare in Deutschland, die nach einer statistischen Erhebung neue Konzepte fordere.

Gesellschaft verändert sich

Fast die Hälfte aller Ehen würden geschieden bzw. die Eheleute würden getrennt leben. Knapp ein Drittel aller Kinder würden von Alleinerziehenden betreut, davon betrage der Anteil der Frauen 80 Prozent. Der Anteil der Haushalte mit minderjährigen Kindern betrage bei verheirateten Paaren gerade mal 12 Prozent und knapp die Hälfte aller Haushalte würden nur aus einer Person bestehen. Hinzu komme der demografische Wandel. Ein Viertel der Bevölkerung sei älter als 60 Jahre, 2030 würde das ein Drittel sein. Nach seiner Ansicht existieren stabile Lebensläufe und Arbeitsbiografien nicht mehr. Außerdem könnten rund 40 Prozent der sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnisse in mobiler Arbeit erledigt werden. „Man kann zwar Berlin und Drolshagen nicht direkt vergleichen, doch auch in Drolshagen verändert sich die Gesellschaft und die Digitalisierung nimmt stetig zu“, sagte der Experte mit Blick auf die Zunahme der aussterbenden Dörfer in Deutschland.

Autarke Siedlungen 

„Wir müssen nachdenken, wie wir zukünftig wohnen und bauen wollen. 90 Prozent der Flächen in Deutschland sind ländlich geprägt, auf ihnen leben 47 Millionen Menschen. Jedes kleine neue Siedlungsprojekt droht diesen Bestand zu erhöhen. Wir müssen uns von der früher klassischen Familienstruktur lösen und hin zum Bau von autarken Siedlungen, wo die Menschen ihren gesamten Lebensverlauf in flexibler Form selbstorganisiert leben und alles machen können, und wo nur so viel Verkehrsmittel wie benötigt bereitgestellt werden. Denn inzwischen haben wir zu viele Autos“, wies er auf die inzwischen höchste Automobildichte hin. Es könne nicht die Zukunft der Mobilität sein, dass es noch mehr Autos gibt. Die Anlässe, wegzufahren, könne man reduzieren und auf Sharing und Pedelecs zurückgreifen. Dr. Knie führte an, dass durch die selbstversorgenden Siedlungen Aufenthaltsräume entstehen, wo die Menschen im Gemeinschaftsgefühl leben können.

Autor:

Marianne Möller

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