Hoffnung durch Hippo-Therapie

Krankengymnastik auf dem Pferd: Carmen Erwes arbeitet seit 20 Jahren mit Behinderten

mari Öhringhausen. Mike sitzt rückwärts auf dem isländischen Wallach Sörli. Noch sieht das einfach aus. Doch dann zieht er seine Beine zum Schneidersitz zusammen und verschränkt die Arme hinter dem Kopf. Ganz schön schwierig, so die Balance zu halten, doch Mike schafft das. Hippo-Therapeutin Carmen Erwes korrigiert die Haltung des 15-Jährigen: »Gerade sitzen«, sagt sie und Mike richtet sich auf. Nun hat der Junge die richtige Haltung und Carmen Erwes nickt Pferdeführerin Sonja Middel zu: »Alles okay, es kann losgehen.« Die 13-Jährige gibt Sörli den Befehl zum Gehen und der Wallach trottet los. Mike ist sichtlich stolz.

»Ich mache Yoga«, sagt er. Während des Rittes lässt er seine Arme nach hinten kreisen und auf der Rückrunde wird es noch schwieriger: Nun zieht er mit seinen Beinen Kreise. Carmen Erwes lobt ihren Schüler: »Das machst du sehr gut.« Über diese Entfaltung ist Mikes Mutter Birgit dankbar. Bei ihrem Sohn wurde eine Entwicklungsverzögerung Richtung AHDS (Aufmerksamkeitsdefizits- und Hyperaktivitätssyndrom) sowie ein Haltungsschaden aufgrund zu schnellen Wachsens diagnostiziert: »Die Krankengymnastik auf dem Pferd macht ihm Spaß, er kann sich besser konzentrieren und konnte seine Haltung deutlich verbessern.«

Auch Mikes Schwester Carina (17) tut das therapeutische Reiten auf dem Ponyhof in Öhringhausen bei Frenkhausen gut. Sie leidet unter ausgeprägtem Autismus. »Carina ist ruhiger, ausgeglichener und selbstbewusster geworden, nach den Therapiestunden ist sie richtig entspannt«, hat ihre Mutter festgestellt. Die Lenhauserin ist dankbar, dass ihren Kindern durch die Hippo-Therapie geholfen wird: »Frau Erwes macht das sehr gut. Sie hat eine ruhige, herzliche Art und das überträgt sich auf die Kinder. Überhaupt ist es hier wunderbar«, blickt sie umher. »Es gibt Pferde, Ponys, Esel, Schweine, Fasane, Hühner Gänse, Hunden, Katzen, Ziegen und sogar ein Lama. Auch mir tut der Aufenthalt richtig gut.«

Carmen Erwes freut sich, wenn sich bei ihren Patientinnen und Patienten solch gute Erfolge einstellen, denn sie macht ihre Arbeit mit Herzblut. Die 40-jährige Attendornerin ist selbstständige Physio- und Sporttherapeutin mit Praxen in Attendorn und Olpe, Motopädin, ausgebildete Hippo- und Reittherapeutin und bringt ihr Können vorrangig im neurologischen Bereich ein. Sie arbeitet seit 20 Jahren mit behinderten Menschen, vor allem mit Kindern, und ist bundesweit als Dozentin für Kinderneurologie gefragt. Im Kreis Olpe ist sie die einzige Hippotherapeutin, derzeit bildet sie jedoch ihre Mitarbeiterin Nina Mause ebenfalls in dieser Richtung aus, da sie hier großen Bedarf sieht.

»Es gibt keine andere Therapieart, bei der die Bewegung des menschlichen Gehens derart nachgeahmt wird. Die Rotation vom Rumpf her mit Schub nach vorn löst die dreidimensionale Bewegung im menschlichen Körper aus: Drehen, Seitwärtsneigung und Beugen/Strecken. Dadurch werden Muskeln gelockert oder gekräftigt, das Gangbild und die Wahrnehmung verbessert und es bahnen sich natürliche Bewegungsmuster an«, erklärt sie die Vorteile der Hippo-Therapie. »Das therapeutische Reiten ist geeignet für alle Menschen mit körperlicher und/oder geistiger Behinderung, spastischer oder schlaffer Lähmung, Querschnittslähmung, Autismus und ADHS-Syndrom, Haltungs- und Rückenproblemen und für psychosomatische Angstpatienten.«

Nicht jedes Pferd ist als Therapiepferd geeignet. Carmen Erwes hat ein Jahr lang ein geeignetes Pferd gesucht, dann fand sie Sörli und er ist heute ihr »Schatz«. Der neunjährige isländische Wallach erfüllt alle Voraussetzungen: Er ist charakterstark, nicht zu groß, eignet sich als Lastenträger und vermittelt nach der speziellen Ausbildung die optimale Bewegungsübertragung vom eigenen auf den menschlichen Körper. An drei bis vier Tagen pro Woche kommt Sörli zum Einsatz. Abwechselnd führen ihn Sonja Middel (13) aus Sondern und Tamara Gerwin (15) aus Attendorn, während Carmen Erwes ihren Patientinnen und Patienten krankengymnastische Übungen auf dem Pferderücken vermittelt.

Marius aus Heggen ist einer dieser Patienten. Der 15-Jährige ist durch eine schwere Nervenerkrankung körperlich und geistig behindert. »Stehen kann er nicht, er muss immer gehalten werden, sonst kippt er um. Zuhause krabbelt er im Kniestand herum. Doch auf Sörlis Rücken kann er aufrecht sitzen«, ist seine Mutter überzeugt von der Reittherapie. Diese vergleicht Carmen Erwes mit der Delfintherapie. »Sie ist sehr teuer und kann nicht jeden erreichen. Eine Reittherapie ist längst nicht so kostspielig und wirkt zudem schneller und effektiver«, ist sie überzeugt. Weitere Infos unter Z (02722) 633931 oder unter Z (0160) 7751919.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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