Im Ernstfall »keinerlei Chance«

Herrenrunde Verteidigung: Brigadegeneral a.D. referierte über Bundeswehr-Auslandseinsätze

ole Eichen. Zu einer Vortragsveranstaltung zum Thema »Die Bundeswehr als Weltpolizei – wo sind Auslandseinsätze sinnvoll?« hatte am vergangenen Freitag die Herrenrunde Verteidigung ’81 in den Eichener Hamer eingeladen. Landesvorsitzender Walter Nienhagen begrüßte die zahlreichen Gäste sowie die Kapelle des MV Müsen 1919, die zur musikalischen Einstimmung Märsche spielte.

Brigadegeneral a.D. Reinhard Günzel, der bis zu seinem durch den damaligen Verteidigungsminister Struck initiierte Versetzung in den frühzeitigen Ruhestand im November 2003 der Kommandeur der Spezialeinheit Kommando Spezialkräfte (KSK) war und den ersten deutschen Auslandseinsatz der Bundeswehr in Afghanistan kommandierte, referierte über die aktuell stattfindende Transformation der Bundeswehr – von der Verteidigungsarmee, dem Bürger in Uniform, hin zu Interventionsarmee ohne Wehrpflicht an der Seite der Verbündeten.

»Was verteidigt die Bundeswehr am Hindukusch?«, fragte Reinhard Günzel in die Runde. »Es gibt zwei Gründe für den Einsatz der Bundeswehr: die Verteidigung der Heimat und die Verteidigung von vitalen nationalen Interessen.« Der erste Grund entfalle, für den zweiten habe er bisher kein politisches Papier gesehen. »Wir machen eben mit.« Die Väter des Grundgesetzes und des Artikels 87a würden sich aber im Grabe umdrehen, wenn sie diesen Vorgang beobachten könnten.

»Was machen die Amerikaner, Briten und Russen dort in Afghanistan?«, fragte Günzel weiter. »Für sie geht es nur um die geostrategische Lage, den Zugriff auf den ostasiatischen Raum und die Ölvorkommen am kaspischen Meer.« Das Phantom Terror werde seit dem 11. September 2001 als häufige und vielseitig einsetzbare Begründung verwendet, aber erst seit dem Einmarsch der Amerikaner in Afghanistan sei die Al Kaida globalisiert worden, so der Brigadegeneral a. D. weiter. Die nach 4 Jahren immer noch dort stationierte Bundeswehr werde jetzt in den Kampf gegen den Drogenhandel einbezogen, vorher sei sie eher eine Art »bewaffnetes THW« gewesen, das Decken verteilte. Im Ernstfall jedoch hätten die Männer »keinerlei Chance«, wenn die Kriegsherren in Afghanistan ernsthaft gegen die Deutschen vorgehen würden. 5 kg Gold seien bereits von den Taliban auf den Kopf eines deutschen Soldaten ausgesetzt worden. »Der Kampf gegen den Terror«, erklärte Reinhard Günzel, »ist ein politisches Mittel. Und Politik wird von Interessen bestimmt. Die Teilnahme an diesen Kreuzzügen ist dünnes Eis für die Interessen anderer. Würde es dem deutschen Ansehen schaden, wenn man sich auf die reine Verteidigung beschränkte?«

Militärisch befinde sich die Bundeswehr zurzeit im Wandel. Die Transformation zur Interventionsarmee sei in vollem Gange, der Bürger in Uniform werde hinfällig. Am Ende stehe eine vollkommen andere Armee, mit Gerät und Soldaten, einem ganz neuen Erscheinungsbild. Eine Interventionsarmee jedoch sei auch im eigenen Land »ein Fremdkörper«, ihre Stationierung sei mit den früheren Kolonialarmeen vergleichbar, mit den entsprechenden Eigengesetzlichkeiten, die sich durch diese Aufgabenstellung ergeben. Diesen Soldatentypus habe es in der Bundesrepublik bisher nicht gegeben.

Nach Günzels Auffassung ist die Bundeswehr eine Armee ohne Tradition, ein Baum ohne Wurzel, ohne Korpsgeist. »Was hält diese Truppe in einem wirklichen Ernstfall zusammen?«, fragte der General. »Wird der heutige deutsche Soldat sterben für eine Wohlstandgesellschaft, die auch Mörder zu ihm sagen darf?« Günzel zitierte den französischen General Goupil: »Eine Armee ohne Tradition ist ein nihilistischer Haufen.«

In der anschließenden Diskussion ging es u.a. über die aktuelle Abrüstung der Bundeswehr und wie lange es dauere, die Armee im Ernstfall wieder auf den erforderlichen Level zu bringen. »Bis zu 8 Jahre«, antwortete Reinhard Günzel. Eine Armee lasse sich nicht auf Knopfdruck einschalten. Nach seiner persönlichen Ansicht komme eine Krise schneller, als die Armee nachwachsen könne. Er bezweifelte, dass Deutschland so verteidigt werden könne. Daher müsse eine Minimalvorsorge geleistet werden, sonst sei man, wie es in der Versicherungsbranche heiße, »einfach unterversichert«.

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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