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Formbrief an Molkereien macht die Runde
Milliarde dämpft Zorn nicht

Beim Milchstreik 2008 machten auch im Kreis Olpe viele Bauern mit und verschütteten ihre Milch lieber, als sie unter dem Erstehungspreis an die Molkereien zu liefern. SZ-Archivfoto
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  • Beim Milchstreik 2008 machten auch im Kreis Olpe viele Bauern mit und verschütteten ihre Milch lieber, als sie unter dem Erstehungspreis an die Molkereien zu liefern. SZ-Archivfoto
  • hochgeladen von Jörg Winkel (Redakteur)

Drolshagen. Selten waren die Landwirte in Deutschland so einig in ihrer Haltung zur Politik. Landauf, landab demonstrieren sie, blockieren die Kühllager von Handelsketten und machen mit Plakaten auf ihre Lage aufmerksam. Und während in den vergangenen Jahren traditionell wirtschaftende Landwirte und Biobauern oft auf unterschiedlichen Seiten standen oder die im Bundesverband deutscher Milchviehhalter organisierten Landwirte gegen die Mitglieder des Deutschen Bauernverbands argumentierten, ziehen derzeit praktisch alle Verbände an einem Strang, an dessen anderem Ende das Bundeslandwirtschaftsministerium gegenhält. Nun hat die Bundesregierung reagiert und die bereits „Bauernmilliarde“ genannte Summe von rund 1 Mrd.

Drolshagen. Selten waren die Landwirte in Deutschland so einig in ihrer Haltung zur Politik. Landauf, landab demonstrieren sie, blockieren die Kühllager von Handelsketten und machen mit Plakaten auf ihre Lage aufmerksam. Und während in den vergangenen Jahren traditionell wirtschaftende Landwirte und Biobauern oft auf unterschiedlichen Seiten standen oder die im Bundesverband deutscher Milchviehhalter organisierten Landwirte gegen die Mitglieder des Deutschen Bauernverbands argumentierten, ziehen derzeit praktisch alle Verbände an einem Strang, an dessen anderem Ende das Bundeslandwirtschaftsministerium gegenhält. Nun hat die Bundesregierung reagiert und die bereits „Bauernmilliarde“ genannte Summe von rund 1 Mrd. Euro freigegeben, um aus Steuergeldern den Bauern beim anstehenden Transformationsprozess unter die Arme zu greifen. Doch für Ruhe oder Frieden sorgt dieses Geld nicht.
So nennt es der Bundesverband deutscher Milchviehhalter (BDM), in dem der Drolshagener Landwirt Michael Alterauge ganz vorn mitkämpft, einen „Hohn für die Landwirte, die sich seit Jahren dafür einsetzen, dass man mit politischem Handeln die Ursachen der katastrophalen wirtschaftlichen Situation der Bäuerinnen und Bauern angeht statt mit immer neuen Finanzspritzen hilflos an den Folgen herumzukurieren“, wie es in einer Pressemitteilung des BDM heißt. „Wir Milchbauern erleben das seit Jahren quasi in der Dauerschleife: Wir haben eine Krise, fordern politisches Handeln und kriegen öffentlichkeitswirksam Geld. Geld, das noch dazu nicht einmal ansatzweise ausreicht, um die Probleme wirklich zu lösen. Geld, das man uns bei jeder Diskussion als vermeintliche Hilfe unter die Nase reibt. Geld, das nicht die dringend nötige Wirkung haben wird und uns mundtot machen soll “, kritisiert BDM-Vorsitzender Stefan Mann vehement.
Und im Gespräch mit der SZ betont Michael Alterauge, dass dieses Vorgehen wieder einmal zeige, dass die Bundesregierung nicht verstanden habe, dass Bauern keine Subventionen oder andere Hilfen wollen, sondern schlicht und einfach faire Preise für ihre Produkte. Natürlich müsse es sich in diesem Preis niederschlagen, wenn der Staat immer strengere Auflagen mache, doch müsse der Staat dafür sorgen, dass dieses Geld über den Markt erwirtschaftet werden könne.
Wie aus der Pressemitteilung des BDM hervorgeht, sei allein den Milchviehhaltern nur durch die letzte große Milchmarktkrise in Deutschland Einkommensverluste von 6 Mrd. Euro entstanden. Die weiterhin bestehende Kostenunterdeckung von rund 10 Cent je Kilogramm Milch, sowohl im konventionellen wie auch im Bio-Bereich, entstünden weitere 3 Mrd. Euro Einkommensverlust pro Jahr. Ursache dieser Krisen und der aktuellen Marktmisere sei eine Agrarmarktpolitik, die auf eine kontinuierliche Intensivierung und niedrigste Preise für die gesamte Landwirtschaft ausgerichtet sei, um die Ernährungsindustrie mit günstigen Rohstoffen international wettbewerbsfähig zu machen. „Mit diesen Milliarden Verlusten hätte man viele Maßnahmen für Umwelt, Klima, Artenschutz und Tierwohl angehen können“, wird BMD-Vorsitzender Mann zitiert. „Geld, das den Bäuerinnen und Bauern für die Zukunft unwiederbringlich fehlt und die Exportstrategien der Ernährungsindustrie unterstützt hat.“
1 Mrd. Euro, zudem verteilt auf vier Jahre, für alle Sektoren der Landwirtschaft, sei vor diesem Hintergrund nach Ansicht des BDM kein Ausdruck der Wertschätzung für die Bauern. Wertschätzung bedeute, die Probleme ernstzunehmen und ernsthaft anzugehen. Die angekündigte Milliarde müsse mit einem klaren Bekenntnis begleitet werden, dass eine Neuausrichtung der Agrarmarktpolitik auf die Interessen der Bäuerinnen und Bauern, der Gesellschaft sowie der Belange von Umwelt, Natur- und Klimaschutz endlich in Angriff genommen werde. Außerdem müsse eine Verbesserung der Marktstellung der Landwirte her, damit diese in der Lage seien, steigende Kosten über den Markt zu decken statt auf staatliche Hilfsgelder hoffen zu müssen.
Ein Beispiel, wie die zornigen Bauern sich Luft machen: In den sozialen Netzwerken kursiert derzeit ein anonymer Formbrief, den ein unbekannter Landwirt erstellt hat und der sich von Bayern bis Friesland verbreitet. Milchbauern sollen ihn komplettieren und ihrer jeweiligen Molkerei zusenden. Darin machen sie deutlich, dass ein Grundpreis von 43 Cent sein müsse, um eine auskömmliche Milchproduktion zu sichern – derzeit erhalten sie 32 Cent. „Sollten sich die Auflagen, welche die Milchproduktion (z. B. Düngeverordnung etc.) betreffen, weiter erhöhen, sehe ich mich leider gezwungen, den Preis kurzfristig anzupassen“, heißt es in dem Schreiben, verbunden mit der Ankündigung, eine „Mengenanpassung“ vornehmen zu müssen „in Anbetracht der Tatsache, dass Sie ,nur’ hochpreisige Produkte herstellen müssen“. Dies dürfte eine Anspielung auf eine mögliche Wiederholung des Milchlieferstreiks sein, den der BDM 2008 ausrief und bei dem viele Bauern wochenlang ihre Milch verfütterten, wegkippten oder auf die Wiesen und Äcker sprühten, statt sie an die Molkereien zu liefern. Der Brief spielt auf eine Umkehrung der Verhältnisse an, denn bislang nennen nicht die Bauern den Molkereien den Preis, den sie für ihre Milch verlangen, sondern die Molkereien sagen den Bauern, was sie ihnen zahlen.

Beim Milchstreik 2008 machten auch im Kreis Olpe viele Bauern mit und verschütteten ihre Milch lieber, als sie unter dem Erstehungspreis an die Molkereien zu liefern. SZ-Archivfoto
Mit diesem Formbrief, den die Bauern per „WhatsApp“ und andere soziale Medien verteilen, machen sie deutlich, dass eine Anhebung des Milchpreises dringend geboten sei. Foto: privat
Autor:

Jörg Winkel (Redakteur) aus Stadt Olpe

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