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Kreisverbandstag der Bauern aus dem Kreis Olpe:
Zwischen Greta und Wutbürgern

Hildegard Hansmann-Machula vom Landwirtschaftlichen Kreisverband überreichte Karsten Schmal als Präsent statt Blumen ein Sauerländer Brathähnchen.
  • Hildegard Hansmann-Machula vom Landwirtschaftlichen Kreisverband überreichte Karsten Schmal als Präsent statt Blumen ein Sauerländer Brathähnchen.
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Drolshagen-Berlinghausen. Ein spannendes Referat hörten die Teilnehmer des Kreisverbandstags, zu dem der Westfälisch-Lippische Landwirtschaftsverband am Freitagabend in die Berlinghauser Schützenhalle geladen hatte, dazu zwei Grußworte im Klartext.

Der Vorsitzende des Landwirtschaftlichen Kreisverbands, Michael Richard, begrüßte die Versammelten: „Heute steht die Milch im Mittelpunkt“, so der Landwirt aus der Petmecke bei Grevenbrück. Die Bauern blickten auf ein Ausnahme-Jahr „mit vielen beeindruckenden Schlepperdemos“ zurück, für die es eine Vielzahl von Gründen gegeben habe.

Drolshagen-Berlinghausen. Ein spannendes Referat hörten die Teilnehmer des Kreisverbandstags, zu dem der Westfälisch-Lippische Landwirtschaftsverband am Freitagabend in die Berlinghauser Schützenhalle geladen hatte, dazu zwei Grußworte im Klartext.

Der Vorsitzende des Landwirtschaftlichen Kreisverbands, Michael Richard, begrüßte die Versammelten: „Heute steht die Milch im Mittelpunkt“, so der Landwirt aus der Petmecke bei Grevenbrück. Die Bauern blickten auf ein Ausnahme-Jahr „mit vielen beeindruckenden Schlepperdemos“ zurück, für die es eine Vielzahl von Gründen gegeben habe. In seiner bekannt ironischen Art stellte Richard den Alltag eines Sauerländer Landwirts im vergangenen Sommer dar: „Die Wiesen verdorren, der Borkenkäfer frisst den Wald auf, bei unmenschlicher Hitze ist man am arbeiten und hört dabei ständig von allen Seiten, was man alles besser machen könne. Ich hatte manchmal Lust, die Kühe aus dem Stall zu werfen und und Platz zu machen für die Wohnmobile der Eltern der Kinder, die bei ,Fridays for future’ demonstrieren.“ Der heimischen, familiären Landwirtschaft drohe eine ähnliche Entwicklung wie den Dorfkneipen, „und dagegen wehren wir uns“. Es sei unabdingbar, dass sich die Landwirte auch wegen des spürbaren Klimawandels veränderten, „aber das tun wir ständig“.

Der Bürgermeister der Stadt Drolshagen, Uli Berghof (CDU), richtete sein Grußwort ganz auf das Thema Klimawandel aus. Es werde „das Mega-Thema der nächsten Jahrzehnte“ sein. Mancher möge das Thema schon nicht mehr hören, aber ein junges Mädchen aus Schweden sei nicht die Ursache des Problems, „sondern die, die mutig ist, die Finger in die Wunde zu legen“. Kaum jemand merke den Klimawandel stärker als die Landwirte, „er ist eine Bedrohung unserer Zivilisation, Klimasünder werden auf der Strecke bleiben“.

Er räumte ein, in Sachen Landwirtschaft Theoretiker, nicht Praktiker zu sein, aber er verstehe nicht, wie angesichts von Fakten immer noch Menschen eine Verbesserung des Tierwohls negierten oder den menschengemachten Klimawandel verneinten. „Die Wutbürger freuen sich über die Proteste der Landwirte.“ Er verstehe nicht, dass die Bauern es nicht schafften, sich über ihre bestehenden Verbände ihre Anliegen an die Politik zu bringen. „Mit Ihrem Protest haben Sie alles richtig gemacht, aber die Stoßrichtung muss sich ändern: in Richtung Landes- und Bundespolitik.“ Soweit er dies feststelle, sei dort inzwischen endlich die Bereitschaft eingekehrt, mit den und nicht über die Bauern zu sprechen.

Stellv. Landrat Bernd Banschkus (SPD) griff diesen Ball auf: Politik dürfe nicht über die Köpfe der Landwirte hinweg entscheiden, „nur im Dialog sind Lösungen denkbar“. Eines der Hauptprobleme seien die Preise: Milch sei zur Ramschware geworden, „die Discounter drücken die Preise auf Kosten der Erzeuger“. Es sei wichtig, dass dem Verbraucher intensiver als bisher deutlich gemacht werde, welchen Wert gesunde Lebensmittel hätten. Nach einem kurzen Bericht von Georg Jung, Geschäftsführer des Landwirtschaftlichen Kreisverbands, über Neuerungen in der Geschäftsstelle in Ferndorf ergriff der Vizepräsident des Deutschen Bauernverbands, Karsten Schmal, das Wort, um das Hauptreferat des Abends zu halten.

„Kühe geben Milch, pflegen die Landschaft und killen das Klima.“ Lang und provokant war der Titel des Referats, das der Vizepräsident des Deutschen Bauernverbands, Karsten Schmal, am Freitagabend beim Kreisverbandstag hielt. <hardspace>Zunächst befasste er sich mit der Frage, warum die Bauern derzeit so unzufrieden seien. Die Liberalisierung schreite unaufhaltsam voran, immer mehr Handelsabkommen verschafften den deutschen Bauern Konkurrenz mit Landwirten, die teils deutlich weniger Auflagen zu erfüllen hätten. „Viele von uns haben das Gefühl, dass wir durch immer neue Auflagen aus dem Markt katapultiert werden.“ Trotz Trockenheit und Futtermangel sei der Milchpreis nicht gestiegen – „für uns nicht, für den Handel schon“.</hardspace>

Schmal richtete seinen Blick auf Gegenden jenseits der deutschen Grenzen: Niemand habe gemerkt, dass der Katastrophensommer auch dadurch kompensiert worden sei, indem 11 Mill. Tonnen Körnermais eingeführt worden seien. „Wir können das Futter anderen wegkaufen, und die hungern dann.“ Die Weltbevölkerung wachse dort, wo wenig wachse. Die „Trump-Lösung“, immer höhere Grenzzäune zu ziehen, sei keine Lösung, „die Menschen werden zu uns kommen“. Mitteleuropa sei einer von wenigen Standorten in der Welt, wo die Landwirtschaft großflächig produzieren könne. Beim Thema Klimawandel seien die Landwirte in der Tat ein Teil des Problems, könnten aber auch ein Teil der Lösung sein: „Nur wir und die Forstwirte können mit unseren Produkten umfassend CO2 binden.“

Die Auflagen der Politik kosteten die Landwirte viel Geld, und die Erfahrung zeige, dass der Verbraucher nicht willens sei, dies zu tragen. Die Folge: Viele Bauern investierten nicht mehr. „Unsere Proteste sind ein Weckruf an die Gesellschaft.“ Doch sei Protestieren nur das eine – „jetzt muss auch umgesetzt werden“.

Dann bezog er Stellung zu einer möglichen Mengenregulierung bei der Milchproduktion. Zwar wolle er „nie wieder eine Quote“, doch eine Mengenregulierung müsse sein. „Nicht die Politik, der Markt muss das regeln.“ Und anders als in vergangenen Jahren, war der Bundesverband deutscher Milchviehhalter (BDM) nun auch für einen Funktionär des Bauernverbands ein Thema – mehr als das: Schmal hatte ausdrücklich Lob für den BDM parat, auch wenn er ausdrücklich bedauerte, dass die Milchbauern jüngst ein gemeinsam erarbeitetes Papier schlussendlich nicht mit unterschrieben hätten.

Ein Landwirt nutzte die Möglichkeit, den Referenten mit einer Frage zu konfrontieren. In den USA schlössen erste Molkereien, weil dort eine starke Konkurrenz durch Milchersatzgetränke aus Getreide immer stärker verkauft würden: ob Schmal eine ähnliche Entwicklung in Deutschland erwarte. Dem widersprach der Referent: Hafermilch und Co. würden seines Erachtens in Deutschland stets eine kleine Nische besetzen, mehr nicht. „Aber es ist unsere Aufgabe, klarzumachen, was wir für ein wertvolles Produkt liefern.“ Die österreichischen Bauern machten es vor, indem sie ihre Milch veredeln und hochpreisig als „Heumilch“ oder „Weidemilch“ vermarkten.

Das Schlusswort sprach der stellv. Vorsitzende des Kreisverbands, Bernd Eichert aus Bebbingen. „Die Landwirtschaft muss besser kommunizieren. Wir dürfen uns nicht länger auf unseren Höfen verstecken. Die Devise muss heißen Ran an den Verbraucher.“

Dabei sei wichtig, bei allen Krisen und Problemen global zu denken und zu berücksichtigen, „dass es anderen ums nackte Überleben geht“. Eichert: „Wir demonstrieren nicht, weil wir gegen etwas sind, sondern für. Aber wir wollen mitreden.“

Langer Applaus gab den Referenten das Signal, dass die große Mehrheit der anwesenden Bäuerinnen und Bauern ihre Anliegen vertreten fanden.

Autor:

Jörg Winkel (Redakteur) aus Stadt Olpe

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