Altgermanischer Zauberspruch
1000 Jahre alte Beschwörungsformel hat in Benfe Bestand

Dass die Erndtebrücker Ortschaft und einstige Kanonsiedlung Benfe ein altes Köhlerdorf war und heute noch ist, ist gemeinhin bekannt.
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  • Dass die Erndtebrücker Ortschaft und einstige Kanonsiedlung Benfe ein altes Köhlerdorf war und heute noch ist, ist gemeinhin bekannt.
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  • hochgeladen von Christian Schwermer (Redakteur)

howe Benfe. Die Sache ist kurios und spannend. Denn in Wittgenstein scheint ein altgermanischer Zauberspruch mehr als ein Jahrtausend überlebt zu haben. In einem Geschäftsbuch eines „Kohlenfaktors“ in Benfe fand ein Forscher in den 1970er-Jahren auf den allerletzten Seiten drei sogenannte Beschwörungsformeln, die eindeutig germanischen Ursprungs sind. Bei näherer Betrachtung entstammen sie den berühmten Merseburger Zaubersprüchen, die um 900 nach Christus von einem Mönch aufgeschrieben und in der Bibliothek des Merseburger Domstifts aufbewahrt wurden. Heutige Forscher gehen sogar davon aus, dass die Zaubersprüche aus der Zeit des Bonifatius um 750 entstanden sein könnten. Hat sich also etwas Schriftliches aus der Zeit der Germanen bis heute in dem einstigen Köhlerdorf Benfe erhalten? Die Merseburger Zaubersprüche, so heißt es auf der Internetseite des Kaiserdoms Merseburg an der Saale im südlichen Sachsen-Anhalt, seien die einzigen in Deutschland erhaltenen, heidnischen Beschwörungsformeln.

Magische Beschwörungsformel aus vorchristlicher Zeit

Die Zeilen würden magische Beschwörungsformeln aus vorchristlicher Zeit in seltener Ursprünglichkeit wiedergeben und hielten damit heidnisch-germanisches Brauchtum fest. Der erste Merseburger Zauberspruch dient als Lösezauber dazu, Gefangene von ihren Fesseln zu befreien. Der zweite handelt von der Heilung einer Fußverletzung – mit den Stilmitteln von „Wiederholung, Gleichlauf und Schlussbeschwörung“.
Zitat auf der Dom-Homepage: „Beachtenswert ist der Umstand, dass die Merseburger Zaubersprüche das einzige bekannte, althochdeutsche Sprachzeugnis darstellten, in dem Gestalter der germanischen Götterwelt agieren.“ In dem Merseburger Spruch, der in besagtem Geschäftsbuch aus Benfe steckt, geht es um die Heilung eines Pferdes durch „Besprechung“. Phol und Wodan reiten durch den Wald. Balders Pferd verletzt sich am Huf. In der Übersetzung geht es weiter: „Da besprach ihn Sindgund, Sonne ihrer Schwester, da besprach ihn Frija, Folla ihre Schwester, da besprach ihn Wodan, der es wohl verstand: wie die Beinrenke, so die Blutrenke, so die Gliedrenke.“

Heimatforscher Horst Dickel aus Marburg findet die Zauberformel wieder

Und zum Schluss sagt Wodan: „Bein zu Beine, Blut zu Blute, Glied zu Gliedern, als ob sie geleimt wären!“ Im Original steht althochdeutsch geschrieben: „Phol ende Uodan vourun zi holza. Du uuart demo Balderes volon sin vuoz birenkit. Thu biguol en Sinthgunt – sunna era suister; thu biguol en Frija – volla era suister; thu biguol en Uodan – so he uuola conda: sose benrenki, sose bluotrenki, sose lidirenki: ben zi bena, bluot zi bluoda, lid ze geliden, sose gelimida sin!“
Heimatforscher Horst Dickel aus Marburg war es, der in besagtem Geschäftsbuch eines Köhlers die Zauberformel wiederfand. „Die Buchführung des Bandes datiert vom 1.1.1844 bis 31.7.1855“, schrieb der Autor in den Blättern des Wittgensteiner Heimatvereins und transkribierte die handschriftliche Aufzeichnung: „Ader verrenck. Da Jesus zu Jerusalem zum Thor aus Ritt, sein Esel ihm ein Fuß vertritt – ater zu Ater – Geblüt zu Geblüt und Glit zu Glitt, ein jedes an sein Ort wo es hingehört.“ Das Besondere an den Zeilen aus Wittgenstein ist, dass der Waldritt der altgermanischen Götter auf den Einzug von Jesus in Jerusalem übertragen wurde.

Dieter Bald findet das Buch 1986 auf dem Balken wieder

In der christlichen Fassung ist die Besprechung der Götter nicht mehr erwähnt, würde ja auch keinen Sinn machen. Dafür lassen sich Form und Versmaß eindeutig dem einstigen Zauberspruch zuordnen. Erhalten geblieben sind „Ater zu ater (für: ben zi bena), Geblüt zu Geblüt (bluot zi bluoda) und Glit zu Glitt (lid ze geliden). Erst 1841 entdeckte der Historiker Georg Waitz die Merseburger Zaubersprüche aus dem 10. Jahrhundert. Ein Jahr später, 1842, wurden sie von Jakob Grimm veröffentlicht.
Autor Horst Dickel schrieb 1972, es sei „sehr unwahrscheinlich, dass innerhalb weniger Jahre diese Formel in eine christliche Fassung umgedichtet wurde und in die abgelegene Köhlersiedlung Benfe gelangte.“ Für ihn sei der altgermanische Zauberspruch über ein Jahrtausend überliefert worden. Das Buch gibt es übrigens heute noch. Heimatforscher Dieter Bald besitzt es, als er 1986 das Haus in Benfe kaufte und dort auf dem Balken das Köhlerbuch entdeckte.

Autor:

Holger Weber (Redakteur) aus Wittgenstein

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