»Amerika, jetzt kommen wir!«

Vortrag über Auswanderungen aus Zinse bot Diskussionsstoff / »Man kann den Mut der Menschen nur bewundern«

vg Zinse. Für viele war sie der große Lebenstraum, die Utopie, ein stiller Wunsch, ein Abenteuer und ein Wagnis zugleich. Für die einen sollte sie Verderben, Scheitern und Elend bringen, für die anderen aber ein neues freies und besseres Leben in einer anderen, schöneren Welt – die Rede ist von der großen Auswanderungswelle vieler Deutscher nach Amerika, die Ende des 17. Jahrhunderts ihren Anfang nahm.

»Man kann den Mut dieser Menschen nur bewundern«, betonte jetzt Ahnenforscher Joachim Völkel in seinem Vortrag über »Zinser und Wittgensteiner Auswanderer und ihre Nachfahren« im Gasthof Afflerbach in Zinse. Und Mut war für ein Unternehmen wie die Amerikareise in jener Zeit durchaus von Nöten. Der Referent lud sein Publikum noch einmal ein, sich gemeinsam mit den furchtlosen Zinser Zeitgenossen von damals auf große Überfahrt zu begeben. »Wie viele andere Deutsche ließen auch zahlreiche Zinser Bürger alles hinter sich zurück, um dem großen Strom in eine neue Zukunft zu folgen«, so Völkel. Was sie alle antrieb, war die Flucht aus der wirtschaftlich schlechten Situation im Wittgenstein jener Tage.

»Es ist erschreckend, wenn man heute aus Chroniken und Briefen erfährt, wie beschwerlich das Leben in den Wittgensteiner Ortschaften für die Untertanen des Fürsten waren«, betonte der Referent. »Wenn bereits 1793 schon von einer großen Arbeitslosigkeit die Rede ist, frage ich mich im Hinblick auf die heutige Situation in Deutschland: Warum packen wir nicht auch gleich unsere Sachen?«, so Völkel augenzwinkernd. Die Wittgensteiner jener Tage jedenfalls waren da spontaner. In Windeseile wurde der gesamte noch verfügbare Besitz verkauft und das »große Projekt« mit Kind und Kegel in Angriff genommen. »Manch ein Reiselustiger konnte die 22 Gulden Abzugsgeld, die der Fürst bei Ausreise verlangte, jedoch erst gar nicht bezahlen, und so flohen viele Menschen einfach unerlaubt, heimlich, mit der Angst im Rücken, bei Nacht und Nebel über die Landesgrenzen«, weiß Völkel. »Es ist beachtlich, dass in jener Zeit etwa 120 Personen aus Erndtebrück ausgewandert sind. Man stelle sich einmal vor, im heutigen Erndtebrück würde in erstaunlich kurzer Zeit plötzlich ein Fünftel der Bürger fehlen.«

Was dann auf die ersten Anstrengungen der deutschen Ausreise folgte, war ein tatsächliches, mitunter lebensgefährliches Abenteuer. Mit dem Fuhrwerk, der Postkutsche und nicht zuletzt auf »Schusters Rappen« folgte man den beschwerlichen Landwegen zum Rhein und von dort aus in die großen Hafenstädte. »Die Auswanderung einer Familie Wolf aus Zinse ging beispielweise über Weidenhausen, nach Medebach, von da aus über Höxter und Hameln. Eine höchst aufwändige und umständliche Route. Verständlich aber, wenn man sich letztlich das Ziel der Ausreisenden vor Augen führt, die Hafenstadt Bremen.« In den Hafenstädten waren die Auswanderer schließlich Betrügereien schutzlos ausgeliefert.

Zwielichtige Personen sprachen sie auf offener Straße, am Bahnhof oder am Kai an, bedrängten sie, lockten mit Geld für die Überfahrt, betrogen, machten falsche Versprechungen und gingen nicht selten aggresiv und aufdringlich dabei zu Werke. So konnte für manchen Zeitgenossen die Reise schon früher zu Ende sein, als zunächst erwartet. Für alle anderen ging die Fahrt aber weiter, im Bauch eines riesigen Schiffes, tagelang auf See, dicht zusammengepfercht, und oft mit nichts als mit den zerlumpten Kleidern am Leib. »Eine solche Überfahrt mag Viele eine große Überwindung gekostet haben«, so Völkel. »So schreckte zum Beispiel Maria Elisabeth, ein Mädchen aus der Familie Wolf, bei der Ankunft am Bremer Hafen derart vor den großen Schiffen und den gewaltigen Wassermassen zurück, dass sie postwendend umdrehte und auf der Stelle nach Zinse zurückkehrte.«

Wer sich auf dem Boden Amerikas schließlich behaupten konnte, wurde Farmer oder Rinderzüchter und konnte den persönlichen Traum von Freiheit leben, unter ihnen viele Zinser. »Und so findet man heute noch Tausende von so genannten Texas-Wittgensteinern in Amerika, die auf bekannte Namen wie Afflerbach, Althaus, Völkel, Birkelbach, Homrighausen, Marburger, Riedesel, Saßmanshausen, Schlabach, Spies und Treude hören«, so Referent Völkel. »Amerika, jetzt kommen wir!« – die Losung aus der Vergangenheit mag nicht zuletzt im Hinblick auf die hohe Arbeitslosigkeit in Deutschland heute für den ein oder anderen einen völlig neuen Stellenwert gewinnen.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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