Der Rabe und die Himmelsachse

Erndtebrück lieferte einen Schlüssel für eine verwegene westfälische Himmelskarte

awe Erndtebrück. Etwas zur Kirchengeschichte in Erndtebrück wollte der Anrufer von Edgar Dietrich wissen. Kein ungewöhnliches Anliegen für den Ortsheimatpfleger. Er packte allerhand Infomaterial zur Erndtebrücker Geschichte in einen Briefumschlag und adressierte ihn an jenen Wolfgang Thiele in Nachrodt, der es so genau wissen wollte, was es mit der Kirche hier auf sich hat. Das war an Ostern 1998. Jetzt im Herbst, fünf Jahre später, hält Edgar Dietrich ein Buch in Händen und ab Seite 228 kann man darin nachlesen, was seine Auskunft für Folgen hatte: Sie bestätigte eine himmlische Theorie, die immerhin als ein »erstes Weltwunder« bezeichnet wird.

Denn das Wunder, auf welches Wolfgang Thiele gestoßen ist, datiert in eine Zeit, in der die Pyramiden noch gebaut werden mussten, während man den Steinkreis bei Stonehenge wohl gerade zusammenstellte. Ganz schön weit in die Vergangenheit abtauchen musste der Hobby-Archäologe aus dem Märkischen Kreis, bis ins dritte Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung. Spätestens seit in Sachsen-Anhalt die Himmelsscheibe von Nebra aus dem Boden lugte, zweifelt man daran, dass erst Aufklärung und Raumforschung den Menschen grobe Orientierung im Raum gaben. Was Wolfgang Thiele in dem mit Herbert Knorr gemeinsam verfassten Buch darlegt, gibt jenen Zweifeln neue Nahrung.

Kirchgang in die Vergangenheit

Der Weg zum Himmel verlief dabei über die Kirche, allerdings beschäftigten den Himmelsforscher Thiele dabei ganz irdische Fragen. Eine Kirche in seinem Nachbarort Wormbach ist ausgeschmückt mit einer alten Deckenmalerei, die Tierkreiszeichen zeigt. Was, um Himmels Willen, sollen diese astronomischen Symbole in einem christlichen Raum, fragte sich Wolfgang Thiele auf seinen Familienausflügen, die ihn sonntags zu diesem einzigartigem Sakralbau führten. Einzigartig ist er auch deshalb, weil die alte Lamberti-Kirche in Erndtebrück am Anfang des 20. Jahrhunderts abgerissen wurde, um 1910 wurde die heutige Kirche erbaut. Verblüffender Weise soll die Vorgängerin genauso ausgesehen haben - innen und außen - wie die Wormbacher Kirche.

Kirchen und Sternbilder

Verblüffend ist dies, wenn man die Kirchen im Westfälischen in den Zusammenhang stellt, den Wolfgang Thiele nachkonstruiert hat: Die alten Kirchen zwischen Meschede, Bigge, Attendorn, Oberhundem und Hallenberg seien von den Missionaren, die aus Heiden hierzulande Christen machten, oftmals an alten heidnischen Kultstätten errichtet worden. Die Beibehaltung des Kirchgangs erleichterte das Konvertieren. Und die alten Heiden hatten ihre Kultstätten nicht irgendwo errichtet, sondern sie spiegelten auf der Erde, was sie am Himmel sahen: Verbindet man die Standorte jener alten Kirchen, erhält man ein Abbild des nördlichen Sternenhimmels und zwar so, wie ihn Himmelsgucker im Jahr 2800 vor Christi Geburt erblickt haben müssen.

Laternenlied als Kurzfassung

Das klingt in der Tat verwunderlich und der Autor traute seinen Ergebnissen wohl anfangs selbst nicht. »Dort oben leuchten die Sterne, hier unten leuchten wir« klingt nach der Steno-Fassung seines Buches. Je länger er aber suchte und je näher er dabei Erndtebrück kam, um so mehr bestätigte sich das Laternenlied in seiner Theorie. Sein Telefonat mit Edgar Dietrich bestärkte ihn in einer Vermutung: Erndtebrück nimmt eine Schlüsselposition in der vorchristlichen Himmelskarte auf westfälischem Boden ein. Auf Wolfgang Thieles Karte fällt der Verlauf der Eder mit dem Himmelsäquator zusammen. Erndtebrück bildet zusammen mit den drei anderen alten Kirchenorten der Region das Sternbild Rabe: Von der Edergemeinde zieht Thiele die Linien zu Weidenhausen, Raumland und Wingeshausen.

Eine Himmelsbrücke konstruiert

Für den Heimatpfleger Edgar Dietrich ist bei dieser Himmelsbetrachtung ein bodenständiger Aspekt wichtig: Die alte Kirche in seinem Heimatort wurde im Jahr 1332 als Liebfrauenkirche St. Lamberti erwähnt - der damalige Pfarrer wurde als Richter berufen. Dank dieses Gerichtsverfahrens weiß man also, dass Lambertus Kirchenpatron war. Den wiederum berief man gern bei Kirchengründungen im achten und neunten Jahrhundert zum Schirmherren. Jene Kirche mit dem richtenden Pfarrer aus dem Jahr 1332 hätte somit Grundmauern, die schon ein paar Jahrhunderte länger standen. Ganz schön alt also wäre damit die Edergemeinde. Ihr Name erhielte damit auch einen ganz anderen Klang. »Ermingardibruggern« wäre dann nicht die Brücke zwischen Siegerland und Wittgenstein, sondern die Himmelsbrücke: die Verbindung von Nord- zu Südpol, der Himmelsäquator, den Wolfgang Thiele ja sowieso hier verortet. Zumindest verläuft eine Achse von Wormbach über Erndtebrück direkt nach Mainz und dorthin zieht es Edgar Dietrich, um auf seine Art ein wenig Licht in die noch im Dunkeln verborgene irdische Vergangenheit seiner Heimatgemeinde zu bringen. In kirchlichen Archiven dort hofft er nun auf Spuren der Himmelsachsenstadt zu treffen.

Stonehenge, Himmelsscheiben und westfälische Sternkarten werden wohl geheimnisvoll bleiben. »Der Himmel ist unter uns« klingt aber nach einem schönen Gedanken. »Die Reaktionen der Leserschaft auf das Buch sind bisher sehr positiv. Die vielen Veranstaltungen und Lesungen, die wir schon durchgeührt haben, waren durchweg ein voller Erfolg,« berichet Wolfgang Thiele auf Anfrage. »Das Forschungsgebiet zur kirchlichen Entwicklung beschänkte sich auf das alte kurkölnische Westfalen und damit auf Südwestfalen. Mit dem Auffinden der alten Kirche von Erndtebrück konnte aufgezeigt werden, dass die Sternbilder am Boden keineswegs eine regionale Erscheinung und auf das Forschungsgebiet begrenzt sind. Der Stern beta corvi - vertreten durch die Kirche von Erndtebrück - stand zu der Zeit, als die Sternbilder auf den Boden gebracht wurden, unmittelbar am Himmelsäquator und nahm damit eine herausragende Position ein.

Im Verlauf der Erzählung gehen wir auch auf den aus dem Mittelhochdeutschen überlieferten Ortsnamen von Erndtebrück ein, der mit Brücke zum großen Himmelskreis bzw. Brücke zum großen, heiligen, erhabenen Kreis zu übersetzen ist. Ein sprechender Name und einen besseren Namen konnte man für den Schnittpunkt des Ortsmeridians und des Himmelsäquators sicherlich nicht finden.«

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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