Die etwas andere Perspektive

Björn Weyand flog als Mitarbeiter der SZ mit dem Flugsportverein Schameder über Wittgenstein

BW Schameder. Ich dürfe fliegen, hatte der SZ-Redakteur bei der Terminvergabe gesagt. In der ersten Euphorie kam da richtig Freude auf. Ist doch mal was anderes, dachte ich. Und nun stehe ich hier vor der Maschine, die mich hinauf in die Lüfte bringen soll. Durch meinen Kopf schwirren die eigentlich gut gemeinten Kommentare aus dem Freundeskreis. »Hast du dein Testament gemacht?« Oder: »Runter kommen sie immer. Also, Hals- und Beinbruch.« Ich blase meine Backen auf, denke kurz an die Hindenburg. Eine komische Assoziation. Galgenhumor macht sich also schon breit.

Cessna hat neuen Motor bekommen

Auf mich zu kommen die Verantwortlichen des Flugsportvereins Schameder-Wittgenstein, vor allem Mareike Runte, die für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des FSV zuständig ist. Sie mache gerade den Flugschein erzählt sie und stellt mir die Maschine vor: eine Cessna 172. Die habe gerade einen neuen Motor bekommen, erklärt Uli Völkel. Dies sei jeweils nach 2000 Flugstunden nötig. Also muss Dieter Runte, mein Pilot für den heutigen Flug von Schameder nach Schameder, zunächst alleine einige Runden mit drei Starts und ebenso vielen Landungen drehen. Sorgen mache ich mir keine mehr, zu sicher erscheinen mir die Flugsportler.

Anders als Lufthansa nach Malta

Nun bin ich also dran, die Proberunden sind gut verlaufen, die Maschine ist »ready for take-off«. Ich krabbele in den Innenraum hinein, schnalle mich an. Noch keine Aufregung. Dieter Runte, nun am Steuer des Fliegers, dreht auf der Bahn des Flugplatzes, nimmt Anlauf und fast kriege ich gar nicht mit, wie die Cessna den Boden endgültig gen Himmel verlässt. Ob ich schon mal geflogen sei, fragt mich Dieter Runte. Sicher, höre ich mich sagen, während wir immer höher steigen. Aber mit der Lufthansa nach Malta. Und da hab ich nicht mal am Fenster gesessen.

»Vergeht die Zeit wie im Flug?«

Das ist nun natürlich anders, die Welt unter mir wird immer kleiner, es ist diese oft zitierte, ganz andere Perspektive. Entfernungen, für die man mit dem Auto eine Viertelstunde braucht, rauschen hier in einer Minute unter einem vorbei. Oder meint man das nur? Stimmt vielleicht doch das geflügelte Wort »die Zeit vergeht wie im Flug«? Nein, nein. Denn in dem einen Moment fliegen wir noch über meinen Heimatort Rückershausen und im nächsten Augenblick sehe ich schon die Obernautalsperre. Nächster Schauplatz des Rundflugs über die Höhen von Wittgenstein sowie Siegerland ist der Giller.

Erkennen erst auf den zweiten Blick

»Ist ja doch einiges los«, sage ich und meine KulturPur. »Da war aber die Jahre schon mal mehr«, entgegnet Dieter Runte. Smalltalk, der sämtliche Aufregung wegwischt – die ich ja eigentlich überhaupt nicht mehr spüre, nur wenn die Cessna durch die Windströmungen ruckelt, schlägt mein Herz manchmal noch etwas schneller. Einen Ruhepuls hab ich natürlich die ganze Zeit nicht. Zu ungewohnt ist dies alles. Die meisten Orte erkenne ich erst auf den zweiten oder dritten Blick, wie gesagt: Es ist die andere Perspektive. Dann ruft Uli Völkel uns. Er gehe auf Parallelkurs, damit ich schöne Bilder seines Fliegers in der Luft schießen könne. Der 65-jährige Erndtebrücker ist Vorsitzender des FSV Schameder-Wittgenstein – 44 Jahre ist er schon Flieger.

Uli Völkel hält einen Weltrekord

Mit seiner Maschine aus dem Hause MBB, die ihren ersten Flug am 20. April 1971 absolvierte, hält Uli Völkel sogar einen Weltrekord: Er ist die Strecke von Stuttgart nach Hamburg mit dem 160-PS-Flieger in knapp über zwei Stunden geflogen. Das war 1983 mit einer durchschnittlichen Fluggeschwindigkeit von 264 Kilometern pro Stunde. Jener Weltrekord, der für Flugzeuge unter 1000 Kilogramm gilt, besteht bis heute. Und mit eben dieser Maschine macht Uli Völkel auch Kunstflug.

Kunstflug auf dem Parallelkurs

Noch fliegt er also parallel zu der Cessna, aus der ich gerade Bilder schieße. Plötzlich zieht sein Flieger nach oben. Zack und weg. Aus den Augen, aber ganz sicher nicht aus dem Sinn. Mein Mund steht offen. Wenig später ist der Oldtimer – gemeint ist natürlich das Flugzeug – wieder auf Parallelkurs. Zumindest so lange, bis Uli Völkel seine Maschine nach unten fallen lässt. Was bin ich froh, dass ich nicht da drüben, sondern hier sitze. Dass mein Magen das mitgemacht hätte, bezweifele ich dann doch.

Butterweich auf den Boden der Realität

Gott sei Dank fliegt Dieter Runte – trotz der Thermik, so der Fachbegriff für die Windströmungen – sehr ruhig mit butterweichen Kurven. Er nimmt das Gas weg, der Flugplatz ist in Sichtweite. Seit 1987 fliege er, antwortet er auf meine Nachfrage. In dieser Zeit hat er über 1000 Starts gehabt. Und natürlich ebenso viele Landungen. Butterweich setzen wir wieder auf dem harten Boden der Tatsachen auf. Mit der etwas anderen Perspektive im Kopf.

Vorgeschmack auf das Oldtimer-Treffen

Vielen Dank dem Flugsportverein Schameder-Wittgenstein und natürlich den beiden Piloten. Wer selbst einmal diese etwas andere Perspektive erleben möchte, einen Flug über die großen und kleinen Wälder und Ortschaften Wittgensteins, der sollte am Samstag und Sonntag, 5. und 6.Juni, zum Oldtimer-Treffen auf den Flugplatz Schameder kommen. Am Samstag ab 14 Uhr und am Sonntag ab 10 Uhr findet man auf dem Gelände alles, was alt ist und einen Motor hat. Vor allem natürlich Flugzeuge wie Siai Marchetti, Stampe oder Harvard T-6 sowie Bücker, Boeing Stearman und Segelflugzeuge wie Lo 100 oder Grunau Baby ab dem Baujahr 1942.

Auch andere alte Schätzchen zu sehen

Die Flieger stehen auch für Gastflüge zur Verfügung. Es lohnt sich auf jeden Fall, einmal eine Runde zu drehen. Darüber hinaus wird jener Flugplatz zum Schauplatz für alte PKW ab Baujahr 1919, LKW aus den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg, altgediente Traktoren und Motorräder. Weitere Highlights für die Gäste sind die Möglichkeit für einen Tandem-Fallschirmsprung, der Bannerschleppflug und natürlich das Bewundern der Kunstflüge. Ohne Motorengeräusche kommen die Heißluftballons aus, die ebenso auf dem Flugplatz erwartet werden. Und ganz nebenbei gibt es am Samstagabend noch eine Hallenfete im Platzhangar.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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