Grabesernst mit Lichteinfall

Konzert der capella cantabilis in der ev. Kirche Erndtebrück: Duruflés »Requiem«

jhe Erndtebrück. Die capella cantabilis der Ev. Kantorei Siegen sang unter der Leitung von KMD Ute Debus – zunächst am Samstag auf Einladung des Gebrüder Busch Kreises und der Erndtebrücker Kulturinitiative in der ev. Kirche Erndtebrück, und dann, gestern, im Dom zu Verden an der Aller. Die capella machte mit ihrem Konzert auf höchst beeindruckende Weise deutlich, warum der Totensonntag kirchlicherseits lieber Ewigkeitssonntag genannt wird: Es gibt eben jenseits aller irdischen Begrenztheiten und Hinfälligkeiten eine unbegrenzte, himmlische, ewige Macht, die dafür sorgt, dass nicht alles, was hienieden kreucht und fleucht, am Ende bloß zu Staub zerfällt. Mit dieser Macht verbinden sich: requies aeterna, lux et pax.

Ruhe, Licht und Frieden verströmte die capella cantabilis vor allem in der ersten Hälfte ihres Konzertes, jener Hälfte, die mit drei Stücken aus der »Missa brevis« (op. 102) von Knut Nystedt sowie drei der »Quatre motets sur des thèmes grégoriens« (op. 10) und dem »Notre Père« von Maurice Duruflé den A-capella-Werken vorbehalten war, welche vom Chor im unteren Teil der Kirche vor dem Altar vorgetragen wurden. Das gab den Zuhörern die Möglichkeit, den besonderen Klang dieses Chores in größter Nähe zu erleben. Das Besondere des Klanges: sehr weich, sehr warm, sehr rund! Die Frauenstimmen: volltönend und prägnant, ohne jede unangenehme Schärfe in der Höhe und ohne nervenaufreibendes Tremolo, dabei jedoch keineswegs spröde und hauchig, darüber hinaus außerordentlich geschmeidig und wendig. Für die sonoren Männerstimmen der capella lassen sich uneingeschränkt dieselben Adjektive verwenden. Geschmeidig und wendig, das heißt konkret: Der Chor bewegt sich nahtlos und fließend vom Gotteslamm-Piano zum Weltsünden-Forte und wieder zurück und erzeugt so eine Spannung, die nicht nur dort überwältigend ist, wo, wie am Ende von Nystedts »Agnus Dei«, die Chorstimmen ihr Pianissimo festhalten wie einen hauchdünnen, aber nicht zerreißenden Faden, um dieses Nichts an Klang dann vorsichtig und behutsam als eben noch schwingenden Luftzug bis in die endgültige Unhörbarkeit hinüberzuführen.

Das Hauptwerk des Abends wurde von der capella cantabilis schließlich von der Orgelempore aus gesungen: Duruflés »Requiem« für Soli, Chor und Orgel (op. 9): Üppigste französische Orgelromantik durch die Gegebenheiten des Textes und des Komponisten. Hang zur Gregorianik eingedämmt und für Chor umgeschmiedet, wobei der Schmiede-Vergleich insofern hinkt, als Duruflés weitschweifige Musik mit ihrer herben Süße und leichten Schwere nicht so sehr dem zu schmiedenden Eisen, sondern eher der schwelenden Glut und dem lodernden Feuer gleicht.

Ursula Schäfer (Mezzosopran) und Michael Utsch (Bariton) steuerten innerhalb dieses großen, geheimnisvollen Schwelgens die kraftvollen und klar konturierten Klänge des Solo-Gesangs bei, Tillmann Benfer lieferte das dunkle, leicht beunruhigende Orgelfundament. Letzterer sorgte zudem mit dem Vortrag dreier markanter chromatikschwangerer Orgelwerke von Heinrich Scheidemann, John Bull und Michelangelo Rossi für eine Einpassung all der raumdurchflutenden vokalen Klangwogen in einen stoßfesten instrumentalen Rahmen mit Ecken und Kanten.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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