In dieser Wirtschaft wird Bier in Flaschen verkauft

Zinser Gasthof Afflerbach feierte gestern 100. Geburtstag

schn Zinse. Wir schreiben das Jahr 1906, als das Haus der Familie Wolf im kleinen Ort Zinse abbrennt und damit auch die Wolf'sche Gastwirtschaft. Während die Wolfs nach Erndtebrück umziehen, erwirbt die Familie Afflerbach die Konzession zum Betreiben einer Schankwirtschaft. Den Gästen etwas Trinkbares auf den Tisch zu stellen war zeitweise gar nicht einfach. Zu Fuß musste der Schnaps, ein Wachholder, in Tonkrügen aus Berleburg geholt werden. Die Gäste zahlten dann gerade einmal fünf Pfennige für jedes Glas Wachholder.

In den 20er Jahren fängt sich die Investition an, bezahlt zu machen, der Fremdenverkehr kommt nach Zinse. Etwas mehr als zehn Jahre später erlebt der Ort die besten Zeiten mit den Sommerfrischlern. Die Organisation Kraft durch Freude, kurz KdF, macht's möglich. Für 3,50 Reichsmark bekommen die Urlauber, oft aus den Städten an Rhein und Ruhr, eine Herberge und vier Mahlzeiten am Tag. Den Rest der Kosten für die Pension bezahlt der nationalsozialistische Staat. Für viele Menschen eine rare, oft sogar die einzige Möglichkeit, an einen Urlaub zu kommen und sich von der schlechten Luft der Heimat zu erholen. Der Preis dafür: Viele Menschen verschließen die Augen vor dem wahren Wesen ihres Staates und lassen sich von den Annehmlichkeiten blenden.

Im Jahr 1945 brennt auch der Gasthof Afflerbach ab, doch es dauert kein ganzes Jahr, bis der Betrieb wieder läuft und die Afflerbachs wieder hinter dem Tresen stehen. An dem schon immer nur Bier in Flaschen ausgeschenkt wurde, einen Zapfhahn sucht man in Zinse vergebens. Eine Besonderheit des Gasthofes. Nach dem Zweiten Weltkrieg kommen wieder Urlauber nach Zinse, um sich von den Strapazen des Wirtschaftswunders zu erholen, doch langsam aber sicher geht der Fremdenverkehr zurück. »Den Urlauber wie früher, der 14 Tage oder drei Wochen bleibt, den gibt es nicht mehr«, sagt Rudolf Bald, der mit seiner Frau Inge, einer geborenen Afflerbach, die Gastwirtschaft seit Jahren betreibt. Aber der Ort Zinse hat den Wandertourismus für sich entdeckt. Der nahe Rothaarsteig bringt Wanderer auch ins Haus Afflerbach.

Die haben das Glück, in einem der wenigen noch existierenden Landgasthöfe der n verschiedenen Wittgensteiner Ortschaften einzukehren. Dass es in Zinse noch lange eine solche Gastwirtschaft gibt, wünscht sich auch Erndtebrücks Bürgermeister Karl-Ludwig Völkel, der dem Ehepaar Bald gestern Abend zum 100-jährigen Bestehen des Familienbetriebes gratulierte. Zu der kleinen Feierstunde war auch Henry Wolff aus Victoria in Texas eingeladen. Der ist ein Nachfahre der Familie Wolf, die sich damals noch mit einem F schrieb und einstmals in Zinse lebte. Henry Wolff ist in vierter Generation direkt verwandt mit Christian Wolf und dessen Frau Maria Elisabeth, geborene Weyandt, die 1820 von Zinse fortzogen, um in Amerika ein neues Leben zu beginnen.

In Texas angekommen, heirateten viele Wittgensteiner Auswanderer der ersten Generation untereinander, so dass sich im Stammbaum der Familie Wolff auch andere Erndtebrücker Namen finden, etwa der Name Völkel. Henry Wolff hat sich nicht sein ganzes Leben für seine Ahnen interessiert, gibt er zu. Doch dann ist über eine alte Dame, Jamie Holland, der Kontakt zu Joachim Völkel entstanden, der sich seit Jahren mit der Familiengeschichte der Völkels beschäftigt. Im Jahr 2001 war dann Henry Wolff, der auch Kolumnist einer Zeitung ist, zum ersten Mal in Zinse.

»It was like coming home«, berichtet er vom Gefühl, die Heimat seiner Ur-Großeltern zu sehen. Dieses Gefühl hat er auch heute noch. Das Haus seiner Ahnen konnte er sich nicht mehr anschauen, das ist 1906 abgebrannt. Henry Wolff ist auch ein Verwandter der Wolfs, die bis ins nämliche Jahr die Gastwirtschaft im Zinse betrieben, denn es waren ja nicht alle Wolfs ausgewandert. Als deren Vertreter saß der Texaner gestern Abend im Gasthof Afflerbach. Zur 300-Jahr-Feier will Henry Wolff in zwei Jahren übrigens wieder kommen. Zu den Wurzeln seiner Familie und zu der Familie, die die Schankkonzession seiner deutschen Verwandten übernommen hat.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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