„Langfristig nur ein großes Altenheim“

Sie erörterten das „Wallmeroder Modell“ für Erndtebrück: (v. l.) Henning Schorge vom Verein für Handel, Handwerk und Touristik, Landrat Paul Breuer, Jürgen Paulus (Bürgermeister der Verbandsgemeinde Wallmerod) und Dankwart Schlinke, Bürgermeisterkandidat der CDU Erndtebrück.  Foto: tika
  • Sie erörterten das „Wallmeroder Modell“ für Erndtebrück: (v. l.) Henning Schorge vom Verein für Handel, Handwerk und Touristik, Landrat Paul Breuer, Jürgen Paulus (Bürgermeister der Verbandsgemeinde Wallmerod) und Dankwart Schlinke, Bürgermeisterkandidat der CDU Erndtebrück. Foto: tika
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tika Erndtebrück. „Leben in Erndtebrück - Leben mittendrin“ - so lautete das Thema der Diskussionsrunde zum demografischen Wandel in Erndtebrück, zu der Dankwart Schlinke, parteiloser CDU-Bürgermeisterkandidat in Erndtebrück, am Donnerstag eingeladen hatte. Im Hotel Edermühle in Erndtebrück stellte sich Schlinke zusammen mit Landrat Paul Breuer, Henning Schorge vom Verein für Handel, Handwerk und Touristik, Unternehmensvertretern sowie dem Bürgermeister der Verbandsgemeinde Wallmerod (Westerwald), Jürgen Paulus, den Fragen der Bürger Erndtebrücks.

Zunächst jedoch war es nicht Dankwart Schlinke selbst, der im Mittelpunkt der Diskussion stand, sondern Jürgen Paulus, der das „Wallmeroder Modell“ vorstellte. „Das Modell sollte vielmehr als Projekt bezeichnet werden“, erklärte Paulus den mehr als 50 Besuchern der Runde. „Das Kernziel dieses Projektes, das im Jahr 2004 initiiert wurde, ist, junge Menschen dazu zu bewegen, sich im Ortskern der Gemeinde anzusiedeln. Gleichzeitig sollen weniger Neubaugebiete entstehen.“

Man habe damals festgestellt, dass die traditionellen Strukturen wegbrächen und die Attraktivität des Ortskerns Wallmerod zunehmend verloren gehe. „Der Ortskern stirbt, die grüne Wiese lebt“, beschrieb Paulus die damalige Situation der insgesamt 21 Ortsgemeinden Wallmerods. Grund für das Projekt seien damals aber auch rund 800 sogenannte Problemgrundstücke in der Verbandsgemeinde gewesen. „Zu dieser Art von Grundstücken zählen unter anderem leer stehende Gebäude“, erklärte Paulus. Man habe ein Problembewusstsein entwickelt und Strategien zu einer bedarfsorientierten Flächennutzung ausgearbeitet. „Hinzu kamen zahlreiche Marketingkampagnen, um den Ortskern Wallmerods auch überregional bekannt zu machen.“

Mit Erfolg, wie Jürgen Paulus berichtete: „Durch professionelle Beratung und finanzielle Förderung bei der Sanierung alter Gebäude oder einem Neubau im Ortskern, sind mittlerweile 55 Anträge bewilligt worden. 16 weitere Anträge liegen bereits vor.“ Wallmerod ist zu einer Vorzeigegemeinde geworden, der es gelungen ist, dem demografischen Wandel entgegenzuwirken. Das belegen unlängst Zahlen und Fakten. „Die beschriebene Situation in der Verbandsgemeinde Wallmerod vor Projektbeginn lässt sich auf die gegenwärtige Situation Erndtebrücks übertragen“, wusste Dankwart Schlinke.

Erschwerend komme in der Edergemeinde aber auch der Unternehmeraspekt hinzu. Daher sei es der demografische Wandel wert, diskutiert zu werden. „Kommunalpolitik muss kreative Gestaltungspolitik sein“, ergänzte Landrat Paul Breuer. Die demografische Entwicklung sei in den vergangenen Jahren fast unbeachtet geblieben: „Es ist viel Zeit vertan“, kritisierte Breuer. „Erndtebrück wird vergreisen.“ Die Anzahl derer, die arbeitsfähig sein würden, unterschreite dann die Zahl der Inaktiven um ein Vielfaches. Der Generationenvertrag wäre bei diesem Szenario vollständig aufgelöst. „In Erndtebrück kommen auf 1000 Einwohner sieben Geburten. Gleichzeitig steigt die Zahl alleinerziehender Eltern“, lauteten die besorgniserregenden Erkenntnisse, die Breuer vortrug.Vor allem müsse aber die Stadtmigration verringert werden. Zwar besitze Erndtebrück eine starke Industrie - es sind mehr Arbeitsplätze als arbeitsfähige Bevölkerung vorhanden - die Lebensqualität reiche aber nicht aus, um den gewünschten „Klebeeffekt“ zu erzielen. „Wenn die Infrastruktur nicht schnell ausgebaut wird, entwickelt sich Erndtebrück langfristig zu einem großen Altersheim“, erklärte Paul Breuer und sprach sich daher erneut für die Schnellstraße „FELS“ von Kreuztal nach Hattenbach aus.Ratsmitglied Heinz-Georg Grebe übte jedoch Kritik an Breuers Ausführungen: „Die Infrastruktur in Erndtebrück hat sich seit 2004 enorm entwickelt.“ So seien die Schulen gut aufgestellt, die Kindergärten seien funktionierend und das örtliche Hallenbad habe sich zu einem Vorzeigeobjekt entwickelt. Vielmehr stelle sich die gesellschaftliche Frage, was mit den kleinen Ortsteilen Erndtebrücks geschehe, sollte das „Wallmeroder Modell“ auch auf Erndtebrück angewendet werden. „Schließlich müssen auch diese Ortschaften versorgt werden“, warf Grebe ein.Aus dieser Sicht schien sich ein Denkfehler im Modell zu offenbaren: Die Neubaugebiete müssten weiter verringert werden und der Ortskern konsequent attraktiver gestaltet werden, wich Jürgen Paulus der Frage aus und ergänzte zögerlich, dass man die umliegenden Ortschaften weiter versorgen müsse. In welcher Form dies geschehen soll und aktuell in Wallmerod geschieht, ließ er jedoch offen.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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