Private Spender machten es möglich

Erndtebrück gedenkt seit dem Buß- und Bettag seiner Juden, die nach 1942 verschwanden

JG Erndtebrück. Für den Gottesdienst zum Buß- und Bettag am Mittwochabend kramte der Erndtebrücker Pfarrer Helmut Krumm zunächst einmal in der Geschichte. In den früheren Zeiten sei dieser Tag seit jeher ein staatlich verordneter Feiertag gewesen: »An diesem Tage wurden in den Versammlungen der christlichen Gemeinden Probleme des Landes angesprochen und im Gebet vor Gott gebracht.« Und so fanden die Erndtebrücker, dass der Buß- und Bettag – auch als inzwischen staatlich verordneter Werktag – genau der richtige Tag sei, um offiziell die Gedenktafel zu übergeben, die künftig an zehn Erndtebrücker Juden erinnern soll, die dem Regime der Nationalsozialisten von 1942 bis 1945 zum Opfer fielen.

An der Kirchenmauer in Richtung Bergstraße hängt nun die 60 Kilogramm schwere Bronzetafel, die von der heimischen Kunstgießerei Köhler und Göbel gefertigt wurde. Thomas Göbel und Andreas Köhler arbeiten in Räumen bei den Erndtebrücker Eisenwerken, die beiden Wittgensteiner stellten die Tafel im Sandguss-Schmelzverfahren her. Eine besondere Herausforderung waren dabei die hebräischen Zeichen, denn obwohl die beiden Jungunternehmer bereits diverse Schriftsätze besaßen, wurden die hebräischen Buchstaben von einem Modelleur eigens neu angefertigt.

In diesen fremden Zeichen steht nun nach Jesaja von rechts nach links auf der Gedenktafel »So spricht der Herr: Israel, ich vergesse dich nicht«. Helmut Krumm betonte, dass er und andere Spender es wichtig für die Tafel gefunden hätten, ein biblisches Zitat mit der Botschaft des Nicht-Vergessens auf der Tafel zu vermerken – auch in diesen unverständlichen Buchstaben: »Damit wir nie vergessen: Gott sprach ursprünglich und für immer Hebräisch mit den Menschen.«

Der Erndtebrücker Adolf Laues skizzierte daraufhin noch einmal den Weg zur Tafel. Ganz am Anfang habe der 1974 erschienene Aufsatz von Wilhelm Völkel »Von den Juden in Erndtebrück« gestanden. 1988 wurde auch in Erndtebrück daran erinnert, dass sich die Reichspogromnacht zum 50. Mal jährte, zehn Jahre später wurden Teile des Völkel-Aufsatzes im Erndtebrücker Gemeindebrief veröffentlicht, und Pfarrer Krumm habe in dem Zusammenhang gefragt, ob den Erndtebrücker Juden nicht wenigstens eine Gedenktafel gewidmet werden solle. Es entstand eine Idee – und im April 2002 wurde ein privates Spendenkonto für eine solche Idee eingerichtet. »Nach kurzer Zeit war die Finanzierung gesichert – und es wurde nicht mehr um weitere Spenden nachgesucht«, erinnerte sich Adolf Laues.

Und diese Tafel solle jetzt nicht den Abschluss der Gespräche über die Erndtebrücker Juden markieren, so Helmut Krumm, vielmehr solle sie einen Anstoß geben, um öfters von ihnen zu sprechen. Der stellvertretende Bürgermeister Heinz-Georg Grebe – der wie die Kommunalpolitiker Antje Laues-Oltersorf und Heinrich-Wilhelm Wörster der Feierstunde bewohnte ––fand in diesem Zusammenhang den Platz für die Gedenktafel sehr gut gewählt, gerade Schulkinder und junge Menschen kämen hier öfters vorbei und würden vielleicht – davon angeregt – mal nachfragen, wie das eigentlich damals mit den Erndtebrücker Juden war.

Dank der Tafel sind diese nun keine anonymen Unbekannten mehr: Sie hießen Ruth, Kurt, Luise-Else und Arthur Winter und kamen 1943 ins Konzentrationslager Birkenau, sie hießen Moritz und Betty Moses und wurden wohl in ein Konzentrationslager im Osten gebracht, sie hießen Friedrike Dickhaut und wurden auch mit 70 Jahren noch in Auschwitz umgebracht, sie hießen Ingeborg-Eleonore, Heinz-Nathan und Bella Simon und ihre Spur verliert sich in einer Baracke in Köln-Müngersdorf, wahrscheinlich wurden sie in Theresienstadt umgebracht.

Bella Simon war übrigens eine geborene Levi, und die ersten Levis sind für 1779 in Erndtebrück verbürgt. Damit seien die Levis sehr viel früher in Erndtebrück gewesen als manch einer der späteren Täter in braunen Hemden, so der Erndtebrücker Pfarrer Helmut Krumm.

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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