Thomas Kutschaty besucht das Christliche Jugenddorf
Wenn alle Optionen erschöpft sind

Trafen sich zum Gespräch und zum Austausch über eine vielfältige Themenauswahl: Erndtebrücks Ex-Bürgermeister Karl-Ludwig Völkel, CJD-Einrichtungsleiter Wolfgang Langenohl, Erndtebrücks Bürgermeister Henning Gronau (hinten, v. l.) sowie der SPD-Landtagsfraktionsvorsitzende Thomas Kutschaty, die SPD-Bundestagsabgeordnete Nezahat Baradari, CJD-Bewohner Michael und die stellvertretende Einrichtungsleiterin Isabell Ginsberg (vorne, v. l.).
  • Trafen sich zum Gespräch und zum Austausch über eine vielfältige Themenauswahl: Erndtebrücks Ex-Bürgermeister Karl-Ludwig Völkel, CJD-Einrichtungsleiter Wolfgang Langenohl, Erndtebrücks Bürgermeister Henning Gronau (hinten, v. l.) sowie der SPD-Landtagsfraktionsvorsitzende Thomas Kutschaty, die SPD-Bundestagsabgeordnete Nezahat Baradari, CJD-Bewohner Michael und die stellvertretende Einrichtungsleiterin Isabell Ginsberg (vorne, v. l.).
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tika Birkelbach. Politisch ist dieser Trend durchaus forciert, dennoch bereitet er vor allem den Trägern sozialer Einrichtungen großes Kopfzerbrechen. „Die Belegung macht mir viel Mühe“, brachte es Wolfgang Langenohl am Dienstag auf den Punkt. Der Einrichtungsleiter des Standortes des Christlichen Jugenddorfs (CJD) in Birkelbach nutzte die Gelegenheit, um Klartext zu reden – und Thomas Kutschaty damit zum Teil direkt, zum Teil indirekt Arbeitsaufträge aufzugeben. Der ehemalige NRW-Justizminister und derzeitige SPD-Landtagsfraktionsvorsitzende besuchte die Einrichtung nämlich im Rahmen seiner „Respekt-Tour“, die er derzeit im gesamten Bundesland absolviert.

Um seinen Sorgen – diese betreffen eine Vielzahl derartiger Träger in Nordrhein-Westfalen – Gewicht zu verleihen, untermauerte Wolfgang Langenohl selbige mit harten Fakten: Derzeit betreut das CJD Siegen-Wittgenstein im ambulanten Bereich 38 Familien im Einzugsgebiet von Winterberg bis Dillenburg. „Dieser Bereich boomt, während der stationäre Bereich stagniert beziehungsweise die Belegungszahlen sinken. Wir merken das deutlich. Wenn eine Wohngruppe nur zu 50 Prozent belegt ist, dann ist sie ein Zuschussgeschäft – und dann muss ich sie fast schließen“, erklärte der Einrichtungsleiter, der nach eigener Aussage eine Belegungsquote von 85 bis 90 Prozent benötigt, um eine solche Gruppe auch wirtschaftlich rentabel zu betreiben. Gerade in Zeiten des Fachkräftemangels ein Paradoxon, dem sich das CJD in Birkelbach immer wieder stellen musste. Denn mit der Schließung einer solchen Wohngruppe gehen immer auch Entlassungen einher. Kommt es dann wiederum zur Hochkonjunktur in diesem Bereich, braucht es neue Fachkräfte, die sich allerdings mit einem befristeten Arbeitsvertrag begnügen müssen. Die ambulante Betreuung genießt stets Vorrang, so ist es politisch gewollt.

Das Problem aus Sicht des CJD dahinter: „Wenn es zu stationären Anfragen kommt, dann geht es meist um den Bereich der Intensivgruppen. Wir sehen im ambulanten Bereich oft, dass diese Art der Betreuung nicht ausreicht. Die Jugendämter sind angehalten, Angebote niedrigschwellig zu gestalten. Allerdings flickschustern wir ambulant solange, bis gar nichts mehr geht“, berichtete Isabell Ginsberg. Die stellvertretende CJD-Einrichtungsleiterin spielte damit auf jene Fälle an, in denen Kinder und Jugendliche zu Opfern sexuellen Missbrauchs oder anderen Formen der Gewalt geworden sind. Grundsätzlich ist die Zahl der Kindeswohlgefährdungen gestiegen – auch in Wittgenstein.

Speziell betroffen davon sind vor allem Bad Berleburg und Bad Laasphe: „Die Kindeswohlgefährdung in diesen beiden Kommunen ist steigend. Gerade in Bad Berleburg und Bad Laasphe verschärfen sich offensichtlich die Sozialräume. Und dann passiert es, dass sich nicht nur in den großen Städten, sondern auch auf dem Land soziale Brennpunkte entwickeln“, wusste Isabell Ginsberg. Hinter diesen Schicksalen würden oft „instabile Verhältnisse“ stehen – prekäre finanzielle Situationen, aber auch die Strukturen von Patchwork-Familien. Dass die betroffenen Kinder und Jugendlichen gezeichnet und allzu oft verhaltensauffällig sind, vermag da nicht zu verwundern.

„Bevor die Psychiatrien die Kinder und Jugendlichen aufnehmen, muss es schon fast eskalieren“, wusste Wolfgang Langenohl. Das Problem dahinter sind die vieldiskutierten fehlenden Kapazitäten, gerade in der Region: „Die therapeutische Anbindung, also die sozialpsychiatrische Versorgung ist eine Katastrophe“, sprach der CJD-Einrichtungsleiter Tacheles. Er sah allerdings auch die Kehrseite der Medaille im Gesamtkomplex: „Politisch gut ist, dass der Kreis Siegen-Wittgenstein versucht, die Familien möglichst lange zusammen zu halten.“ Irgendwann allerdings sind alle Optionen ausgeschöpft – und es kommt zum Äußersten.

Dabei leben jene Kinder und Jugendlichen, die stationär untergebracht sind, oft nicht freiwillig in Einrichtungen wie dem CJD, das ihnen eine feste Struktur und Unterstützung im Alltag bietet, die ihnen in ihren Familien verwehrt bleiben. Ebenso wie ihre Eltern haben sie meist das Bestreben einer Rückführung – trotz des bisherigen Lebenswandels. Diese Rückführung scheitert allerdings oft schon aufgrund fehlender Einsicht auf Seiten der eigentlich Erziehungsberechtigten – sie suchen die Gründe für die Situation zumeist nicht bei sich selbst, sondern in ihrem Umfeld. Und gerade deshalb reicht eine ambulante Versorgung allzu oft nicht mehr aus.

Autor:

Timo Karl (Redakteur) aus Erndtebrück

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