Wenn der Schaf-Friseur kommt...

NRW-Meister Thorsten Walczok aus Balde kommt in ganz Wittgenstein zum Einsatz

vg Balde. Die Stalltüren sind geöffnet. Von innen schon hört man das laute Geblöke der Schafe, gerade so, als wüssten die Tiere bereits, was gleich mit ihnen geschieht. Thorsten Walczok ist ganz konzentriert, als er die Apparatur des Schereninstruments aufbaut. Dann knöpft er sich die Schutzschuhe zu und prüft noch einmal die Schärfe der Klinge. Schließlich wird das erste Schaf herangetragen. An beiden Vorderbeinen in die Höhe gezogen, kommt es bald rücklings vor dem Scherer zum sitzen. »In dieser Position ist es ganz lieb«, weiß der gelernte Werkzeugmacher.

Dann geht es los: Ehe sich das Schaf versieht, wird ihm eine neue Frisur verpasst und die nennt sich: Kahlschnitt. Thorsten Walczok setzt die Schere an. Jetzt heißt es: Schnell sein und nicht trödeln, denn auch die Geduld eines Schafs hat irgendwann seine Grenzen. »Die meisten Tiere, die ich schere, halten eigentlich still«, schildert der Scherer, »dabei hängt auch viel davon ab, wie man die Tiere zwischen seinen Knien hält.« Thorsten Walczok wendet die so genannte Boden-Schur-Technik an. »Es gibt aber auch die Möglichkeit, das Schaf auf einem Schemel zu scheren.«

In wenigen Sekunden fällt das dicke Fell vom Bauch des Tieres, die Schere gleitet über den Rücken, dann hinter die Schafsohren, schließlich sind die Beine und der Schwanz dran. »Nach einer Stunde etwa sollte man das Messer des Schurgeräts wechseln, nach zwei Stunden den zugehörigen Kamm«, weiß Thorsten Walczok. Mittlerweile liegt seine Bestzeit beim Scheren eines Tieres bei drei Minuten und 40 Sekunden. Doch bis dahin war es ein langer Weg.

Vor zehn Jahren entdeckte Thorsten Walczok zum ersten Mal sein Interesse an der Schafzucht. »Damals hatte uns ein Fuchs 25 Gänse vom Hof weggeholt, da dachte ich mir, ich hole mir einfach ein paar Schafe, die wird sich ein Fuchs nicht so schnell stehlen können.« Aus den beiden Schafen wurden dann im Laufe der Zeit 36. Zunächst musste der gelernte Werkzeugmacher sich die Fähigkeit des Scherens mühsam aneignen. »Ich habe damals mit einer einfachen Handschere angefangen. Das erste Schaf aber, das ich geschoren habe, sah später aus, als habe man es mit Wattebäuschchen beworfen.« Doch die Übung macht bekanntlich den Meister: Nach zwei Schur-Lehrgängen konnten sich die Schafe von Thorsten Walczok durchaus sehen lassen. Mittlerweile wird der 31-Jährige in ganz Wittgenstein und auch im Siegerland zum Schafe-Scheren eingesetzt. »Ich werde von vielen Leuten angefordert, die eine Herde haben. Erst kürzlich habe ich auch in Eiserfeld und Trupbach geschoren.« Das Scheren ist jedoch alles andere als einfach: »Man braucht viel Kraft und Ehrgeiz und natürlich auch den Spaß an der Sache«, stellt Thorsten Walczok fest. »Und es kann auch schon mal eine blutige Nase geben, wenn man ein besonders unruhiges Tier vor sich hat, das mit den Hinterbeinen austritt, während man sich darüber beugt.«

Wenn der Schaf-Friseur kommt, geht es jedoch nicht immer nur ums Scheren: »Man kann feststellen, ob die Tiere unterernährt sind oder Krankheiten haben, was man auf den ersten Blick nicht unbedingt sieht, wenn sie das Fell noch an sich haben.« Geschoren werden müssen die Tiere auch wegen der Hitze. »Außerdem schreibt es das Tierschutzgesetz vor, die Schafe mindestens einmal im Jahr zu scheren«, so Thorsten Walczok.

Dass der 31-Jährige das Handwerk des Scherens sehr gut versteht, zeigt sich auch darin, dass sich der NRW-Meister erst kürzlich für die Deutschen Meisterschaft im Schafe-Scheren qualifizieren konnte. Bei diesem Wettkampf, der in München stattfand, traten die jeweils besten Scherer aller Bundesländer gegeneinander an. »Es war schon ein gutes Gefühl, vor einem großen Publikum auf einer Bühne zu scheren.« Auch wenn Thorsten Walczok keine der allerersten Platzierungen für sich verbuchen konnte, war er doch froh, mit dabei gewesen zu sein.

Thorsten Walczock züchtet die Rassen »Scottish Blackface«, »Graue gehörnte Heidschnucken« und »Schwarzköpfiges Fleischschaf«. Darüber hinaus hält der elterliche Hof in Balde den Schafzüchter ganz schön auf Trab: »Ich habe unter anderem auch mit meinen Hunden und den Kaninchen schon Wettkämpfe gewonnen«, weiß der 31-Jährige. Beim Stünzelfest und auch beim Wollmarkt darf der Schaf-Friseur schließlich auch nicht fehlen. »Ich würde mich freuen, wenn ich auch wieder bei der nächsten Deutschen Meisterschaft im Scheren teilnehmen könnte«, hofft Thorsten Walczok schon jetzt. Und – wer weiß? Vielleicht geht der Wunsch ja schon bald in Erfüllung.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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