SZ

Wie man in den 1950er- und 1960er-Jahren einkaufte
„Wir waren Heimat-Shopper“

So sah der Kolonialwarenladen von Oberdresselndorf aus. Man wurde bedient, Taschen, Tüten und Behältnisse hatte man dabei (Nachhaltigkeit, bevor es den Begriff gab). Und: Sozialkontakte waren immer eingeschlossen …
2Bilder
  • So sah der Kolonialwarenladen von Oberdresselndorf aus. Man wurde bedient, Taschen, Tüten und Behältnisse hatte man dabei (Nachhaltigkeit, bevor es den Begriff gab). Und: Sozialkontakte waren immer eingeschlossen …
  • Foto: damals-in-siegen
  • hochgeladen von Redaktion Kultur

sz - Damals gab es noch keine Selbstbedienungsläden.
sz Erntdebrück-  Einkaufen bedeutet für uns heute meistens eine Fahrt zum Supermarkt, in dem der Einkaufswagen frei nach dem Motto „einmal hin, alles im Angebot“ beladen wird. Spezialgeschäfte für Fleisch, Obst, Milch oder Ähnliches braucht man kaum. Sogar Bücher, Haushaltsgeräte und Textilien sind dort auch im Angebot. Früher war das anders. Marianne Seelbach aus Erndtebrück erinnert sich an ihre Einkaufserfahrungen in den 1950ern und 1960ern, die so ganz anders waren … Hier ihr Bericht.
Ein Foto aus dem Herbst 1953 zeigt meine Mutter und mich auf dem Weg ins Dorf (s. u.). Wir gehen die steinige Breidenbachstraße hinunter. Asphaltiert wurde die Straße erst Mitte der 60er-Jahre.

sz - Damals gab es noch keine Selbstbedienungsläden.
sz Erntdebrück-  Einkaufen bedeutet für uns heute meistens eine Fahrt zum Supermarkt, in dem der Einkaufswagen frei nach dem Motto „einmal hin, alles im Angebot“ beladen wird. Spezialgeschäfte für Fleisch, Obst, Milch oder Ähnliches braucht man kaum. Sogar Bücher, Haushaltsgeräte und Textilien sind dort auch im Angebot. Früher war das anders. Marianne Seelbach aus Erndtebrück erinnert sich an ihre Einkaufserfahrungen in den 1950ern und 1960ern, die so ganz anders waren … Hier ihr Bericht.
Ein Foto aus dem Herbst 1953 zeigt meine Mutter und mich auf dem Weg ins Dorf (s. u.). Wir gehen die steinige Breidenbachstraße hinunter. Asphaltiert wurde die Straße erst Mitte der 60er-Jahre. Meine Mutter trägt einen Lodenmantel, ihren Werktagsmantel, und feste Schnürschuhe. In der einen Hand hält sie eine große Einkaufstasche, an der anderen Hand hält sie mich. Ich bin mit einem von Mutter genähten Mäntelchen mit weißem Kragen und einer flotten Baskenmütze bekleidet. Während meine Mutter lächelt, schaue ich missmutig drein. Ob mal wieder die fürchterlichen Wollstrümpfe gekratzt haben?

Schick, fertig für den Einkauf. Marianne Seelbach und ihre Mutter.
  • Schick, fertig für den Einkauf. Marianne Seelbach und ihre Mutter.
  • Foto: privat
  • hochgeladen von Redaktion Kultur

Im Dorf gab es alles zu kaufen

Es war nicht weit von unserem Haus ins Dorf, wo es alles für den alltäglichen Bedarf zu kaufen gab. Mehrere Metzgereien, Bäckereien und Lebensmittelgeschäfte versorgten die Erndtebrücker mit allem, was sie nicht im eigenen Garten oder auf dem Feld anbauen konnten, oder lieferten Nachschub, wenn das Eingemachte oder die Vorräte aus der Hausschlachtung aufgebraucht waren. Außerdem gab es mehrere Geschäfte, die Textilien aller Art anboten: Kleidung, Wäsche, Stoffe, Kurzwaren, Wolle …
Einige der Textilgeschäfte reparierten die Nylonstrümpfe der Damen. Sie hatten ein spezielles Gerät, mit dem man Laufmaschen aufheben konnte. Da Nylonstrümpfe damals recht teuer waren und die Frauen häufig mit den empfindlichen Strümpfen an irgendetwas hängen blieben, wurde die Reparatur gut genutzt.

Anprobe zu Hause: ein Service für Einkaufsmuffel

Alltagskleidung kaufte meine Mutter in Erndtebrück. Wenn mein Vater eine neue Hose brauchte, holte sie eine Auswahl im Geschäft. Mein Vater probierte dann zu Hause an, am nächsten Tag wurden die übrigen Hosen zurückgebracht.
Ein- oder zweimal im Jahr kamen reisende Händler zu uns und boten Textilien an. Sie breiteten ihre Waren auf dem Küchentisch aus, und meine Mutter suchte etwas aus: Strickwaren beim „Hörscher“ aus Haarhausen und Bett- und Tischwäsche für meine Aussteuer beim Vertreter der „Stuttgarter Wäschetruhe“.
Im Spätsommer kamen Händler aus dem benachbarten Hessen mit Obst, vor allem Birnen und Zwetschen. „Hessebeern“ und „Quätsche“ waren bei uns sehr begehrt. Während die Zwetschen eingekocht oder zu Pflaumenmus verarbeitet wurden, stellte meine Mutter aus den Birnen Dörrobst her. Die „Hutzelbeern“ wurden im Winter mit Wasser und Zucker aufgekocht und als Nachtisch oder zu Pfannkuchen gegessen.

Blumen: am liebsten Nelken mit Spargelgrün

Schuhe, Schreibwaren, Bücher, Elektrogeräte, Kleinmöbel, Schmuck und Uhren wurden in mehreren Geschäften verkauft. In zwei Gärtnereien gab es eine im Vergleich zu heute kleine Auswahl an Topf- und Schnittblumen, aber die kaufte man nur für besondere Anlässe. Nelken mit Spargelgrün waren besonders beliebt. Im Sommer hatte man Blumen im eigenen Garten und pflückte Sträuße für Besuche bei Verwandten und Freunden.
In allen Geschäften wurde man bedient, Selbstbedienungsläden kamen erst später auf. In den Lebensmittelgeschäften erhielt man bei jedem Einkauf Rabattmarken. Die wurden auf eine Karte geklebt und mit 1,50 D-Mark vergütet, wenn die Karte voll war. Gerne habe ich die Marken aufgeklebt, denn manchmal erhielt ich den Gegenwert der vollen Karte für meine Spardose.

Der Genuss im Sommer: eine Kugel Eis

In der Ortsmitte befand sich im Gebäude der heutigen Volksbank auf der linken Seite die Apotheke und auf der rechten ein Café. In der Apotheke holten wir Lebertran für mich. Er schmeckte mir gar nicht, und ich konnte ihn nur mit Mühe schlucken. Lieber ging ich im Sommer sonntags ins Café und holte mir für 10 Pfennig eine Kugel Eis. Man konnte zwischen Vanille-, Erdbeer- und Schokoladeneis wählen. Getränke kauften wir selten. Meistens tranken wir den im Sommer aus den Beeren im Garten oder aus Rhabarber hergestellten Saft, den wir mit Leitungswasser verdünnten.
 

Kaffee-Taschentücher

Nach getaner Arbeit im Sommer hatte mein Vater aber schon mal Lust auf ein Bier. Dann wurde ich in den Laden in unserer Nähe geschickt, um zwei oder drei Flaschen zu holen. Bohnenkaffee war damals noch teuer. Meine Mutter kaufte die Bohnen in kleinen Päckchen im Geschäft. Aber dann konnte man den Kaffee durch Sammelbestellungen von den großen Röstereien beziehen. Nun gab es jeden Monat 1 Kilogramm Kaffeebohnen, abgepackt in Stoffbeutel, die nach dem Auftrennen der Nähte ein Damentaschentuch ergaben. Im Inneren der Packung fand man eine Zugabe aus buntem Plastik, z. B. einen Eierbecher oder Eierlöffel. Zu Weihnachten wurde der Kaffee in einer edel aussehenden Blechdose geliefert. Später bewahrten wir darin Knöpfe, Stickgarn, Gummiringe usw. auf.
Süßigkeiten gab es im Allgemeinen nur zu Nikolaus, Weihnachten, Ostern und zum Geburtstag. Nur selten wurden Zuckersteine, wie wir Bonbons damals nannten, im Lebensmittelgeschäft gekauft. Am besten schmeckten mir die roten, die wie Himbeeren aussahen. Der Kaufmann nahm sie mit einer kleinen Schaufel aus einem Glas, füllte sie in eine Papiertüte und wog sie.
Etwas Besonderes war bei uns der Einkauf von Brot. Meine Eltern betrieben eine kleine Landwirtschaft im Nebenerwerb und bauten auch Getreide an. Das wurde bei Spiss in der Schulstraße gedroschen und später vom Müller in Womelsdorf gemahlen. Das Mehl lieferte er an die Bäckerei in Erndtebrück, wo wir unser Brot kauften. Beim Einkauf wurde das abgelieferte Mehl mit dem Brot verrechnet, und wir zahlten einen geringeren Betrag für das Brot. Zur Kontrolle wurde das Gewicht des Brotes von der Bäckersfrau in ein Oktavheftchen eingetragen, das wir zu jedem Einkauf mitnahmen. Wenn unser Guthaben aufgebraucht war, zahlten wir den regulären Preis.

Schuhe, "grüne Füße" und Lurchi 

Besonders spannend wurde es für mich, wenn ich neue Schuhe brauchte. Wenn ich die passenden gefunden hatte, ging es mit den neuen Schuhen an den Füßen zu einem schrankähnlichen Gerät, mit dem Schuhe und Füße durchleuchtet wurden, damit man überprüfen konnte, ob die Schuhe auch wirklich passten. Toll sah das aus: ein Bild in leuchtendem Grün mit meinen Füßen und den Umrissen der Schuhe! Diese Geräte verschwanden nach ein paar Jahren aus den Schuhgeschäften, was ich damals schade fand. Heute denke ich: Gut, dass ich nicht oft neue Schuhe bekam. Grün war auch das Heftchen mit Bildergeschichten, die von den spannenden Abenteuern eines Feuersalamanders und seiner Freunde erzählten. Bei jedem Schuhkauf erhielten Kinder die neue Ausgabe. Schade, dass ich nicht öfter neue Schuhe brauchte.

Der Puppendoktor

Zum Friseur ging meine Mutter mit mir, wenn eine meiner Puppen repariert werden musste. Der Friseur war auch der Puppendoktor und ersetzte die ausgeleierten Gummibänder an Armen und Beinen der Puppen. Zum Haareschneiden bin ich erst Jahre später in dem Friseursalon gewesen. Ich mochte meine langen Zöpfe nicht mehr und wollte eine moderne Kurzhaarfrisur, wie meine Mitschülerinnen hatten …
Sobald ich etwas älter war, wurde ich mit Aufträgen ins Dorf geschickt. Vor Feiertagen sollte ich das bestellte Fleisch beim Metzger abholen. Dort musste ich dann eine ganze Weile anstehen, und nicht alle erwachsenen Kunden nahmen es mit der Reihenfolge genau. Das war ärgerlich, aber das Stückchen Fleischwurst, das jedes Kind als Zugabe bekam, stimmte wieder versöhnlich. Manchmal schickte meine Mutter mich mit Geld und Rechnung zu Kestersch, um die gelieferten Kohlen zu bezahlen. Das machte ich sehr gerne, denn dort bekam ich eine Tafel Schokolade geschenkt. – – Fortsetzung folgt.
Marianne Seelbach

So sah der Kolonialwarenladen von Oberdresselndorf aus. Man wurde bedient, Taschen, Tüten und Behältnisse hatte man dabei (Nachhaltigkeit, bevor es den Begriff gab). Und: Sozialkontakte waren immer eingeschlossen …
Schick, fertig für den Einkauf. Marianne Seelbach und ihre Mutter.
Autor:

Redaktion Kultur

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

Folgen Sie diesem Profil als Erste/r
ThemenweltenAnzeige

Spar-Abo der Siegener Zeitung
Schnell abonnieren und bares Geld sparen!

Das Abonnement der Siegener Zeitung ist der bequemste Weg, um jeden Morgen die wichtigsten Nachrichten aus Siegen, dem Siegerland, Wittgenstein, Altenkirchen und Olpe zu in kompakter Form zu lesen ‒ als gedruckte Zeitung direkt aus dem Briefkasten oder als digitale Version in Form eines E-Papers. Das E-Paper lesen Sie bequem am PC oder ganz mobil mit unserer App für Android und Apple. Schnell Abo buchen und bares Geld sparenSchnell sein lohnt sich jetzt, denn je früher Sie bestellen, desto mehr...

Kommentare

Kommentare sind deaktiviert.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen