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Kreativität als Therapie
„Dann malt nur die Seele“

Warum nicht mal über das Ziel hinausschießen? Marie Luise Wiethoff in ihrem Atelier. Hier animiert sie ihre Kursteilnehmer, sich frei zu fühlen – das Malen über den Rand des Papierbogens ist in der zweckfreien Welt erwünscht.  Fotos: yve
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  • Warum nicht mal über das Ziel hinausschießen? Marie Luise Wiethoff in ihrem Atelier. Hier animiert sie ihre Kursteilnehmer, sich frei zu fühlen – das Malen über den Rand des Papierbogens ist in der zweckfreien Welt erwünscht. Fotos: yve
  • hochgeladen von Yvonne Clemens (Redakteurin)

yve Finnentrop. Zur Ruhe kommen ist heutzutage alles andere als leicht. Oft ist eine Doppelbelastung für das Gefühl verantwortlich, das innere Gleichgewicht zu verlieren. Gefangen im Stressstrudel – auch Marie Luise Wiethoff kennt diesen Ausnahmezustand. Der Weg zurück an die Oberfläche – ans Licht – scheint unüberwindbar. „Ich konnte keinen Fuß mehr vor den anderen setzen“, blickt die 61-Jährige auf eine Zeit der permanenten Überlastung zurück. „Ich war stresserkrankt“, weiß sie heute. Marie Luise Wiethoff ist selbstständige Architektin – ein Beruf den sie seit 35 Jahren mit Leidenschaft ausübt. Sie ist nicht nur Mitglied in der Architektenkammer NRW, im Gutachterausschuss für den Kreis Olpe, Feng-Shui- und Geomantieberaterin, sondern auch staatlich geprüfte Sachverständige.

yve Finnentrop. Zur Ruhe kommen ist heutzutage alles andere als leicht. Oft ist eine Doppelbelastung für das Gefühl verantwortlich, das innere Gleichgewicht zu verlieren. Gefangen im Stressstrudel – auch Marie Luise Wiethoff kennt diesen Ausnahmezustand. Der Weg zurück an die Oberfläche – ans Licht – scheint unüberwindbar. „Ich konnte keinen Fuß mehr vor den anderen setzen“, blickt die 61-Jährige auf eine Zeit der permanenten Überlastung zurück. „Ich war stresserkrankt“, weiß sie heute. Marie Luise Wiethoff ist selbstständige Architektin – ein Beruf den sie seit 35 Jahren mit Leidenschaft ausübt. Sie ist nicht nur Mitglied in der Architektenkammer NRW, im Gutachterausschuss für den Kreis Olpe, Feng-Shui- und Geomantieberaterin, sondern auch staatlich geprüfte Sachverständige.

Familiär bedingt ändern sich ihre Lebensumstände. Mehr und mehr leidet sie unter einem geistigen und körperlichen Erschöpfungszustand. Sie ist ausgebrannt. „Ich musste etwas tun“, sagt sie im Gespräch mit der SZ. Als Architektin begibt sie sich immer auf die Suche nach kreativen Lösungen. „Ich haben dann angefangen, kunsttherapeutische Stunden zu nehmen.“ Sie spürt, wie das seelische Erleben der Farben und Formen ihren Organismus positiv beeinflusst. „Ich habe schnell gemerkt, dass mir das Malen unheimlich gut tut.“

Ihre Gefühle und Stimmungen, aber auch Erlebtes finden sich seither auf Papier und Leinwänden wieder, die sich in ihrem Zuhause stapeln – im gewollten Kontrast gleich neben ihrem „aufgeräumten“ Büro. Zwei Welten sind es, die sich berühren. Die der Architektur sei zweckgebunden. Die der Malerei hingegen zweckfrei, hier könne im Unterbewusstsein Verborgenes über das künstlerische Wirken ins Bewusstsein treten.

2017 entscheidet sich die Marie Luise Wiethoff, die Grundausbildung „Heilsames intuitives Malen“ nach Ulrike Hirsch zu absolvieren. Das sei ein wunderbares Werkzeug, „um in Berührung mit unserer Seele und unserem Sein zu kommen. Ein Weg zur eigenen Mitte, zur Einmaligkeit in uns.“

Heute gibt sie Kurse in ihrer zweckfreien Welt. „Es geht dort nicht um bestimmte Maltechniken, auch nicht um das fertige Bild.“ Es sei der Malprozess, der im Vordergrund stehe. Wer die Kreativität neu oder wieder entdecke und entfalte, könne diese auch ein stückweit in den persönlichen Alltag integrieren. Einige Menschen verspürten eine gewisse Scheu, zu malen. „Das liegt mitunter an leidvollen Erfahrungen, die in der Schule im Kunstunterricht gemacht worden sind.“ Wer ständig höre, er könne nicht malen, unterdrücke seine Kreativität irgendwann automatisch und verliere vollends den Zugang zur selbiger. Ähnlich verhalte es sich mit Musik- und Sportunterricht.

„Ich urteile nie über das Schaffen meiner Teilnehmer“, so Marie Luise Wiethoff. „Sie müssen sich einfach nur öffnen, am Ende braucht auch gar nichts dabei rauszukommen. „Aber die Gesellschaft gibt uns vor, stets leistungsorientiert zu denken.“ Malen um des Malen willen rege die Vorstellungskraft ganz automatisch an. „Nicht drüber nachdenken – auf das Innere hören, dann entstehen oft die interessantesten Werke.“

Die 61-Jährige möchte Menschen nicht therapieren, sondern ermutigen, „sich frei auf das Spiel mit Farben einzulassen und vollkommen ihrer Intuition zu vertrauen.“ Niemand müsse sich in ihren Kursen offenbaren. „Darum geht es nicht.“ Es sei ein offener Prozess, auf den sich eingelassen werden könne. Je kleiner die Ansprüche an sich selbst seien, desto größer werde der Weg zur Selbsterkenntnis – „dann malt nur die Seele“.

Auch mal über das Ziel hinausschießen, oft eine negativ behaftete Eigenschaft, verleihe neue Stärke, erzählt die Architektin. Intuitives Malen bedeute zudem, etwas zu wagen, die eigene Komfortzone zu verlassen. Im Atelier der Architektin hängen daher die Papierbögen teils an der Wand, um diese herum leuchtet es bunt. „Ich animiere meine Kursteilnehmer ganz bewusst dazu, über die Ränder zu malen.“ Viele trauten sich zunächst nicht, doch dann merkten sie, dass scheinbar Unüberwindbares überwindbar sei. „Das ist eine tolle Erfahrung.“

Marie Luise Wiethoff selbst nutzt das Malen täglich zum Zweck der Eigentherapie. Sie holt eine Kreativitätstagebuch aus dem Regal. Es ist eines von insgesamt 16. „In dem Tagebuch spiegelt sich wider, was mich beschäftigt.“ Sie blättert durch die Seiten und zeigt auf Farben, Formen, Collagen und Strukturen, die graue und schwere Tage reflektieren. Aber auch Hoffnung und Glückseligkeit treten hier aus dem Verborgenen. In diesen Momenten fühle sie sich beseelt. Ähnliches berichteten ihr oft Kursteilnehmer. Genau das sei das gewünschte Ziel beim intuitiven Malen, „nicht das fertige Bild“.

Corona-bedingt ruhen die Kurse der 61-Jährigen im Monat November – auch die in der Volkshochschule des Kreises Olpe, die erstmals ins aktuelle Programm aufgenommen worden sind. „Mir bereitet es Freude, etwas Neues zu lernen“, sagt Marie Luise Wiethoff. So nutzt sie die Auszeit in der zweckfreien Welt, um sich intensiver mit ihren Zukunftsplänen zu beschäftigen. Inspiriert vom intuitiven Malen, kann sie sich sich vorstellen, sich zur Kunst- oder Kreativtherapeutin ausbilden zu lassen. „Ich bin noch nicht am Ende“, lacht die Architektin und freut sich auf die kommenden Wochen, die sie sich mit Pinsel und Stiften in ihrem Kreativtagebuch ausmalt.

Warum nicht mal über das Ziel hinausschießen? Marie Luise Wiethoff in ihrem Atelier. Hier animiert sie ihre Kursteilnehmer, sich frei zu fühlen – das Malen über den Rand des Papierbogens ist in der zweckfreien Welt erwünscht.  Fotos: yve
Jegliche Gefühlsstimmungen finden sich in den Kreativtagebüchern von Marie Luise Wiethoff wieder.
Autor:

Yvonne Clemens (Redakteurin) aus Stadt Olpe

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