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4Fachwerk zeigt Hermann-Kuhmichel-Ausstellung
Ein Beobachter seiner Umgebung

gmz - Die Vielfalt von Hermann Kuhmichels Themen und Techniken lädt zu Entdeckungen ein. Man sieht, warum er zu recht als einer der wichtigen Siegerländer Künstler des 20. Jahrhunderts gilt.
gmz Freudenberg.  Da sitzen sie, die Männer, auf harten Holzbänken in einem kargen, unwirtlichen Raum. Ihr Gesichtsausdruck ist gedrückt, ernst, abwartend, sogar deprimiert. „Im Arbeitsnachweis“ heißt diese Grafik, eine der frühen Arbeiten von Hermann Kuhmichel, die in der abwechslungsreich präsentierten Ausstellung „Hermann Kuhmichel – Leben und Werk“ gezeigt wird. Sie wird an diesem Freitag, 8. November, 19 Uhr, im 4Fachwerk-Mittendrin-Museum in Freudenberg eröffnet. 70 Arbeiten haben Dr.

gmz - Die Vielfalt von Hermann Kuhmichels Themen und Techniken lädt zu Entdeckungen ein. Man sieht, warum er zu recht als einer der wichtigen Siegerländer Künstler des 20. Jahrhunderts gilt.
gmz Freudenberg.  Da sitzen sie, die Männer, auf harten Holzbänken in einem kargen, unwirtlichen Raum. Ihr Gesichtsausdruck ist gedrückt, ernst, abwartend, sogar deprimiert. „Im Arbeitsnachweis“ heißt diese Grafik, eine der frühen Arbeiten von Hermann Kuhmichel, die in der abwechslungsreich präsentierten Ausstellung „Hermann Kuhmichel – Leben und Werk“ gezeigt wird. Sie wird an diesem Freitag, 8. November, 19 Uhr, im 4Fachwerk-Mittendrin-Museum in Freudenberg eröffnet. 70 Arbeiten haben Dr. Ingrid Leopold, die die Ausstellung konzipiert hat, und Dieter Siebel vom Museums-Trägerverein zusammengetragen, viele aus Privatbesitz. Auch Frieder Henrich, der 2016 eine „dokumentarische Zwischenbilanz über Leben und Werk“ des Künstlers Kuhmichel herausgegeben hat, hat zur Ausstellung beigetragen.

Die oben erwähnte Arbeit aus den späten 1920er-Jahren macht deutlich, wie kritisch Hermann Kuhmichel sein konnte, wie genau er Menschen und Verhältnisse wahrnahm und darstellte. Die Grafiken zeigen das Elend und die Not der Arbeiter in dieser Zeit, zeigen im harten schwarz-weißen Gegensatz die Kanten, an denen die Lebensläufe vieler gebrochen wurden … Die Männer warten in der „Arbeitsagentur“, wie man sie heute nennen würde, darauf, dass ihnen Arbeit angeboten wird …

Kritische Töne und stiller Witz

 Kritisch kann er also sein, der Künstler, der sich vor allem als Bildhauer verstand und dessen Skulpturen und Plastiken an vielen Orten im Siegerland zu finden sind (bekannt sind z. B. seine „Ausschauende“ am Dicken Turm in Siegen oder seine Arbeiten im Wenscht-Park). Witzig ist er auch, wenn man genau hinschaut, zum Beispiel auf seine Plastik vom „Hütejungen mit der Ziege“ im Wenscht. Junge und Ziege spielen ein Spiel um die Dominanz (wer zieht wen in welche Richtung?). Voll feiner Ironie ist auch die Szene, die wie im Vorbeigehen eingefangen wirkt: Ein junger, fescher Mann (ein Stenz, hätte man gesagt) im Anzug sitzt breitbeinig auf einer Parkbank, den Hut keck auf dem Kopf. Seine bemühte Nonchalance schreit „findet mich cool!“, was die beiden jungen Frauen auch offenbar tun, als sie an ihm vorbeigehen und ihn „begutachten“. Was daraus wohl wird?
Einige von Kuhmichels Arbeiten wurden von den Nazis als „entartet“ eingestuft, verbunden mit einem Berufsverbot. Das wurde allerdings wieder aufgehoben, Kuhmichel erhielt in den 1930er- und 1940er-Jahren auch einige öffentliche Aufträge (Rubensbrunnen, Figuren an der damals neuen Wellersberg-Kaserne, an deren Einweihung er nicht teilnahm, wie seine Tochter Inge betonte, u. a.). Er selbst hat sich nie im Sinne der Nazi-Vorstellungen geäußert, über einige seiner Arbeiten wurde allerdings interpretatorisch ein Nazi-Sinn gelegt.

Es geht um Individualität und Selbstbehauptung

Hermann Kuhmichel, der sowohl im Ersten als auch im Zweiten Weltkrieg als Sanitäter eingezogen wurde, hat eindrucksvolle Monotypie-Vorlagen von seinen Erlebnissen als Gefangener gemacht. Dem Untergehen in der Masse der Gefangenen setzt er angedeutete Selbstportraits (als einer der Gefangenen) entgegen: Die Suche nach der Individualität und der Behauptung in der Welt ist eben ein Thema, das in vielen Arbeiten auftaucht, egal ob Monotypie, Zeichnung, Holz- oder Linolschnitt, Malerei, Eisenstabplastiken, Sgrafitti (in der Schau mithilfe von Fotos dokumentiert) oder Stickarbeiten.
Auch in den christlichen Motiven, die Hermann Kuhmichel vor allem in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg bearbeitet hat (sehr sehenswert: ein Kruzifix aus ungewöhnlicher Perspektive, das den leidenden Christus zeigt, wie er sich den Menschen zuneigt), thematisiert er diese Auseinandersetzung mit der Frage nach Richtig und Falsch, die immer wieder zu lösen ist: Sein Abraham, der gerade vom Engel vom Opfer abgehalten wird, ist in dem Moment „eingefangen“, in dem Anspannung in fast noch ungläubige Erleichterung umgeschlagen ist. Die Hilflosigkeit aber bleibt trotzdem. – Die Ausstellung gibt einen interessanten und auch ungewöhnlichen Überblick über das Schaffen Kuhmichels, lädt ein, mit Kuhmichel, dem Beobachter seiner Umgebung (ein Hingucker ist zum Beispiel der „Siegerländer Hirte“), unser Umfeld neu zu sehen, Entdeckungen zu machen.

Hermann Kuhmichel: „Leben und Werk“.
4Fachwerk-Mittendrin-Museum,
Mittelstraße 4, Freudenberg.
Bis 12. Januar 2020, mittwochs, samstags
und sonntags 14 bis 17 Uhr.

Autor:

Dr. Gunhild Müller-Zimmermann (Redakteurin) aus Siegen

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