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Im 4Fachwerk-Mittendrin-Museum kann man Heini Linkshänder begegnen
Worpswede trifft den Flecken

„Schweigen ringsrum“ heißt diese Arbeit von Heini Linkshänder: eine politische Botschaft? Eine persönliche Situationsbeschreibung?
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gmz - „Alles mit links“ heißt die Schau, die ein Mitglied der jüngeren Worpsweder Künstlergeneration im Freudenberger 4Fachwerk-Mittendrin-Museum vorstellt. Wenn man sie dann sehen kann. 
gmz Freudenberg. Heini Linkshänder. So heißt doch niemand. Das muss ein Pseudonym sein! – Ist es auch. Heini Linkshänder heißt eigentlich Heinrich Straßer und war Künstler. Und zwar in Worpswede, wo der gebürtige Bayer seine Wahlheimat gefunden hat. Er zählt (2012 gestorben) zu einer der „nachfolgenden Generationen“ der Worpsweder, deren berühmtes und prägendes Konzept einer Lebens- und Arbeitsgemeinschaft immer neue Fortsetzungen gefunden hat, nach den wichtigen Anfängen um die vorletzte Jahrhundertwende mit Fritz Mackensen, Otto Modersohn und Paula Modersohn-Becker oder Heinrich Vogeler.

gmz - „Alles mit links“ heißt die Schau, die ein Mitglied der jüngeren Worpsweder Künstlergeneration im Freudenberger 4Fachwerk-Mittendrin-Museum vorstellt. Wenn man sie dann sehen kann. 
gmz Freudenberg. Heini Linkshänder. So heißt doch niemand. Das muss ein Pseudonym sein! – Ist es auch. Heini Linkshänder heißt eigentlich Heinrich Straßer und war Künstler. Und zwar in Worpswede, wo der gebürtige Bayer seine Wahlheimat gefunden hat. Er zählt (2012 gestorben) zu einer der „nachfolgenden Generationen“ der Worpsweder, deren berühmtes und prägendes Konzept einer Lebens- und Arbeitsgemeinschaft immer neue Fortsetzungen gefunden hat, nach den wichtigen Anfängen um die vorletzte Jahrhundertwende mit Fritz Mackensen, Otto Modersohn und Paula Modersohn-Becker oder Heinrich Vogeler.

„Kunst ist eine Frage der Entscheidung!“

„Alles mit links“ heißt die Schau, die derzeit im 4Fachwerk-Museum in Freudenberg aufgebaut ist (bis August), alle Arbeiten sind auch „mit links“ gemacht, denn Heini Linkshänder war – notgedrungen – Linkshänder: 1960 verlor er mit 22 Jahren bei einem Arbeitsunfall seinen rechten Arm (er war Schreiner) und musste sein Leben neu denken. Er wurde Skilehrer und wählte dann den Weg in die Kunst, war in den 1970ern als Gasthörer an den Kunstakademien Wien, Salzburg, Linz, München und Düsseldorf (u. a. bei Joseph Beuys). Und entschied sich bewusst für die Kunst als Beruf(ung): „Kunst ist eine Frage der Entscheidung!“

Den Widrigkeiten des Lebens mit Energie begegnet

Ausdruck seiner großen Energie und seiner Bereitschaft, auch in Krisenzeiten nach vorne zu schauen, scheint u. a. sein selbstironisches Pseudonym zu sein. Wenn er von sich selbst (?) sagte: „Die Energie bin ich“, dann glaubt man ihm das, sieht man die Entschlossenheit, mit der er sein Leben den schwierigen neuen Bedingungen angepasst hat. Er stellt in einer Foto-Collage in einem norddeutschen Birkenwäldchen eine Werbetafel mit diesem Text auf und positioniert daneben die rote Figur eines Menschen, der wie Phoenix aus der Asche aufsteht, voller Tatendrang. In der Asche (?), in der die Figur zu stehen scheint, liegt ein Holzkreuz, ein Motiv, das in seinen Arbeiten immer wieder auftaucht und das, wie er in einer anderen Arbeit zeigt, für ihn das Kreuz darstellt, das er auf sich nehmen musste, das ihm aber keine Wege versperrt hat, wie andere Bilder nahelegen. Das Kreuz, das Wege versperrt oder Zutritt verweigert, wird zur Herausforderung, Neues zu wagen.
In vielen seiner Bilder spiegelt sich diese zwischen Ironie, Selbst(über)schätzung und aufmerksamer, empathischer Beobachtung angesiedelte Haltung, die allerdings keine „Ich-mache-das-mit-links“-Nonchalance versprühen, wohl aber eine intensive Auseinandersetzung, mit der Welt, ja Suche nach der Möglichkeit, sie zu fassen. Für einen Moment. So wie der knallrote „Kampfstier“ (es zeugt von großem Willen und großem handwerklichen Geschick, diese Figur einhändig zu schaffen!), der entschlossen, aber auch abwarten könnend auftritt.

Ironische Selbstbespiegelung 

 Seine kleine Arbeit „Für diesen Tag bin ich alt genug – ich gehe jetzt ins Bett“ ist vielleicht typisch für Linkshänders Arbeiten, die auch durchaus humorvoll sind: Ein Kopf ist zu sehen, ein gelb-orangefarbener Umriss auf dunklem Grund, der den Betrachter anschaut, ein wenig spöttisch, eine Reaktion fordernd. Und die stellt sich ein, denn man kann sich gut in diese alltägliche Situation hineindenken!
Überhaupt bieten Heini Linkshänders Bilder und Plastiken viele Anknüpfungspunkte für die Betrachter. Den Beuysschen Einfluss spürt man wie auch den Einfluss seiner Wahlheimat Worpswede. Da sind zum Beispiel die Bilder, die man von dort erwartet: Weite Landschaft, erd- und moorfarbene Welt, ohne bunt-fröhlichen Optimismus. Toll, wie er, der Mensch aus dem Berchtesgadener Land, die Weite der norddeutschen Landschaft einfängt und die Begegnung von Himmel, Erde oder Meer zelebriert. Den Menschen setzt er in dieses Niemandsland an der Schnittstelle der „Elemente“. Vermutlich ist diese Schnittstelle der Bereich, in dem „etwas“ passiert!
Die Beuyssche Arbeitsweise deutet sich an, wenn er die „Erdbewohner“ (Vater, Mutter, Kind, in einem Stil, der entfernt an die Darstellung ursprünglich lebender Menschen erinnert) zeigt, auf einer benutzten Versandtasche. Die erinnert an die verschiedenen Arten der Kommunikation, mit der die Welt, auf der die Frau steht, „bewegt“ wird.

Beuysscher Einfluss spürbar

Einen politischen, aber auch individuellen Kontext scheint das Bild „Schweigen ringsrum“ zu haben. Viele Dreiecke, die an die Warnzeichen für radioaktive Strahlung erinnern, sind auf der gelben Fläche verteilt, dazwischen geht eine Frau. Sie geht ihren Weg alleine, ihre Umgebung kommuniziert mit ihr (über die Warnzeichen), aber entwickelt kein Gespräch. Ihren Weg muss sie alleine finden! „Schweigen ringsrum“: Ist das gut? Schlecht? oder ist es einfach so?
Und wie kommen die Arbeiten von Heini Linkshänder nach Freudenberg? Das liegt an Dieter Siebel vom Vorstand des 4Fachwerk-Mittendrin-Museumsvereins. Siebel fährt seit 30 Jahren regelmäßig nach Worpswede, wie er der SZ-Kulturredaktion erzählt, und hat dort Heini Linkshänder in einer Ausstellung in der Worpsweder Kunsthalle von Friedrich Netzel gesehen. Sein Interesse an den Arbeiten Linkshänders wurde von den Verantwortlichen so positiv aufgenommen, dass sie den Freudenbergern die 56 (selbst ausgesuchten) Bilder für die Ausstellung ausliehen. Die rührigen Mitglieder des 4Fachwerk-Teams haben ein vielfältiges Begleitprogramm auf die Beine gestellt, mit Broschüre, großer Vernissage im Rathaus, Besuch der Verantwortlichen aus Worpswede und auch von Jürgen Straßer, dem Sohn des Künstlers und Fotografen („Eine Idee von Landschaft“), dem Film „Paula“ und anderem. Das meiste davon ist nun wegen des Coronavirus hinfällig. Führungen soll es aber auf jeden Fall geben, wenn es wieder möglich ist. Informationen dazu bei Dieter Siebel unter Tel. (0 27 34) 72 23 oder per Mail: dieter.siebel@web.de.

Autor:

Dr. Gunhild Müller-Zimmermann (Redakteurin) aus Siegen

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