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Urteil im Prozess um Messer-Attacke in Freudenberg
Angeklagter muss in die Psychiatrie

Im Bereich des Freudenberger Hit-Marktes verletzte im Oktober 2018 ein junger Mann einen Kontrahenten mit Messerstichen schwer.
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  • Im Bereich des Freudenberger Hit-Marktes verletzte im Oktober 2018 ein junger Mann einen Kontrahenten mit Messerstichen schwer.
  • Foto: kalle (Archiv)
  • hochgeladen von Christian Schwermer (Redakteur)

cs Siegen/Freudenberg. Während der Urteilsverkündung legte der junge Freudenberger immer wieder seinen Kopf auf den auf dem Tisch verschränkten Armen ab, verharrte während der Ausführungen von Vorsitzender Richterin Elfriede Dreisbach dann nahezu regungslos in dieser Position. „Wir wissen, dass es ein hartes Urteil für sie ist“, wandte sich die Juristin am Ende ihrer knapp einstündigen Erklärungen direkt an den 25-Jährigen, „aber wir sehen keine andere Möglichkeit für Sie“. Dass der Angeklagte wegen räuberischen Diebstahls, Sachbeschädigung und gefährlicher Körperverletzung zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von einem Jahr und sechs Monaten verurteilt wurde, geriet da fast schon in den Hintergrund. Denn die 1.

cs Siegen/Freudenberg. Während der Urteilsverkündung legte der junge Freudenberger immer wieder seinen Kopf auf den auf dem Tisch verschränkten Armen ab, verharrte während der Ausführungen von Vorsitzender Richterin Elfriede Dreisbach dann nahezu regungslos in dieser Position. „Wir wissen, dass es ein hartes Urteil für sie ist“, wandte sich die Juristin am Ende ihrer knapp einstündigen Erklärungen direkt an den 25-Jährigen, „aber wir sehen keine andere Möglichkeit für Sie“. Dass der Angeklagte wegen räuberischen Diebstahls, Sachbeschädigung und gefährlicher Körperverletzung zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von einem Jahr und sechs Monaten verurteilt wurde, geriet da fast schon in den Hintergrund. Denn die 1. große Strafkammer des Siegener Landgerichts ordnete die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus an – eine schwerwiegende, weil zeitlich unbegrenzte Maßnahme.

Während der Messer-Attacke schuldunfähig

Die Kammer kam zu dem Schluss, dass der Siegerländer die Tat am 13. Oktober 2018 im Zustand der Schuldunfähigkeit begangen hat und sprach ihn diesbezüglich entsprechend frei. Damals suchte ihn ein 28-jähriger im Bereich des Hit-Parkdecks in Freudenberg auf, weil er den Angeklagten wegen des Nachstellens seiner Lebensgefährtin zur Rede stellen wollte. Durchaus habe das Opfer dem Angeklagten Angst machen wollen, meinte Elfriede Dreisbach, eine körperliche Auseinandersetzung sei aber keinesfalls sein Ziel gewesen. Schließlich sei ihm der Angeklagte körperlich überlegen, zudem habe er keine Waffe bei sich getragen und sei von keinen Unterstützern begleitet gewesen. Den Ausführungen der Verteidigung, die das Handeln ihres Mandanten als Notwehr darzustellen versuchte, folgte die Richterin somit nicht. „Krankheitsbedingt hat der Angeklagte die Situation völlig missgedeutet und als körperlichen Angriff auf sich gewertet“, führte die Richterin aus.

Stiche mit "großer Wucht" in den Oberkörper

So habe der Freudenberger zum langen Brotmesser gegriffen, dass er öfter mit sich geführt habe, der 28-Jährige habe dies erst registriert, als sich die Stichwaffe bereits unmittelbar vor seinem Körper befand. Instinktiv griff das Opfer in die Klinge; als der Angeklagte das Messer wegzog, fügte er seinem Kontrahenten schwere Schnittverletzungen an der Hand zu. Im Zuge der folgenden Rangelei habe der 25-Jährige mindestens zweimal „mit großer Wucht“ in den Oberkörper des Opfers gestochen, wodurch lebensbedrohliche Verletzungen entstanden seien. Zwei weitere Hiebe seien glücklicherweise in der Jacke des Opfers „hängengeblieben“. Nach einem kurzen Irrlauf durch die Freudenberger Innenstadt sei der Angeklagte im Bereich der Wohnung der Mutter schließlich festgenommen worden.

Weitere Straftaten gerieten (fast) in den Hintergrund

Verurteilt wurde der 25-Jährige wegen eines Ladendiebstahls, den er im September 2017 in einer Siegener Lidl-Filiale begangen hatte – er stahl zwei Dosen Bier, zwei Flaschen Wodka und Kefir, wurde dabei erwischt und versuchte, einem Mitarbeiter Faustschläge ins Gesicht zu verpassen. Der Sachbeschädigung hatte sich der Siegerländer schuldig gemacht, als er im Sommer 2018 das Firmentor des Vaters beschmierte. Kurze Zeit später hatte der Angeklagte einem anderen jungen Mann mit einem Stein eine Kopfverletzung zugefügt, was die Kammer als gefährliche Körperverletzung wertete.

"So hat er überhaupt keine Perspektive"

Elfriede Dreisbach zeichnete eine traurige Biografie nach, etwa seit seinem 14. Lebensjahr habe der Angeklagte nahezu durchgängig Betäubungsmittel konsumiert – alle Versuche der geschiedenen Eltern, ihren Sohn von einem redlichen Lebensweg zu überzeugen, seien gescheitert. Vor etwa anderthalb Jahren habe die Mutter dann schizophrene Züge festgestellt. Schließlich regten die Eltern eine Betreuung für ihren Sprössling an.  „Er ist eigentlich ein junger Mann, der jetzt gerade am Anfang seines beruflichen Werdegangs stehen müsste“, meinte die Richterin über den vorbestraften und zuletzt von Harzt IV lebenden Siegerländer, der zwar den Realschulabschluss geschafft, jedoch zwei begonnene Berufsausbildungen abgebrochen hatte. „Aber so hat er überhaupt keine Perspektive.“ Dennoch: Nach einer erfolgreichen Behandlung bestehe die „große Chance, dass er ein sozial angepasstes Leben führen kann“.

Unterbringung in Entziehungsanstalt kam nicht infrage

Eine zeitlich begrenzte Unterbringung in einer Entziehungsanstalt sei nicht infrage gekommen. „Der Drogenkonsum mag zum Ausbruch der psychischen Krankheit geführt haben, aber diese steht nun alleine da“, erklärte die Richterin. Denn der Angeklagte befinde sich seit Oktober 2018 im Vollzug und konsumiere keine verbotenen Substanzen mehr, seine psychotischen Zustände bestünden jedoch weiterhin. Juristisch stellt die Einweisung in die Psychiatrie die wesentlich gravierendere Maßnahme dar. Elfriede Dreisbachs dringender Appell an den 25-Jährigen: „Begreifen Sie das bitte als Chance.“ Man hoffe, dass er sich behandeln lasse – und in einigen Jahren ein normales Leben führen könne.

Autor:

Christian Schwermer (Redakteur) aus Siegen

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