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Corona bringt das Fass zum Überlaufen
Buchhändler Tillmann Flender aus Freudenberg macht dicht

Tillmann Flender wird seinen Freudenberger Buchladen Ende März nach 19 Jahren für immer schließen. Er berichtet über strukturelle Probleme in der Branche, die es „kleinen“ Händlern wie ihm immer schwerer machen. Die Corona-Pandemie war dann der sprichwörtliche Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.
  • Tillmann Flender wird seinen Freudenberger Buchladen Ende März nach 19 Jahren für immer schließen. Er berichtet über strukturelle Probleme in der Branche, die es „kleinen“ Händlern wie ihm immer schwerer machen. Die Corona-Pandemie war dann der sprichwörtliche Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.
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  • hochgeladen von Christian Schwermer (Redakteur)

nja Freudenberg. „Manchmal ist es an der Zeit, ein altes Buch zu schließen. Es bringt nichts, die Kapitel wieder und wieder zu lesen. Sie ändern sich nämlich nicht. Und es gibt so viele andere tolle Bücher.“ Aufbruch, aber auch Resignation schwingen in diesen Zeilen mit, in denen Tillmann Flender über die nahende Schließung seiner Buchhandlung an der Färberstraße im Alten Flecken in Freudenberg informiert. „Die Entwicklungen der vergangenen Monate lassen uns leider keine andere Wahl“, sagt er und ist natürlich traurig.

Der Plural ist mit Beda

nja Freudenberg. „Manchmal ist es an der Zeit, ein altes Buch zu schließen. Es bringt nichts, die Kapitel wieder und wieder zu lesen. Sie ändern sich nämlich nicht. Und es gibt so viele andere tolle Bücher.“ Aufbruch, aber auch Resignation schwingen in diesen Zeilen mit, in denen Tillmann Flender über die nahende Schließung seiner Buchhandlung an der Färberstraße im Alten Flecken in Freudenberg informiert. „Die Entwicklungen der vergangenen Monate lassen uns leider keine andere Wahl“, sagt er und ist natürlich traurig.

Der Plural ist mit Bedacht gewählt: Es ist nicht allein die Pandemie mit ihren Lockdowns und Abstandsregeln, die nach 19 Jahren das Aus für „Bücher Flender“ bedeutet. „Aber Corona war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat.“ Ende März wird das letzte Buch bildlich gesprochen zugeschlagen. Damit verliert Freudenberg seinen einzigen alleinigen Buchhandel.

Online-Riesen wie Amazon nehmen dem Buchhandel die Kunden weg

Die Regalreihen lichten sich derweil in dem Geschäft am Fuße der Altstadt, bestellt wird nur noch nach Bedarf. Kunden rufen an, mailen ihre Wünsche, lassen sie sich zuschicken oder holen sie ab. Das geschieht während des SZ-Gesprächs mehrfach. Und immer wieder drücken die Kunden ihr Bedauern aus. Was also bewegt Tillmann Flender dazu, seine Selbstständigkeit an den Nagel zu hängen? Er spricht von strukturellen Problemen in der Branche, die kleine Händler wie ihn treffen. Dass Online-Riesen wie Amazon nicht erst in der Pandemie Kunden abfangen – hier spielt auch die Bindung durch den E-Book-Reader eine Rolle –, ist kein Geheimnis. Schön sei es, dass er dennoch viele sehr treue Stammkunden mit Lektüre versorgen dürfe, freut er sich.

Geschäft mit Schulbüchern wird wohl komplett wegbrechen

„Die Buchpreis-Bindung in Deutschland ist Fluch und Segen zugleich“, sagt Flender. „Ein Bäcker kann entscheiden: Die Getreidepreise sind gestiegen – daher werden meine Brötchen teurer. Der Handwerker stellt eine Anfahrtspauschale in Rechnung. Die Gewinnmargen für uns Buchhändler sind eh schon überschaubar. Wenn Kosten z. B. für den Transport steigen, geht das nochmal von unserem Gewinn ab.“ Früher schauten Verlagsvertreter beim ihm persönlich für Beratungsgespräche vorbei, „konnten wir Bücher antesten – und gegebenenfalls zurückgeben. Das Thema ist weitgehend durch.“ Stichwort Schulbücher: Hier habe er immer sehr gut mit den örtlichen Schulen kooperiert. Das Preisbindungsgesetz aber schreibe vor, dass er Rabatte bis zu 15 Prozent an die Schulen weitergeben müsse. „Mit Glück bleiben dann 5 Prozent bei uns hängen.“ Im Zuge der Digitalisierung werde der Schulbuchsektor über kurz oder lang wahrscheinlich eh wegbrechen.

"Der kleine Einzelhandel lässt besonders viele Federn"

Im Frühjahr 2020 beantragte er Soforthilfe. Wie viel er davon zurückzahlen müsse, bleibe abzuwarten. Um die aktuellen Überbrückungshilfen bewirbt sich Flender nicht: Der Aufwand – u. a. die Beauftragung eines Steuerberaters, das Vorlegen von Zwischenbilanzen – stehe in keiner gesunden Relation zu den eventuellen Auszahlungen. Der Lockdown vor Weihnachten allein habe ihn einen Monatsumsatz gekostet.
Die Öffnung im Sommer und Herbst war zwar willkommen, aber die normalen Umsätze blieben aus. „Die Freilichtbühne mit jährlich rund 50.000 Besuchern beschert uns immer Busladungen voller Tagestouristen, die auch bummeln und shoppen. Das fehlte ebenso wie die zig tausend Besucher von Frühlings- und Herbstmarkt.“ Lesungen, Kooperationen mit Schulen und Kitas, all dies ruht schon länger und bis auf Weiteres. Die Abstands- und Hygieneregeln bescherten zudem keine Bummel-Atmosphäre. Es gebe aber auch ein Strukturproblem: „Seitdem gegenüber Schlecker ausgezogen ist, steht der Laden leer. In meinen ersten Jahren hier gab es am Wochenmarkt 30 Stände, heute sind es eine handvoll.“ Vergebens habe er sich um ein Shop-im-Shop-Modell, also die Kooperation mit einer weiteren Branche, bemüht.
Tillmann Flender schaut sich nun nach einem neuen Job in der Branche um, er möchte seine Begeisterung und Ideen weiterhin einbringen. Hätte er auch ohne die Pandemie das Handtuch geworfen? „Dann hätte ich vielleicht noch andere Handlungsspielräume gehabt“, sagt er. „Der kleine Einzelhandel aber lässt derzeit besonders viele Federn.“

Autor:

Anja Bieler-Barth (Redakteurin) aus Siegen

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