Dorfbotschafter in Freudenberg
"Das Projekt ist gestorben"

„Willkommen in Lindenberg“ – der Flyer für den Freudenberger Ortsteil ist aufwändig gestaltet und enthält viele Informationen rund um Einkaufsmöglichkeiten und Freizeitgestaltung, dazu wertvolle Kontaktdaten. Solche Steckbriefe sollten ein Puzzlestück des Projektes der Dorfbotschafter sein – die Bilanz ist jedoch ernüchternd.
  • „Willkommen in Lindenberg“ – der Flyer für den Freudenberger Ortsteil ist aufwändig gestaltet und enthält viele Informationen rund um Einkaufsmöglichkeiten und Freizeitgestaltung, dazu wertvolle Kontaktdaten. Solche Steckbriefe sollten ein Puzzlestück des Projektes der Dorfbotschafter sein – die Bilanz ist jedoch ernüchternd.
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cs Lindenberg/Freudenberg. Groß waren die Erwartungen, als vor gut vier Jahren das Projekt der Dorfbotschafter in Freudenberg startete. Die Stadt diente damals als Modellkommune für diese besondere Willkommensaktion, die gemeinsam mit dem Kreis und der Südwestfalen-Agentur ins Leben gerufen wurde. Die Idee dahinter: In jedem Ortsteil wird ein ehrenamtlicher Botschafter eingesetzt, der sich als Brückenbauer mit „Neuzugängen“ – ganz gleich, ob es sich dabei um Flüchtlinge oder Bürger aus anderen Kommunen handelt – auf den Dörfern zusammensetzt und bei der Integration sowie beim Einleben hilft. Überreicht werden sollten etwa Informationsflyer, Broschüren und auch Wertgutscheine der örtlichen Vereine oder des Einzelhandels.

Lothar Schlemper zieht ernüchternde Bilanz

Für Lindenberg meldete sich seinerzeit voller Elan Lothar Schlemper als Dorfbotschafter – und zieht nach vier Jahren eine ernüchternde Bilanz. So gut wie keine Resonanz habe das Angebot erfahren, lediglich ganz zu Beginn habe es ein Treffen mit einer jungen Frau gegeben. „Für mich ist das Projekt gestorben“, stellt der 71-Jährige jetzt nüchtern fest. Das sagt der Ruheständler ganz ohne Groll, Vorwürfe möchte Lothar Schlemper nicht erheben. Es sei zwar schade gewesen, dass seitens der Stadtverwaltung lediglich ganz zu Beginn des Projektes ein Treffen initiiert worden sei, um alle Dorfbotschafter an einen Tisch zu bringen. Einen wirklichen Austausch untereinander hätte es in den Folgejahren nur auf privater Ebene gegeben. „Das war schon ein bisschen dürftig“, stellt der Ruheständler fest, vermutet jedoch andere Gründe für das Scheitern des Projektes: „Die Leute möchten vielleicht nicht gegängelt werden, viele auch einfach für sich alleine bleiben.“ Insgesamt habe sich die Gesellschaft auf den Dörfern in der Vergangenheit gewandelt. Die Zeiten, in denen auf dem Land jeder jeden kannte und man besonders zu seinen Nachbarn ganz selbstverständlich ein enges, persönliches Verhältnis aufbaute, scheinen vorbei zu sein. Lothar Schlemper: „Das ist irgendwo traurig und schade.“

"Werden keine weitere Energie dort hinein legen"

Dass der „Service nicht wie erwartet angefragt“ werde und man sich eine andere Nachfrage erhofft habe, stellt auch Viktoria Höfer fest. „Das Angebot bleibt wie beschrieben bestehen“, sagt die Bürgerbeauftragte der Stadt Freudenberg im SZ-Gespräch weiter, „aber wir werden keine weitere Energie dort hinein legen.“ Melden sich Neuankömmlinge im Bürgerbüro an, erhalten diese einen entsprechenden Hinweis auf das Projekt. Nach einer Einverständniserklärung – in Zeiten des ausufernden Datenschutzes natürlich ein Muss – werden die Kontaktdaten an den Ortsvorsteher weitergegeben, der sodann den Kontakt zu den Dorfbotschaftern herstellt. Zumindest in der Theorie. Viktoria Höfer: „Aus dem Bürgerbüro kommt das Feedback, dass die Leute es sehr positiv aufnehmen, dass es ein solches Angebot überhaupt gibt.“ Dennoch: Die erhoffte Resonanz blieb aus.

"Das Angebot hat eine gute Außenwirkung"

Saskia Haardt-Cerff von der Südwestfalen-Agentur kommt auf SZ-Anfrage zu einer ähnlichen Bilanz: „Das Angebot hat eine gute Außenwirkung und wird als Service anerkannt, allerdings nicht sehr stark in Anspruch genommen“, resümiert sie und meint: „Das kann verschiedene Gründe haben: Bei Neubürgerinnen und Neubürgern handelt es sich ja auch um Partner, die zuziehen, um Rückkehrer oder auch Bürger aus Nachbarkommunen. Und es zeigt auch, dass gerade das Ankommen in kleineren Strukturen über Vereine, Feste und Freizeitaktivitäten gut funktioniert.“ Dennoch bleibe das „Willkommen-heißen“ in der Region ein großes Thema – auch mit Hinblick auf die Sicherung von Fachkräften. Hier könnten Dorfbotschafter weiterhin ein Baustein sein. Haardt-Cerff: „Die Südwestfalen Agentur lädt seit 2014 regelmäßig Vertreter von Stadtmarketing und Wirtschaftsförderung aus allen südwestfälischen Kommunen ein, um gemeinsam Erfahrungen darüber auszutauschen, wie Neubürger bestmöglich in der Region willkommen geheißen werden können. Daraus entstand die ,Qualitätsoffensive Willkommen in Südwestfalen’“. Dabei sei etwa die kürzlich erschienene Broschüre „Entdecke Südwestfalen – 59 Highlights aus der Region“ entstanden.

Keine Langeweile bei Lothar Schlemper

Langeweile dürfte bei Lothar Schlemper indes dennoch nicht aufkommen. Der umtriebige Ruheständler ist nach wie vor als Ortsheimatpfleger aktiv, greift in privater Eigeninitiative Flüchtlingsfamilien unter die Arme und ist bei diversen „Seniorenarbeiten“ in Lindenberg mit dabei. Und sollte doch einmal als Dorfbotschafter nach dem 71-Jährigen verlangt werden, steht er mit Rat und Tat zur Seite.

Autor:

Christian Schwermer (Redakteur) aus Siegen

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