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Christine Killies ging mit 16 ins Diakonissenhaus
Ein Leben in der Schwesternschaft

Schwester Christine ist eine von 36 Diakonissen, die im Freudenberger Friedenshort leben.
  • Schwester Christine ist eine von 36 Diakonissen, die im Freudenberger Friedenshort leben.
  • Foto: Sarah Panthel
  • hochgeladen von Alexander W. Weiß (Redakteur)

sp Freudenberg. Auf der Insel Rügen, damals DDR, ist sie mit vier Geschwistern aufgewachsen, die Mutter war Hausfrau, der Vater Landwirt. Christine Killies war 16 Jahre alt, als sie ihr Elternhaus verließ und in das Diakonissenhaus Friedenshort in Heiligengrabe (Brandenburg) ging, um dort ihre Ausbildung als Erzieherin zu beginnen. Die Entscheidung, in ein Haus zu gehen, dessen Basis der christliche Glaube ist, traf sie bewusst. „Es gibt einen Gott, den will ich nicht missen in meinem Leben“, das habe sie schon früh für sich festgestellt.
Im Diakonissenhaus angekommen, half sie erst einmal vier Wochen im Garten aus. Aber sie fühlte sich wohl bei den Schwestern, und das Praxisjahr im Kindergarten bildete den Grundstock für ihre weitere Arbeit.

sp Freudenberg. Auf der Insel Rügen, damals DDR, ist sie mit vier Geschwistern aufgewachsen, die Mutter war Hausfrau, der Vater Landwirt. Christine Killies war 16 Jahre alt, als sie ihr Elternhaus verließ und in das Diakonissenhaus Friedenshort in Heiligengrabe (Brandenburg) ging, um dort ihre Ausbildung als Erzieherin zu beginnen. Die Entscheidung, in ein Haus zu gehen, dessen Basis der christliche Glaube ist, traf sie bewusst. „Es gibt einen Gott, den will ich nicht missen in meinem Leben“, das habe sie schon früh für sich festgestellt.
Im Diakonissenhaus angekommen, half sie erst einmal vier Wochen im Garten aus. Aber sie fühlte sich wohl bei den Schwestern, und das Praxisjahr im Kindergarten bildete den Grundstock für ihre weitere Arbeit. Erst in Heiligengrabe sei sie wirklich zum Glauben gekommen: „Es gibt einen Gott, der hat einen Weg für mich und wenn ich auf dem bleibe, ist das richtig und gut.“

Keine leichtfertige Entscheidung

Sie wusste, sie will Diakonisse werden. „Es war eine Entscheidung, die man nicht leichtfertig getroffen hat. Und das jetzt den Eltern beizubringen, das war die Schwierigkeit.“ Ihr Vater sei immer stolz auf sie gewesen („Aus ihr soll mal was werden“). Die Ernüchterung war groß, er sagte zu ihr: „Du kannst alles machen, auch einen Pastor heiraten, aber das mach nicht.“ Um ins Diakonissenhaus einzutreten, hätte sie die Einwilligung der Eltern gebraucht, sie gaben sie nicht, die Schwestern nahmen sie dennoch auf. Kurz vor ihrem 18. Lebensjahr trat sie ein. 
Sie wurde in verschiedene Einrichtungen des Friedenshorts in Deutschland geschickt, machte eine Ausbildung als Altenpflegerin und übernahm 1985 eine Gruppe in einem Kinderheim des Friedenshorts in Heiligengrabe. „Das war eine Zeit, die mich sehr erfüllt hat, weil ich Liebe und Geborgenheit weitergeben konnte“, sagt sie, während ihre Augen anfangen zu strahlen. Noch heute hält sie Kontakt zu den Kindern, die damals mit ihr gemeinsam in der „Tannenzweig-Gruppe“ lebten.

„Diese Frauen sind nicht zu haben“

Heute lebt die 67-Jährige im Friedenshort in Freudenberg, hier führt sie auch das Gespräch mit der SZ. Als Diakonisse ist sie schnell zu erkennen. Ihre Haare sind zum Teil mit einer weißen Haube bedeckt, sie trägt ein weites schwarz-graues Kleid. Auffällig glänzt ein goldener Ring an ihrem Finger. Den trägt sie aber nicht, weil sie verheiratet ist, sondern als Zeichen der Verbundenheit mit Gott und ihren Schwestern. Die Tracht, die sie trägt, ist angelehnt an die verheirateter Frauen in Oberschlesien im 18./19. Jahrhundert, wo sich das Mutterhaus der Diakonissen befand. Ein Zeichen für die Männer, sagt Schwester Christine, „diese Frauen sind nicht zu haben“.

Im Urlaub „zivile“ Kleidung

Bevor eine Frau als Diakonisse eingesegnet wird, ist sie ein Jahr Diakonissenschülerin, ein bis zwei Jahre Probeschwester und etwa acht Jahre Novizin. Mit der Entscheidung ändert sich nicht nur die Kleidung, sondern sie verzichtet auch auf eine Partnerschaft und Ehe. Und: „Wir bekommen kein Gehalt, wir bekommen ein Taschengeld.“ Dafür werden die Frauen ihr Leben lang versorgt. Vier Wochen Urlaub im Jahr stehen ihnen zu – dann tragen sie auch „zivile“ Kleidung. Die Frauen verpflichten sich für ein Leben in Gemeinschaft, helfen sich und anderen. Regeln sollen für ein gutes Miteinander, sorgen, beispielsweise wird morgens und abends miteinander gebetet. Zum Leben einer Diakonisse gehört Gehorsam, erklärt Schwester Christine. Wenn man irgendwo gebraucht werde, dann müsse man bereit sein, dorthin zu gehen. Für sie selbst sei es schwierig gewesen, von Heiligengrabe ins Siegerland zu gehen. „Es war kein leichter Schritt.“ 2001 wurde sie im Friedenshort Freudenberg Oberin und kümmerte sich damit um die Belange der Schwestern. Es dauerte nicht lange, bis sie sich auch hier zu Hause fühlte.

Es mangelt an jungen Frauen

Die Kleidung, die Ehelosigkeit, das Leben in Gemeinschaft, das alles erinnert an ein Leben im Kloster. Worin liegt der Unterschied? Es sei sehr schwierig, wieder aus einem Orden auszutreten, erklärt Schwester Christine. Die Entscheidung für ein Kloster sei sehr absolut. Bei den Diakonissenhäusern habe man die Möglichkeit zu gehen. Diese Freiheit habe sie immer geschätzt, das Gefühl, kein schlechtes Gewissen zu haben, dass man Gott untreu werde. Ausstiege habe es hin und wieder gegeben, zum Beispiel, wenn die Zusammenarbeit mit einem Krankenhaus aufgelöst wurde, die Frauen aber dennoch weiterhin als Krankenschwestern dort arbeiten wollten oder auch, wenn eine Diakonisse einen Mann kennengelernt hat. Lachend erzählt Schwester Christine, dass auch Mutter Eva, die Gründerin der Friedenshort-Schwesternschaft, gerne Ehen gestiftet habe.
Schwester Christine bedauert, dass sich heute kaum noch junge Frauen dafür entscheiden, einer Schwesternschaft beizutreten. „Wir haben viel darum gebetet, dass junge Frauen kommen.“ Man habe sich die Frage gestellt, warum das nicht eingetreten sei. Schwester Christine kam zu der Erkenntnis: „Gott will was Neues machen.“ Das Leben als Diakonisse sei heute vielleicht nicht mehr zeitgemäß: „Es gibt so viele Möglichkeiten für junge Frauen, sich einzubringen.“ Und: „Es ist ein Stück Bindung, man bindet sich an ein Werk, an eine Schwesternschaft, das will man heute nicht mehr.“ Schwester Christine sagt, dass sie nichts bereut oder vermisst habe: „Ich würde es genau so wieder machen.“ Das heiße nicht, dass es nicht auch Schwierigkeiten gegeben habe, aber „das sind Dinge, die vergehen wieder“.

Der Friedenshort Eva von Tiele-Winckler begann 1890 im ersten „Haus Friedenshort“ in Miechowitz/Oberschlesien mit ihrer sozial-diakonischen Arbeit für Menschen mit Behinderung, pflegebedürftige Senioren sowie heimatlose Kinder und Jugendliche. 1892 gründete sie die Friedenshort-Schwesternschaft. Seit 1957 befindet sich nach einer Geschichte mit Flucht und Vertreibung das Mutterhaus in Freudenberg. In der Stiftung Diakonissenhaus Friedenshort sind mittlerweile rund 1400 Mitarbeiter deutschlandweit angestellt. Die Stiftung hat gemeinsam mit zwei Tochtergesellschaften rund 170 Einrichtungen in Deutschland mit den Arbeitsfeldern Jugend-, Behinderten- und Altenhilfe. Die Diakonissen unterstützen diese Arbeit mittlerweile in anderer Form: Sie begleiten die Mitarbeiter, nehmen Anteil an ihren Aufgaben und halten Fürbitte. Als Schwester Christine 2001 als Oberin im Freudenberger Diakonissenhaus ihre Arbeit begann, waren dort rund 130 Diakonissen tätig. Heute leben dort noch 36 Schwestern, die sich fast alle im Ruhestand befinden und ihren Lebensabend in der Gemeinschaft verbringen. Sie verfügen über eigene Wohnungen oder leben im Pflegewohnbereich, der sich ebenfalls auf dem Gelände befindet. Die jüngste Schwester ist 61 Jahre alt. Demnächst wird eine weitere von der Insel Juist kommen, dann befinden sich alle Friedenshort-Diakonissen im Mutterhaus in Freudenberg. Neueintritte von Frauen gibt es nicht mehr. Das wäre auch sehr schwierig, sagt Schwester Christine, einfach weil der Altersunterschied zu groß sei. Offen aber sei man für eine diakonische Gemeinschaft von Frauen und Männern, sagt Schwester Christine. Es sei ein Traum, dass damit das geistliche Leben im Friedenshort erhalten bleibe.
Autor:

Sarah Panthel (Redakteurin) aus Siegen

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