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Bundestagsbeschluss Bio-Hühnerhalter in Bedrängnis
Für jedes Huhn ein Hahn

Frank Ohrndorf ist einer der schärfsten Kritiker der Gesetzesnovellierung. Er wird die neuen Auflagen nicht umsetzen können.
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  • Frank Ohrndorf ist einer der schärfsten Kritiker der Gesetzesnovellierung. Er wird die neuen Auflagen nicht umsetzen können.
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goeb Bühl. Als Meilenstein im Tierschutz bezeichnet Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner das Tötungsverbot für männliche Hühnerküken in der Legehennenzucht, über das der Bundestag am Donnerstagabend nach langer Vorgeschichte abgestimmt hat. Das massenhafte Töten der Küken mit dem falschen Chromosomensatz soll Anfang nächsten Jahres aufhören .

Weniger als Meilenstein, denn vielmehr als „Klotz am Bein“ beargwöhnen heimische Hühnerhalter, die davon leben, den Beschluss. Zwar heißen auch sie das Töten von 40 Millionen Jungtieren jedes Jahr keineswegs gut, sie sehen die Gesetzesnovellierung aber vielfach als nicht durchdacht an und sprechen von einer Verlagerung der Probleme.

goeb Bühl. Als Meilenstein im Tierschutz bezeichnet Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner das Tötungsverbot für männliche Hühnerküken in der Legehennenzucht, über das der Bundestag am Donnerstagabend nach langer Vorgeschichte abgestimmt hat. Das massenhafte Töten der Küken mit dem falschen Chromosomensatz soll Anfang nächsten Jahres aufhören .

Weniger als Meilenstein, denn vielmehr als „Klotz am Bein“ beargwöhnen heimische Hühnerhalter, die davon leben, den Beschluss. Zwar heißen auch sie das Töten von 40 Millionen Jungtieren jedes Jahr keineswegs gut, sie sehen die Gesetzesnovellierung aber vielfach als nicht durchdacht an und sprechen von einer Verlagerung der Probleme. Unmittelbar betroffen mit der Aufzucht, darauf weist Barbara Kruse vom Landwirtschaftlichen Kreisverband Siegen-Wittgenstein hin, seien die hiesigen Hühnerbetriebe zwar nicht, weil es bei uns keine Brütereien gibt. „Mittelbar aber sehr wohl.“

"Ich garantiere jetzt schon,
dass es einen totalen Preisverfall
durch diese Tiermassen kommen wird.
Und die gehen, jede Wette,
dann zu Dumping-Preisen in Drittländer wie Afrika."

Frank Ohrndorf
Bio-Bauer aus Bühl

Einer der schärfsten Kritiker ist Frank Ohrndorf, Mitbetreiber des Biohofs Ohrndorf in Bühl. Der zum „Bio Kreis NRW“ zählende Hof (u.a. Hühner) ist wie viele Biohöfe, die unter einem Verbandsdach und damit unter strengen ökologischen Auflagen arbeiten, demnächst verpflichtet, für jedes Huhn auf dem Hof einen Hahn zu halten. „Theoretisch müssten wir also 2000 Hähne halten“, sagt er kopfschüttelnd. Praktisch wird er das nicht tun, das kann er gar nicht, weil der Platz dafür nicht vorhanden ist und auch nicht das Futter.

Geschreddert bei Küken schon lange nicht mehr

Wie viele andere, wird er die Junghähne woanders mästen lassen, in Bayern oder Rheinland-Pfalz. Auf dem Hof halten die Ohrndorfs neben den fleißig Eier legenden Hennen noch Masthähnchen. Um die geht es aber nicht: Es sind die Massen an sogenannten Puterhähnchen, die jetzt fremdgepäppelt werden müssen, und zwar 18 Wochen lang, bis sie mindestens 1500 Gramm Gewicht haben, um dann in Großschlachtereien in die Begasung zu kommen. Geschreddert wird laut Ohrndorf bei den Küken schon lange nicht mehr. Die Päppelhähne erwartet also ebenfalls das Messer – nur eben später.

Glaubt man Ohrndorf, dann rollen auf die Biobetriebe jetzt enorme Kosten zu. Die Puterhähnchen in Lohnmast verbrauchen deutlich mehr Futter. „Wir hoffen, dass wir sie dann in Form von Produkten bei uns werden verkaufen können“, sagt Ohrndorf. Sicher sei das aber nicht. Zu den vielen, vielen Unwägbarkeiten, die er nun heraufdämmern sieht, zählt der Biobauer die Millionen von Hähnchen, die nächstes Jahr den Markt überschwemmen werden.

Noch ist der Hahn alleine im Korb. Doch das soll sich auf den Höfen bald ändern. Auf jedes Huhn soll dann ein Hahn kommen.
  • Noch ist der Hahn alleine im Korb. Doch das soll sich auf den Höfen bald ändern. Auf jedes Huhn soll dann ein Hahn kommen.
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„Erstens weiß niemand, wo das Futter herkommen soll“, gibt er zu bedenken, etwa das eiweißliefernde Bio-Soja oder die Erbsen. „Ich garantiere jetzt schon, dass es einen totalen Preisverfall durch diese Tiermassen kommen wird. Und die gehen, jede Wette, dann zu Dumping-Preisen in Drittländer wie Afrika und zerstören dort die lokalen Märkte“. Dass er mit seiner Meinung nicht allein dasteht, haben ihm die Gespräche beim Branchen-Stammtisch gezeigt. „Natürlich sind jetzt alle besorgt.“

5 Cent Aufschlag ab Sommer

Es wird in diesen Wochen viel gerechnet. Zu den 11 Euro für ein Huhn im Einkauf (Brütereien, gibt es hier, wie gesagt, nicht) gesellt sich der Hahn mit 6,50 Euro. Mit den Zusatzkosten kommt er auf 21 Euro für ein Huhn im Einkauf, ohne dass es gefressen oder ein Ei gelegt hat. In Bühl im Hofladen verkauft er das Ei derzeit für 40 Cent, mindestens 5 Cent wird er schon ab Sommer draufschlagen müssen. „Das muss man den Kunden doch alles vermitteln. Und wer weiß, wie sich das alles entwickeln wird.“

Konventionelle Hühnerbetriebe haben es etwas besser, weil jetzt Maschinen eingesetzt werden, die das Geschlecht des Küken im Ei bestimmen können. Ihr Einsatz wird sie geschätzt 2 bis 3 Cent pro Ei kosten, deutliche Mehrkosten erwarten die Biobetriebe. „Wahnsinn, was da auf uns zukommt“, sinniert Ohrndorf. Dass es nächstes Jahr keine Eintagsküken mehr geben wird für die Tiere in den Falknereien und den Zoos, ist dagegen ein klitzekleines Problem.

Frank Ohrndorf ist einer der schärfsten Kritiker der Gesetzesnovellierung. Er wird die neuen Auflagen nicht umsetzen können.
Noch ist der Hahn alleine im Korb. Doch das soll sich auf den Höfen bald ändern. Auf jedes Huhn soll dann ein Hahn kommen.
Autor:

Dr. Andreas Goebel (Redakteur) aus Betzdorf

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