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Backesfest-Unglück in Alchen
Gedenken und Zuversicht am Jahrestag

Idyllisch präsentiert sich der Platz zwischen Backes und Schule als Dorfmittelpunkt von Alchen. Die Schatten des Unglücks, das sich hier vor einem Jahr ereignete, das zwei Todesopfer und viele Verletzte forderte, lichten sich – die Erinnerung aber bleibt.
  • Idyllisch präsentiert sich der Platz zwischen Backes und Schule als Dorfmittelpunkt von Alchen. Die Schatten des Unglücks, das sich hier vor einem Jahr ereignete, das zwei Todesopfer und viele Verletzte forderte, lichten sich – die Erinnerung aber bleibt.
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  • hochgeladen von Katja Fünfsinn (Redakteurin)

js Alchen. Die Zeit heilt alle Wunden, so wird behauptet. Doch was ist schon ein Jahr? Auf den Tag genau so lange liegt das Unglück auf dem Backesfest in Alchen zurück, bei dem eine Fettexplosion zwei Todesopfer und zahlreiche Verletzte forderte – und das den beschaulichen Freudenberger Stadtteil mit einem Schlag verändern sollte. „Wir sind dabei, die Ereignisse zu verarbeiten“, sagt Martin Lucke, Vorsitzender des Heimat- und Verschönerungsvereins. „Die Wunden schließen sich allmählich.“ Vergessen aber wird und will in Alchen niemand. Ganz nah dran an der fatalen Explosion war Stefan Gieseler, der Schriftführer des Gastgebervereins. Mit seiner Lebensgefährtin war er an diesem Sonntagmittag für die Getränke zuständig gewesen.

js Alchen. Die Zeit heilt alle Wunden, so wird behauptet. Doch was ist schon ein Jahr? Auf den Tag genau so lange liegt das Unglück auf dem Backesfest in Alchen zurück, bei dem eine Fettexplosion zwei Todesopfer und zahlreiche Verletzte forderte – und das den beschaulichen Freudenberger Stadtteil mit einem Schlag verändern sollte. „Wir sind dabei, die Ereignisse zu verarbeiten“, sagt Martin Lucke, Vorsitzender des Heimat- und Verschönerungsvereins. „Die Wunden schließen sich allmählich.“ Vergessen aber wird und will in Alchen niemand. Ganz nah dran an der fatalen Explosion war Stefan Gieseler, der Schriftführer des Gastgebervereins. Mit seiner Lebensgefährtin war er an diesem Sonntagmittag für die Getränke zuständig gewesen. Seine Mutter Christa stand derweil am Bräter, als das Fett in der Pfanne explodierte. Wie erstarrt sei er im ersten Moment gewesen, erinnert sich Gieseler. Dann sei ihm bewusst geworden, was geschehen war. Seine Mutter kam auf ihn zugelaufen, sie stand in Flammen. „Ich habe sie gelöscht“, erinnert er sich merklich bewegt. Dankbar sei er gewesen, als die Ersthelfer übernahmen und „erstklassige Arbeit machten“.

Beeindruckende Kraftressourcen

Es folgte eine harte Zeit, mitunter habe es nicht gut ausgesehen für seine Mutter. Drei Wochen lang wurde sie in einer Kölner Spezialklinik behandelt, zweieinhalb Wochen davon lag sie im Koma. Im Anschluss ging es für mehrere Monate in in eine Rehaklinik, bis Christa Gieseler Mitte Februar wieder nach Hause entlassen werden konnte. „Sie hat das alles gut verkraftet“, zeigt sich Sohn Stefan erleichtert. Dabei habe sie so viel erdulden müssen, nach dem langen Liegen musste sie erst einmal wieder laufen lernen. Zudem schlug das Schicksal zu, als ihr Ehemann genau in der Zeit verstarb, als sie selbst noch im Krankenhaus lag. „Sie hat sich jedoch nicht unterkriegen lassen und kämpft sich durch.“
Damit steht die 76-Jährige beinahe exemplarisch für ganz Alchen. „Jeder für sich hat einen Weg gefunden, dies zu bewältigen“, berichtet Oliver Günther. Der Pfarrer der ev.-ref. Kirchengemeinde ist beeindruckt von den Kraftressourcen, die die Menschen in Alchen mobilisiert hätten, um zurückzukehren ins Leben. Auch die anderen Schwerstverletzten hätten diese positive Einstellung, berichtet Martin Lucke. „Da gibt es keine Vorwürfe, das ist ein ganz bewundernswerter Umgang.“

„Ehrliche Solidarität“

Der Vorsitzende erinnert sich daran, dass er kurz nach der Katastrophe die Sorge hatte, der Verein könne so erschüttert sein, dass er sich auflösen würde. Doch dann sei ein Zusammenhalt spürbar geworden, mit seelsorgerischer Betreuung sei es den Aktiven gelungen, durchzuhalten, Stabilität zu erlangen, sich nicht der Verzweiflung hinzugeben. Nach einer gewissen Zeit habe der Verein wieder begonnen, seine Arbeit für den Ort zu machen. Von einer „ehrlichen Solidarität“ spricht Pfarrer Günther, der in den vergangenen zwölf Monaten ganz nah dran war an den Alchenern. Das Miteinander sei von großem Vertrauen geprägt und viel Sachlichkeit. „Damit sind die Alchener wirklich vorbildhaft.“
Solidarität untereinander ist das Eine, die Solidarität in der Szene der Ehrenamtlichen ist das Andere. „Viele Heimatvereine aus dem Siegerland unterstützen uns“, erzählt Ehrenvorsitzender Horst Heide. Mit ermutigenden Worten, aber auch mit Spenden. „Das hat uns sehr bewegt.“

„Niemand braucht hier einen Schuldigen"

Natürlich: Der Blick der ehrenamtlich Engagierten auf Alchen ist besonders geschärft. Das Backesfest und seine Folgen haben auch eine Vielzahl anderer Veranstalter und Dorfgemeinschaften schockiert. Gebannt warten viele darauf, was aus den laufenden Ermittlungen gegen ein Vorstandsmitglied wird. Von einer „kolossalen Belastung“ spricht Martin Lucke mit Blick auf seine „rechte Hand“, die nun die Vorstandsarbeit vorerst ruhen lässt, dem aber alle Türen offen gehalten werden und der weiter tatkräftig mit anpackt, wenn der Verein seinen Ort verschönert. „Wir bangen und zittern mit ihm.“ Die Alchener hoffen, dass das Verfahren eingestellt wird. „Niemand braucht hier einen Schuldigen, keiner schreit danach!“Das Ziel der Dorfbewohner sei es, die Vergangenheit zwar nicht zu vergessen, sie aber nicht übermächtig werden zu lassen, sie nicht immerzu vor Augen zu haben. „Wir möchten uns auch wieder mit Dingen beschäftigen, die für unsere Zukunft wichtig sind“, betont Lucke. Das Verhältnis der Alchener untereinander sei gut, das Unglück belaste sie nicht im täglichen Umgang miteinander.

Gedenkstunde zur Erinnerung

Am Jahrestag laden Verein und Kirchengemeinde gemeinsam zu einer Gedenkstunde ein. „Wir können nicht nichts machen“, fasst Oliver Günther die Motivation zusammen, auf das Datum einzugehen. Da aber die Trauer, der Umgang mit dem Geschehenen, der Erinnerung und dem persönlichen Schmerz ganz individuell ausfalle, werde die Veranstaltung nicht am Ort des Geschehens stattfinden, sondern in der ev. Kirche – als offenes Angebot in geschütztem Raum. Für manche sei der Anblick des Platzes vor dem Backes noch immer zu belastend.Alchen steht zusammen. Der geübte Schulterschluss dürfte der Dorfgemeinschaft auch heute Halt geben.

Autor:

Jan Schäfer (Redakteur) aus Siegen

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