Hundert Prozent sind gerade genug

Wilfried Kray: Freudenberger Kulturmacher aus Passion seit kurzem in Altersteilzeit

aww Freudenberg. 99 Prozent – das waren für Wilfried Kray nie genug. Der Kulturmann ist ein Hundertprozentiger, der zu jeder Zeit mit Leib und Seele hinter dem steht, was er tut. Motto: »Geht nicht, gibt’s nicht.« Das kann für den langjährigen Leiter des Kultur- und Touristikamtes Freudenberg auch bedeuten, einmal selbst in die Bresche zu springen und mächtig zu improvisieren, wenn zum Beispiel ein bekannter Schauspieler nicht rechtzeitig auf der Bühne steht. Schließlich sitzt da ja ein Publikum, das wartet...

So geschah’s vor vielen Jahren in der Aula Büschergrund, der Spielstätte des Kulturkreises der Stadt Freudenberg. Ernst Hilbig sollte in einem seit Wochen ausverkauften Lustspiel auf der Bühne stehen. 20 Uhr, das Ensemble war anwesend, die Bühne bereitet, das Publikum in froher Erwartung. Nur einer fehlte: Hauptdarsteller Ernst Hilbig. »Was tun?«, fragte sich Organisator Wilfried Kray – und hatte eine zündende Idee: Kurzerhand initiierte er eine Talkshow mit den Schauspielern auf der Bühne. Eine unterhaltsame Angelegenheit, die bei den Besuchern sehr gut ankam. »Nach fast einer Stunde«, berichtet Kray im Gespräch mit der Siegener Zeitung, »wurde plötzlich die Tür zur Bühne aufgerissen, und Hilbig kam mit fliegenden Fahnen herein: ,So, jetz sinn isch he, jetz gedd et loss...'«.

Nur eine von vielen Geschichten, die Wilfried Kray aus seiner 26-jährigen Tätigkeit als Kultur- und Touristikchef erzählen kann. Seit Anfang dieses Monats ist er – nach insgesamt 45 Dienstjahren bei der Stadt – in Altersteilzeit gegangen; noch für die nächsten zweieinhalb Jahre. Ab und zu sei er mal noch im Büro, sagt der Freudenberger »Kulturelle«. Schließlich gebe es noch das eine oder andere zu klären, Fragen zu beantworten.

Obwohl er in seiner Doppelfunktion auch immer im Dienste der touristischen Fragen der Stadt im Einsatz gewesen sei, habe sein besonderes Interesse immer der Kultur gegolten, sagt Kray, der 1980 den städtischen Kulturkreis ins Leben rief, nachdem der damalige Kulturausschuss die Einrichtung einer eigenen Aboreihe beschlossen hatte. Den Touristik-Bereich behandelte er aber keineswegs stiefmütterlich, sondern sah vielmehr die Chancen, die in einer solchen Kopplung zweier Arbeitsbereiche an ein Amt schlummerten. »Wir haben das damals in der Stadt erstmals gemacht, die Synergieeffekte von Kultur und Tourismus zu nutzen.«

In mehr als einem Vierteljahrhundert hat sich der Kulturkreis mit bisher rund 180 Veranstaltungen und über 60000 Besuchern zu einer festen Größe im regionalen Kulturbetrieb entwickelt. Kray: »Wir hatten während der ganzen Zeit bei rund 130 Theaterveranstaltungen nicht eine Wiederholung.« Wen wundert’s bei den profunden Kenntnissen des Programmgestalters, Kulturorganisators und -managers, der über eine Privatbibliothek von 500 bis 600 Theaterstücken verfügt. »Ich habe versucht, immer wieder etwas Neues zu bringen.« Nicht immer ein ganz leichtes Unterfangen, da die Bühnengegebenheiten in Büschergrund nur eine bestimmte Größe der Inszenierungen erlauben und auch der finanzielle Aspekt Grenzen setzt. »Sie müssen handeln wie auf dem Basar und jammern, Sie müssen kurz vor dem Weinen sein«, berichtet Kray augenzwinkernd von den Verhandlungsprozeduren mit Theaterintendanten. Wohl nicht umsonst hat Kray den Ruf des »Managers in der Verwaltung« weg.

Trotz der Einschränkungen gelang es Kray immer wieder, große Namen nach Freudenberg zu holen. Ruth Hausmeister und Jutta Speidel etwa in »Plötzlich, letzten Sommer« – »Das waren so Sachen, die unter die Haut gingen«, berichtet Kray. Heinz Drache war da, ebenso Uschi Glas, Günter Strack, Günter Ungeheuer oder Horst Frank. Sogar der große »Kuli«, der »Im Zweifel für den Angeklagten« gab. Mit Hans-Joachim Kulenkampff habe er sich im Anschluss an die Veranstaltung noch lange unterhalten, blickt Kray zurück. »Dabei habe ich festgestellt: Obwohl Kulenkampff ein großer Showmaster war, schlug sein Herz für das Theater.« Neben dem Theaterprogramm, das von heiter bis ernst die gesamte Bandbreite abdeckt und traditionell den Hauptbestandteil des Abo-Programms bildet, gab und gibt es in Freudenberg natürlich auch immer Kleinkunst und Musik.

Wichtig war Kray immer der persönliche Einsatz. »Ich war immer dabei, habe fast alle Veranstaltungen selbst begleitet. Das Publikum merkt das.« Bedeutsam sei es, sich sowohl mit dem Publikum als auch mit den Anbietern zu identifizieren. Wer ihn kennt, der ahnt, dass der Ruhestand ein Unruhestand wird: Schließlich gibt es da noch die Freilichtbühne, der er seit 46 Jahren in verschiedenen Funktionen aktiv angehört. Außerdem wartet viel Arbeit bei seinem ganz großen Hobby: der heimischen Modelleisenbahn.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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