Im Wandel der Zeiten vielfach genutzt

»Gute Stube« des Turnvereins Freudenberg:

Pläne für die »neue« Jahn-Lagemann-Halle vor 75 Jahren geboren / Anfänge im Jahr 1894 an historischem Schlossberg

sz Freudenberg. Den Mitgliedern des Flecker Turnvereins steht ein runder Geburtstag ins Haus. Vor 75 Jahren wurden die Pläne für den »Neubau« der Jahn-Lagemann-Halle am Schlossberg geboren und umgesetzt. Doch die Geschichte seines Vorgängers geht bis ins Jahr 1894 zurück, als der Turnverein am 27. Juni von 60 Gründungsmitgliedern ins Leben gerufen wurde. Damit ist er einer Mitteilung zufolge der älteste sporttreibende Verein in der Stadt Freudenberg mit heute 900 Mitgliedern.

Schon im Gründungsjahr stellte ein Mitglied einen Schuppen zur Verfügung. Als Standort wählten die Gründungsväter die einstige »Schierwelkull« (Scherbenkuhle) am Schlossberg, direkt unterhalb des historischen Schlossplatzes gelegen. Am 18. November 1894 fand die Eröffnungsfeier statt. Die Kosten von 1500 Reichsmark wurden durch die Mitglieder in Form von 150 Anteilscheinen à 10 Reichsmark gedeckt. Da die Halle auf kommunalem Gelände stand, war der Turnverein in dem Pachtvertrag die Verpflichtung eingegangen, die Kinder der nahe gelegenen evangelischen Volksschule in der Halle turnen zu lassen. Im Jahr 1902 wurde auch der katholischen Volksschule gestattet, die Turnhalle zu nutzen. Dafür erhielt der Verein aus der kommunalen Kasse Freudenberg jährlich 25 Mark Miete, die 1899 nach einigen Verhandlungen auf 50 Mark verdoppelt wurde. Erst 1959 entstand eine erste Schulturnhalle in der Schulstraße.

Im Ersten Weltkrieg wurde die Halle zeitweise als Pferdestall genutzt. Um den Turnbetrieb wieder aufnehmen zu können, mussten die Turner das Gebäude erst einmal »entmisten«. Eine erste Erweiterung erfolgte in den frühen 20er Jahren. 1922 wurde der Beschluss gefasst, schon 1923 feierte man die Eröffnung. Bei dieser Maßnahme wurde auch eine Hausmeisterwohnung angebaut. Auf Grund der positiven Vereinsentwicklung beschloss der Vorstand des Turnvereins am 5. Juli 1928, der Kommune die Turnhalle zum Preis von 12000 Mark anzubieten. Die Amtsvertretung lehnte jedoch dankend ab. Nun galt es, über einen Neubau der Turnhalle am Schlossberg oder in der Seelbach, nahe des heutigen Feuerwehrgerätehauses, zu beraten. In einer außerordentlichen Generalversammlung am 25. August 1928 stimmten 25 Mitglieder für einen Neubau Am Schlossberg, nur fünf für einen Neubau in der Seelbach.

Die Gesamtkosten des Turnhallenbaus betrugen 23029,23 Reichsmark. Doch woher die Mittel in der schlechten wirtschaftlichen Lage nehmen? Der Verein verkaufte zunächst den Sportplatz für 4000 Reichsmark an die Kommune, das Hilfswerk Deutsche Turnerschaft gab ein Darlehen in Höhe von 1000 Reichsmark. 1765 Reichsmark Beihilfe gewährte die Regierung. Weitere 6000 Reichsmark überwies der Sohn des früheren Lehrers Lagemann, der nach Amerika ausgewandert und als Kaufmann Millionär geworden war, nachdem Vereinsvorsitzender Willi Vollmer ihm die schwierige Situation des Vereins beschrieben und dem Brief ein Foto der Grabstätte seines Vaters in Freudenberg beigelegt hatte.

Nach wie vor bestand eine erhebliche Finanzierungslücke, auch wenn die Mitglieder fleißig zupackten. Die Fertigstellung der Halle nahm der Verein zum Anlass, Lagemann Fotos und einen Finanzierungsplan der Turnhalle zuzusenden. Man bat ihn, der Halle den Namen »Jahn-Lagemann-Halle« geben zu dürfen. Bald teilte der Gönner mit, dass er dem Verein ein weiteres Darlehen statt einer sonst aufzunehmenden Sparkassenhypothek in Höhe von 10000 Mark zu 5 Prozent Zinsen gewähren wolle. Als Carl Lagemann nur ein Jahr später starb, teilten seine Erben mit, er habe dem Verein von dem geliehenen Geld 5000 Mark geschenkt, wenn der Turnverein an das Krankenhaus Bethesda 5000 Mark bezahle. Zur Begleichung wurden damals 4000 Mark bei der Amtssparkasse aufgenommen. Zuvor war Carl Lagemann zum Ehrenmitglied des Vereins ernannt worden. Ende der 30er Jahre gab es im Landkreis Siegen nur 25 Turnhallen, die einzige im Amtsbezirk Freudenberg war die Jahn-Lagemann-Halle.

Im Winterhalbjahr 1945 musste der Turnbetrieb wegen fehlenden Heizmaterials und Stromknappheit auf einen Abend in der Woche beschränkt werden. Im November 1945 wurde ein Mietvertrag mit der Amtsvertretung zur Unterbringung der Evakuierten aufgestellt. Der Gemeinde wurden der Turnsaal, die Bühne und der unter der Bühne befindliche Kellerraum mit insgesamt 330 Quadratmetern Fläche sowie die vorhandenen Stühle, Tische und Bänke zum monatlichen Zins von 99 Reichsmark zur Verfügung gestellt. Mit Kinobesitzer Ernst Leck wurde am 14. Juli 1947 ein Vertrag abgeschlossen, demzufolge die Turnhalle ab sonntags 13 Uhr bis montags 24 Uhr für monatlich 200 Reichsmark, nach der Währungsreform für 6 Prozent der Bruttoeinnahmen vermietet wurde.

1954 wurden die mit einem Kostenanschlag von 20000 DM geschätzten Bauarbeiten ––Umbau der Toilettenanlagen und Neubau des Geräteraumes – durchgeführt. 1961 folgten ein neuer Parkettfußboden sowie eine erste Ölzentralheizung. Durch den zunehmenden Neubau städtischer Turnhallen, insbesondere der Dreifachturnhalle im Schulzentrum Büschergrund, verlor die vereinseigene Turnhalle im Laufe der Jahre an Bedeutung.

Wie den Vereinsprotokollen der 60er Jahre zu entnehmen ist, bemühte sich der Vorstand seinerzeit verstärkt, die inzwischen recht instandsetzungs- und modernisierungsbedürftigte Turnhalle baulich zu verbessern. Ein in Verlängerung der Turnhalle geplanter Anbau für die Schaffung geeigneter Dusch- und Umkleideräume wurde Ende der 60er Jahre trotz bewilligter Zuschussmittel nicht realisiert. Obwohl in den folgenden Jahren wiederholt Modernisierungsmaßnahmen durchgeführt worden waren, versuchte man nochmals Mitte der 70er Jahre, die Turnhalle zu veräußern. Weder die Stadt Freudenberg noch der Hotelier Hollstein des nahegelegenen Schlossberg-Hotels zeigten Interesse. Der damalige Stadtdirektor Günter Mangelsdorf lehnte es ab, auch nur »eine müde Mark« in die alte Turnhalle zu investieren. Damit blieb den damals Verantwortlichen des Vereins nichts anderes übrig, als mit der »Hypothek« der rund 80 Jahre alten Halle zu leben.

1984 wurden erneut Überlegungen angestellt, die Turnhalle durch einen Anbau zu erweitern, um u.a. die immer noch fehlenden Dusch- und Umkleideräume sowie eine Erweiterung des Geräteraumes zu erreichen. Nachdem die Finanzierung unter Einsatz von Zuschussmitteln stand, wurden die Maßnahmen in den Jahren 1987 bis 1988 durchgeführt. Auch die Bausubstanz der Turnhalle wurde erheblich verbessert. Zu guter Letzt wurde das Vereinszimmer zu einem gemütlichen Treffpunkt ausgebaut und eingerichtet. Mit der Erweiterung der Hausmeisterwohnung im Jahre 1989 fanden die damaligen Bauarbeiten ihren Abschluss. Der komplette Vorplatz der Turnhalle wurde im Jahre 1990 gepflastert.

Eine rasante Entwicklung nahmen Mitte der 90er Jahre die Gesundheits-Kursangebote. Oft von der Krankenkasse mitfinanziert, waren die Übungsstunden meist überbelegt. Als sich die Krankenkassen zurückzogen, nahm auch die Beteiligung an derartigen Übungsstunden ab. Der Tv Freudenberg hatte, um dem unzureichenden Raumangebot abzuhelfen, 1998 einen Bauantrag und Zuschussanträge zwecks Erweiterung der Turnhalle gestellt. Kurzerhand entschloss sich der Vorstand im Jahr 2000, statt des Anbaus einen neuen Parkettfußboden mit neuem Unterbau, der bisher gänzlich fehlte, sowie weitere Modernisierungsmaßnahmen durchzuführen. Die südliche Außenfassade der Halle wurde von alten Eternitplatten befreit, wärmegedämmt und mit Naturschiefer versehen. Weitere Instandsetzungs- und Renovierungsarbeiten rundeten die Baumaßnahmen 2000 und 2001 ab. Und nach der Renovierung und Modernisierung der Hausmeisterwohnung im vergangenen Jahr erstrahlt die Jahn-Lagemann-Halle in neuem Glanz.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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