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Erster Backtag nach dem Unglück
Kleine Schritte aus dem Schatten

Am Samstag gibt es wieder Backesbrot: Karl-Heinz Viereck heizt den Ofen an.
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tip Alchen. Es tut sich was am Alcher Backes. Ins Vogelgezwitscher und die Motorengeräusche der Autos auf der Bühler Straße mischt sich ein metallisches Klappern. Horst Heide öffnet die Klappe des Ofens und feuert ihn weiter an. „Heute morgen haben wir mit dem Anheizen begonnen”, sagt er, während er ein Stück Buchenholz nachlegt. Sein Kollege Karl-Heinz Viereck nimmt sich den langen Schürhaken und stochert in der Glut. 300 Grad braucht der Backes, damit der „Riewekooche“ gut gelingen kann. Drei Tage lang wird der Ofen angeheizt. Früher haben die Alcher jeden Monat gebacken. Am Samstag endet eine lange Pause. Knapp zwei Jahre nach dem tragischen Unglück mit zwei Todesopfern im Rahmen des Backesfestes ist es ein Neustart – für den Heimatverein, aber auch für den ganzen Ort.

tip Alchen. Es tut sich was am Alcher Backes. Ins Vogelgezwitscher und die Motorengeräusche der Autos auf der Bühler Straße mischt sich ein metallisches Klappern. Horst Heide öffnet die Klappe des Ofens und feuert ihn weiter an. „Heute morgen haben wir mit dem Anheizen begonnen”, sagt er, während er ein Stück Buchenholz nachlegt. Sein Kollege Karl-Heinz Viereck nimmt sich den langen Schürhaken und stochert in der Glut. 300 Grad braucht der Backes, damit der „Riewekooche“ gut gelingen kann. Drei Tage lang wird der Ofen angeheizt. Früher haben die Alcher jeden Monat gebacken. Am Samstag endet eine lange Pause. Knapp zwei Jahre nach dem tragischen Unglück mit zwei Todesopfern im Rahmen des Backesfestes ist es ein Neustart – für den Heimatverein, aber auch für den ganzen Ort.

Klar: Auch Corona hat zur langen Pause beigetragen. „Aber wir wollten keinen Dauer-Ruhestand”, erläutert Heide, dessen Handgriffe und das Zusammenspiel mit Kollege Viereck noch immer gut sitzen. „Nur manchmal muss ich überlegen, wo denn die Werkzeuge oder Zutaten liegen.”

"Wir wollen in Gedenken an die Opfer, die unsere Helfer und Freunde waren, für Alchen und die Menschen hier weiter machen."
Martin Lucke
Vorsitzender des Heimatvereins

Martin Lucke hat die Blumenkübel am Backes mit Veilchen bepflanzt. Veilchen – wahrscheinlich unbewusst, aber irgendwie passend. Sie stehen symbolisch für Demut. Für die Einsicht in die Notwendigkeit und den Willen zum Hinnehmen der Gegebenheiten. Oder wie es der Vorsitzende des Heimatvereins Alchen sagt: „Es muss und soll ja irgendwie weitergehen. Wir wollen nach vorne blicken.”

"Ein wenig Geselligkeit" am Samstag

Eigentlich wollten sie schon im Februar wieder starten, doch der Termin musste coronabedingt abgesagt werden. Im April gab es eine kleinere Backrunde, ohne Ankündigung. Quasi ein Testlauf.
Am Samstag hofft man ab 14 Uhr auf viele Gäste. Es gibt „Öalcher Landbrot”, Körnerbrot, Vitalbrot, Weißbrot sowie verschiedene Sorten Blechkuchen. Ist das Wetter gut, will man draußen ein paar Bierzelt-Garnituren aufstellen. „Wir haben das Gefühl, dass die Bewohner sich mehr denn je wieder auf ein wenig Geselligkeit freuen”, denkt Lucke. Pfarrer Oliver Günther stimmt zu. „Es gibt im Ort das große Bedürfnis zur Rückkehr zur Normalität. Aber: Es sind nur kleine Schritte, die gegangen werden. Weil es noch keinen Abschluss nach dem schrecklichen Unglück gibt.”

Unglück noch allgegenwärtig

In der Tat: Noch immer laufen die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen ein ehemaliges Vorstandsmitglied des Heimatvereins wegen fahrlässiger Tötung. „Das belastet uns kolossal”, sagt Martin Lucke. „Aber wir wollen in Gedenken an die Opfer, die unsere Helfer und Freunde waren, für Alchen und die Menschen hier weiter machen.”

Ein Schock für alle

Nach der „Schockstarre”, so der Vorsitzende, sei es an die Bewältigung des Unglücks gegangen. Pfarrer Günther hat den Menschen dabei geholfen. Noch immer führt er Gespräche zu diesem Thema. „Aber nicht organisiert. Meist ergibt es sich aus ganz alltäglichen Unterhaltungen.”
Er freut sich nun auf Samstag. „Der Mensch ist auf Gemeinsamkeit und Geselligkeit angelegt. Das Social Distancing ist an seine Grenzen gestoßen: Wir brauchen Nähe.” Die Pandemie habe den Alchern viele Möglichkeiten der Trauerbewältigung genommen. Umso wichtiger findet er die Initiative des Heimatvereins, jetzt wieder an den Backes einzuladen. „Es ist etwas ganz Besonderes. Auch wenn es im eigentlichen Sinne nur eine kleine Runde bei Kaffee und Kuchen ist. Aber mehr brauchen wir hier auch noch gar nicht.”

Kein Backesfest in absehbarer Zukunft

Ein richtiges Backesfest soll es auf absehbare Zeit in Alchen nicht mehr geben. Dafür will der Heimatverein mit anderen Initiativen nach vorne blicken. „Wir sind ein aktiver Verein und haben einige Projekte am Zettel”, sagt Martin Lucke. Eine Taschengeldbörse will man einrichten. Jung soll dabei Alt im alltäglichen Leben unterstützen. Die Neugestaltung des Schulhofs ist ein großes Thema. Und einen Weihnachtsmarkt soll es in diesem Jahr – wenn die Maßnahmen und Regeln der Pandemie es zulassen – auch wieder geben.

Horst Heide will mit seinen 80 Lebensjahren so gut es geht mithelfen. „Mein Herz hängt am Ort und an diesem Verein.” 21 Jahre stand er ihm vor, mittlerweile ist er Ehrenvorsitzender. Er reibt sich die Hände sauber, klopft seine Schürze ab. Es geht wieder ran an den Ofen. Die nächsten Holzscheite werden verfeuert. Für Samstag soll alles perfekt vorbereitet sein.
Einen Abschluss gibt es in Alchen noch nicht. Aber einen weiteren, kleinen Schritt hin zu mehr Normalität, den wollen die Menschen des Ortes gemeinsam unternehmen.

Autor:

Tim Plachner

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