Manche mussten auf den Kuchen warten

… und das war im Vergleich zu 1959 schon ein technischer Quantensprung.
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Freudenberg. Friedhelm Geldsetzer hat viel zu erzählen. 50 Jahre Freilichtbühnen-Leben haben Spuren hinterlassen, Geschichten und Anekdoten.

Im zarten Alter von 15 Jahren will der spätere Feuerwerker eigentlich Musik machen, aber seinen Freund Bernd Klein (unvergessen sein Hotzenplotz) zieht es auf die Bretter, die die Welt bedeuten. Gute Kumpels einigen sich natürlich, und so beschließen sie, beides anzugehen. Friedhelm und Bernd stehen Anfang 1959 vor Kleins Hutgeschäft, da kommt Reppels Richard, einer der ersten Spielleiter der Bühne vorbei und spricht sie an. Originalton Flecken natürlich. Und er will den beiden Jungs zeigen, was man so drauf haben muss, auf der Bühne. Und weil Reppel damals gerade den Teufel aus dem „Kriegskassenraub“ im Repertoire hat, legt der in einer offenbar unvergesslichen Performance den Höllenfürsten hin. Friedhelm Geldsetzer: „Das ging soweit, dass er sich auf der Straße wälzte und die Passanten kopfschüttelnd stehen blieben.“ Ja, wenn das Freudenberger Künstlerblut in Wallung gerät …

So kam Geldsetzer zum damals – vorsichtig ausgedrückt – rustikal ausgestatteten Freilichttheater. Nach einigen Auftritten im „Volk“, sprich der Statisterie, wird seine wahre Passion, damals war er in der Lehre bei Elektro-Henrich, schnell klar. Seit 1956 denkt die Truppe an eine Beleuchtung, und jetzt hat sie den richtigen jungen Mann dafür. Kabel werden gespannt, der Strom wird bei der Lederfabrik Lucas abgezapft. Um die Situation zu verdeutlichen: Damals gab es kein Gebäude am Kuhlenberg, die Spieler zogen sich hinter Sträuchern und Zelten um. Als ein Kabelbrand die „Lightshow“ stoppt, fahren Vereins-Gastwirt Otto Dörner und der Architekt Reppel ihre Pkw neben die – natürlich unüberdachten – Zuschauerbänke und illuminieren die Szenerie mit den Autoscheinwerfern. Aber der Fortschritt ist unaufhaltsam. 1960 wird das erste Tonband angeschafft. Marschmusik aus kleinen Lautsprechern überbrückt die Pause. Die erste Holzüberdachung für die Zuschauertribüne verlangt nach Licht, und die AEG in Siegen stiftet Leuchtstoffröhren. Die holt Geldsetzer mit dem Moped, auf den Rücken gebunden wie der Jäger die Flinte. Seit 1961 dokumentiert Geldsetzer zudem mit bis heute rund 25 000 Fotos die Geschichte der Bühne. Der Fortschritt, den die Siegener Zeitung immer begleitet hat, bis zum modernen Open-Air-Theater von heute geht unaufhaltsam weiter. Und der Zuschauer weiß die Annehmlichkeiten von drahtlosen Mikrofon- und Lautsprecheranlagen durchaus zu schätzen.

Im Gegensatz zu dunnemals wird heute auch das Kuchenbacken nicht mehr zum Abenteuer, wenn am Kuhlenberg die Lichter angehen. „Früher“, so erinnert sich der engagierte Hobby-Bäcker Geldsetzer, „schwächelte in manchen Haushalten, wenn abends gespielt wurde, der Strom, und der Kuchen wurde nicht fertig.“

Unvergessen sind aber auch die tierischen Stars der Bühne. Besonders die Äffchen aus „Pippi Langstrumpf“ hatten durchaus ihren eigenen Kopf. So büxte einer wenige Stunden vor der Aufführung aus und schwang sich durch die heimischen Wälder. Friedhelm Geldsetzer: „Unsere ersten Anrufe bei Zoos führten zu keinem Ergebnis, die fühlten sich wohl auf den Arm genommen.“ Kann man verstehen, wenn die Frage gestellt wird, wie man einen Affen einfängt.Aber auch der Tipp, mit Bananen ausgerüstet durch den Wald zu streifen, brachte nichts. Schließlich schnappte ein pfiffiger Bursche den Ausreißer kurz vorm Überqueren der Hauptstraße. Er packte ihn einfach am Schwanz. Für Aufruhr sorgte einer der Dschungelbewohner auch im Hause Geldsetzer. Als seine Tochter einst die Pippi spielte, lebte das Äffchen – zwecks beiderseitiger Gewöhnung aneinander – mit der Familie unter einem Dach. Die Gastfreundschaft der Geldsetzers hinderte den als Herr Nilsson besetzten Affen allerdings nicht daran, ein ganzes Zimmer zu demolieren.Einer der großen Hits in Sachen Spezialeffekt war Geldsetzers „laufender Hut“ in einer Pumuckl-Inszenierung. Er unterfütterte die Kopfbedeckung mit einem Modellauto, das er wegen des zu langen Achsstandes erst verkürzen musste, und lenkte damit den Hut ferngesteuert über die Bühne. Die Illusion war perfekt und die Kinder begeistert. Gerade das kleine Publikum legt Wert auf solche Details, die es auch aus dem Fernsehen kennt. Wo der Erwachsene noch Höflichkeitsapplaus spendet, wendet sich der Nachwuchs schnell gelangweilt ab. Gerade in Sachen Kindertheater haben die Freudenberger über Jahrzehnte Basisarbeit geleistet. Für viele ist die Fahrt mit Kindergarten und Grundschule zur Bühne der erste Theaterkontakt überhaupt und der Grundstein für spätere Besuche in anderen Häusern. Und wer einmal erlebt hat, wie Jim Knopfs Lokomotive Emma mit Friedhelm Geldsetzers Hilfe und Orgelpfeifen Musik gemacht hat, der vergisst das so schnell nicht. Die Emma fährt heute auf der Freilichtbühne Heesen, die wie so viele andere von den Innovationen des Freudenberger Technik-Gurus Geldsetzer profitiert hat.

… und das war im Vergleich zu 1959 schon ein technischer Quantensprung.
So leuchtete Geldsetzer 1964 das Open-Air-Theater am Kuhlenberg aus …
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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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