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Entwicklung um Backesfest-Unglück Alchen
Tonkifreunde Bühl schließen Veranstaltungen aus

Dicht an dicht verfolgten die Besucher die spektakulären Darbietungen im Rahmen des Indianer- und Westernreitens der Tonkifreunde Bühl. Aus Furcht vor strafrechtlichen Konsequenzen für Ehrenamtler, sollte einmal etwas schiefgehen, schließt der Verein die Durchführung weiterer Events in der Zukunft vorerst aus.
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  • Dicht an dicht verfolgten die Besucher die spektakulären Darbietungen im Rahmen des Indianer- und Westernreitens der Tonkifreunde Bühl. Aus Furcht vor strafrechtlichen Konsequenzen für Ehrenamtler, sollte einmal etwas schiefgehen, schließt der Verein die Durchführung weiterer Events in der Zukunft vorerst aus.
  • Foto: Verein
  • hochgeladen von Christian Schwermer (Redakteur)

cs Bühl/Alchen. Jörg Thul atmet tief durch. „Aus der Retrospektive bekomme ich graue Haare, wenn ich daran denke“, sagt der Pressewart der Tonkifreunde Bühl und blickt auf die enorm beliebten Veranstaltungen zurück, die der Verein in den vergangenen Jahren immer wieder auf die Beine stellte. Das Indianer- und Westernreiten etwa war stets ein Publikumsmagnet, lockte Tausende Besucher an. „Da haben wir Kühe über die Bühne getrieben, nur mit einer dünnen Absperrung zu den Zuschauern“, sagt der 59-Jährige mit ungläubiger Stimme. Ja, es sei immer alles gut gegangen, die Besucher waren begeistert. Dennoch, aus heutiger Sicht sei das sicher blauäugig gewesen.

cs Bühl/Alchen. Jörg Thul atmet tief durch. „Aus der Retrospektive bekomme ich graue Haare, wenn ich daran denke“, sagt der Pressewart der Tonkifreunde Bühl und blickt auf die enorm beliebten Veranstaltungen zurück, die der Verein in den vergangenen Jahren immer wieder auf die Beine stellte. Das Indianer- und Westernreiten etwa war stets ein Publikumsmagnet, lockte Tausende Besucher an. „Da haben wir Kühe über die Bühne getrieben, nur mit einer dünnen Absperrung zu den Zuschauern“, sagt der 59-Jährige mit ungläubiger Stimme. Ja, es sei immer alles gut gegangen, die Besucher waren begeistert. Dennoch, aus heutiger Sicht sei das sicher blauäugig gewesen.

Ein nicht zu kalkulierendes Risiko

Seit Dienstagabend ist klar: Indianer- und Westernreiten, Wild-West-Weihnacht, Events für Kinder – sämtliche Veranstaltungen der Tonkifreunde sind vorerst Geschichte. Eine brutale Konsequenz aus den jüngsten Entwicklungen rund um das Alcher Backesfest-Unglück. „Sein Leben zu ruinieren, wenn man sich für andere einsetzt – das Risiko kann kein Mensch eingehen“, unterstreicht Jörg Thul. Die Tonkifreunde ziehen die Reißleine. Lösen sie damit vielleicht eine Lawine aus? Via Facebook verkündeten die Liebhaber der nordamerikanischen Geschichte am Dienstagabend das abrupte Ende all ihrer Events und Feierlichkeiten.

Der Grund: Die Mitteilung der Staatsanwaltschaft, gegen ein Vorstandsmitglied des Alcher Heimat- und Verschönerungsvereins wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung zu ermitteln. Die sich daraus ergebenen Risiken seien „so groß, dass wir sie nicht selber tragen können, und schon gar nicht unseren vielen ehrenamtlichen Helfern zumuten wollen, die unbezahlt und unter Einsatz ihrer persönlichen Freizeit eine solche Veranstaltung erst möglich gemacht haben“, heißt es auf Facebook.

Wer haftet im Fall der Fälle?

Mögliche strafrechtliche Konsequenzen für Ehrenamtler seien bei der Entscheidung des Vorstandes um seine beiden Vorsitzenden Simone und Michael Kolb nur ein Punkt gewesen, wie Jörg Thul der SZ gegenüber erklärt. Viel entscheidender komme die Frage nach der Haftung daher, wenn im Rahmen einer Veranstaltung einmal etwas schief gehen sollte. Zahlen die Versicherungen, sollte eine Einzelperson vor Gericht schuldig gesprochen werden? Treten diese lediglich in Vorleistung, holen sich etwa Schadensersatz bei der Person zurück? „Das könnte den persönlichen Ruin für den Einzelnen bedeuten“, sagt Thul. Für Vereinsvorstände sei eine persönliche Haftung nie auszuschließen, das sei auch die Kernaussage der Infoveranstaltung im November gewesen, zu der der Heimatbund eingeladen hatte.

Kaum zu glauben, dass es das Indianer- und Westernreiten vielleicht nie mehr geben wird.

Anpassung des Vereinshaftungswesens?

Der Tierarzt sieht vor allem den Gesetzgeber in der Pflicht, passende Rahmenbedingungen zu schaffen. Nein, eine „Immunität“ für Ehrenamtler – so interpretierten einige Kritiker die Anliegen von Vereinsvorständen – sei natürlich nicht die Zielsetzung. Als juristischer Laie bringt der in Büschergrund lebende Jörg Thul die Möglichkeit ins Spiel, das Vereinshaftungswesen anzupassen. Solche Organisationen könnten etwa eine Summe X zurücklegen und ähnlich einer Gesellschaft mit beschränkter Haftung im Fall der Fälle lediglich mit einem festgelegten Betrag haften.
Es gehe schlicht um ein gewisses Maß an Schutz vor „normalen“ Risiken. „Meine persönliche Meinung ist, dass es immer ein gewisses Restrisiko gibt, wenn man Feste von Vereinen besucht. Dann ist klar, dass kein millionenschwerer Konzern dahintersteht, sondern ich auf normale, fehlerbehaftete Menschen treffe“, sagt Jörg Thul – ohne damit natürlich die schrecklichen Folgen des Alcher Unglücks mit zwei Todesopfern auch nur im Ansatz kleinreden zu wollen. Womöglich reichten ja schon kleinere Unfälle aus, um Veranstalter in ernsthafte (strafrechtliche) Schwierigkeiten zu bringen.

Tonkifreunde stehen vor einer ungewissen Zukunft

Die Tonkifreunde Bühl stehen nun vor einer ungewissen Zukunft. Die Einnahmen aus den enorm kostenintensiven Events bewegten sich im überschaubaren Bereich, und dank gebildeter Rücklagen könnte der Verein auf Sparflamme zunächst weiter existieren. „Das Ergebnis für die kommenden Jahre aber ist offen“, so Thul.
Der Staatsanwaltschaft möchten sie in Bühl keinen Vorwurf machen, wenngleich Thul mit Blick auf das nun beschuldigte Alcher Heimatvereinsvorstandsmitglied hofft, dass die Justiz „so jemandem mit größtmöglichem Wohlwollen begegnet“.
Ein Hintertürchen lassen sie sich in Bühl übrigens noch offen. Mit dem sehr deutlich formulierten Facebook-Post habe man ein klares Statement setzen wollen – vollständig ausschließen möchten die Tonkifreunde Veranstaltungen für die Zukunft dann doch nicht. Diese müssten aber unter völlig anderen Vorzeichen laufen.
Jörg Thul: „Im Moment glaube ich nicht, dass wir den Mut aufbringen, das nochmal zu machen.“

Andreas Müller als Vorsitzender des Heimatbundes wendet sich unterdessen mit einem Brief an alle Unterstützer der Heimatarbeit in Siegerland und Wittgenstein.

Autor:

Christian Schwermer (Redakteur) aus Siegen

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